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Currentzis: "Ich liebe die Musik, aber nicht das Dirigieren“

Dirigent Teodor Currentzis

Dirigent Teodor Currentzis

Foto: Anton Zavjyalov

Teodor Currentzis verrät im exklusiven Interview mit dem Hamburger Abendblatt, warum er nur noch drei Konzerte pro Jahr geben will.

Bremen. Ein langes Einzelinterview mit Teodor Currentzis ist normalerweise so wahrscheinlich wie die Einladung zu einer Runde Wasserski mit dem Papst. Aber auch ein kurzes ist kaum leichter zu haben. Denn der griechische Dirigent, den alle engagieren wollen und nur sehr wenige bekommen, ist in dieser Hinsicht fast so speziell wie bei den Konzerten mit seinen MusicAeterna-Ensembles. Für manche ist der Maestro in Black mit seinen Interpretationen ein leuchtend rotes Tuch, für andere ein Heilsbringer im Kampf gegen Verknöcherung und Routine. Zur Verleihung des Musikfest-Preises in Bremen kam Currentzis kurz vor knapp aus St. Petersburg eingeflogen, im Anschluss an den Festakt vermittelte Intendant Thomas Albert das Gespräch. Einen Tag später stand Mozarts „Così fan tutte“ im Konzertsaal Glocke an, wo Currentzis seit Jahren regelmäßig auftritt; danach ging es nach Wien und zum Lucerne Festival, für je drei große Mozart-Opern hintereinander. In der Elbphilharmonie hat er in der letzten Saison als Residenzkünstler mehrfach abgeräumt (Verdi! Schostakowitsch!!), im Dezember kehrt er mit Mahlers Neunter dorthin zurück. Doch im Gespräch ging es schnell um Grundsätzlicheres als ein einzelnes Stück.

Wie gehen Sie mit der Verzweiflung um, wenn Sie nach den ersten 30 Sekunden auf einer Bühne merken: Was ich mir vorgestellt und vorgenommen hatte, wird heute Abend nicht passieren? Wie frustrierend ist das?

Teodor Currentzis: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie frustrierend. So viele Dinge sind nicht von einem selbst abhängig. Manchmal glaubt man, eine überwältigende Aufführung zu erleben, in der alles passt …

… und es doch niemand bemerkt …

Currentzis: … und am nächsten Tag läuft nichts. Es geht um Energie. Und was in einer Vorstellung passiert, kann man trotz der Proben nie voraussagen.

Beim Dirigieren geht es also darum, möglichst Fehler zu machen?

Currentzis: Nein. Es geht nicht um Fehler. Stellen Sie sich vor: Sie haben ein Date mit einer geliebten Person, und auf einmal bringen Sie kein vernünftiges Wort mehr über die Lippen. Dieses Energievakuum – und jeder Musiker weiß, was ich meine – benötigt seine eigene Behandlung: Lächeln und verstehen, dass man nur ein Nichts ist gegenüber der Größe der Musik. Das sind großartige Lektionen, um zu begreifen, dass wir Niemande sind. Es ist sehr wichtig, bescheiden zu sein, wenn man Musik macht.

Ist es nicht auch eine Sucht, dort, wo Sie stehen? Um Sie herum dieser ganze Klang, von Ihnen gesteuert, und es funktioniert – das stelle ich mir stärker als Heroin vor.

Currentzis: Es ist hart. Der Körper läuft die ganze Zeit auf höchsten Touren, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Es ist wie beim Laufen, aber nicht monoton; ständig ändert sich das Tempo, vier Stunden lang, und die Antennen und die Aufmerksamkeit sind immer auf 100 Menschen ausgerichtet. Das ist wirklich erschöpfend. Es gibt Momente, die stärker sind als jede Droge, ganz bestimmt. Und es gibt Momente mit großen Schmerzen, um etwas zu erreichen. Und Dirigieren ist etwas Unnatürliches. Dirigieren ist nicht so natürlich wie die direkte Kommunikation zwischen zwei menschlichen Wesen … Die Tatsache, dass Musiker bei ihrem Spielen jemanden benötigen, der dabei seine Hände bewegt ... Ich glaube, ich träume von einer Welt ohne Dirigenten und Politiker.

Neulich sagte mir der Pianist Ivo Pogorelich, dessen Umgang mit Musik viele für zu exzentrisch halten: Er verändere die Angaben in den Noten nicht, er lese sie nur anders. Auch Ihnen wird vorgeworfen, es mit dem Eigenwilligen mächtig zu übertreiben und Fehler zu begehen.

Currentzis: Wenn jemand sagt, was korrekt ist und was falsch – da bin ich mir sicher, dass diese Menschen weniger über diese Musik wissen als ich. Während andere vielleicht in Konzerten waren, um die Musik zu hören, war ich in Bibliotheken und habe mit den Partituren gearbeitet. Ich will nicht nur eine Meinung äußern oder etwas Radikales anstellen. Ich weiß einfach, wie genau ein Komponist mit unterschiedlichen Dynamiken umgegangen ist. Außerdem: Musik ist nicht nur ein Bündel schöner Klänge, sie ist eine Dramaturgie mit Tönen.

Bei jedem Ihrer Konzerte frage ich mich: Wie viel davon ist Handwerk, wie viel ist Intuition? Was ist Arbeit und was das Ergebnis des spielerischen Umgangs mit musikalischen Ideen?

Currentzis: Vor allem habe ich eine Vision des Stücks: Ich stelle mir die Klanglichkeit vor, den Ausdruck. Danach muss man Leute dazu bringen, das zu singen und zu spielen, es auch so zu sehen. Für Mozart-Opern beispielsweise entwerfe ich Kadenzen, und dann passe ich sie den Stimmen der Sängerinnen und Sängern an.

Gibt es Komponisten, gibt es Musik, die Ihnen einfach nichts sagt, die Sie nicht verstehen?

Currentzis: Ich möchte das auf positive Weise beantworten, denn ich will keine Urteile über Komponisten fällen. Manche mag ich nicht, und ich würde mir ihre Musik zu Hause nicht anhören, aber die Ursache dafür liegt an mir. Und es gibt Komponisten, die ich verehre. Was würden Sie antworten, wenn ich Ihnen sage, dass mein Lieblingskomponist Debussy ist?

Keine Einwände.

Currentzis: Debussy dirigiere ich nie, vor allem seine Klaviermusik liebe ich, er ist ein unglaubliches Genie. Er heilt mein Herz und meine Gefühle. Als jemand, der auch selbst komponiert, bin ich neidisch auf ihn. Und ich liebe auch Messiaen

Noch ein Klangfarben-Komponist.

Currentzis: Es geht da nicht um Farben, so wurden sie nur immer charakterisiert. Das sind dimensionale Komponisten. Sie erschaffen eine andere Dimension der Wahrnehmung, eine andere Art von Verständnis, das kein Zeitgefühl hat. Manchmal weiß man nicht, ob Messiaen ein mittelalterlicher oder ein moderner Komponist ist.

Sie leiten mit den MusicAeterna-Ensembles zwei Kollektive, die total auf Sie und Ihre Philosophie fixiert sind. Können ein Dirigent und ein Orchester Freunde sein? Etliche Dirigenten verhalten sich so ja nicht, sondern nach der Maxime: Ich befehle, und die haben zu gehorchen.

Currentzis: Das ist ein sehr einfacher Weg, um Autorität auszuüben. Liebe kann man nicht kaufen, diese Liebe zu erhalten ist schwierig. Ein Dirigent muss wissen, dass er kein besserer Mensch ist als ein Orchestermitglied. Dass er noch nicht mal ein besserer Musiker ist. Dieser Beruf stammt letztlich von der Monarchie ab. Deswegen mag ich das Dirigieren eigentlich auch nicht. Ich liebe die Musik, aber nicht das Dirigieren.

Ausgerechnet Sie mögen das Produzieren von Musik nicht?

Currentzis: Ich mache das, weil ich glaube, dass ich um der Musik willen etwas mitzuteilen habe. Aber ich träume von etwas anderem: drei Konzerte pro Jahr dirigieren, ansonsten aber komponieren und in der Natur sein.

Wenn etwas während eines Konzerts schiefgeht, wen hassen Sie dafür: sich selbst oder das Orchester?

Currentzis: Ich hasse niemanden, ich bin dann nur deprimiert. Aber: Ich glaube an Gott und, okay, es war dann wohl sein Wille. Man kann nichts machen, wir sind hilflos. Superman existiert nicht.

Ein anderer Pianist, Igor Levit, erklärte mir, dass die Bühne der eine große Freiheitsort für ihn sei.

Currentzis: Bravo Igor … Ich fühle mich nicht frei in meinem Leben.

Das ist deprimierend.

Currentzis: Je mehr man versteht, desto deprimierter wird man.

Und das ist sehr russisch.

Currentzis: Dostojewski.

Dann zu etwas Aufmunternderem: Sie sind seit knapp zwei Jahren Chefdirigent des SWR-Orchesters – das es so vorher noch gar nicht gab, weil es aus zwei aufgelösten Orchestern fusioniert wurde – und haben dort einen enormen Qualitätssprung hingelegt, der an ein Wunder grenzt.

Currentzis: Wir sind noch in einer sehr frühen Phase dieser Transformation. Wirklich anrührend und wichtig finde ich, dass jedes einzelne Orchestermitglied sein Bestes gibt. Am Ende wird das Ergebnis fast etwas unwichtig, wenn man diese Art von Einsatz sieht.

Wie viel Zeit verbringen Sie damit, vor dem Versagen Angst zu haben?

Currentzis: Warum fragen Sie mich ständig über Versagen aus?

Weil es in Ihrem Job ziemlich einfach sein kann, für erfolgreich gehalten zu werden. Denn ab einem gewissen Level bei den Engagements und den Posten denken viele: Der tritt da und dort auf, dann kann er nicht schlecht sein. Nach Salzburg dürfen nur die Besten, in die Elbphilharmonie werden keine Blender eingeladen … Und dann gibt es vielleicht auch für Sie Momente, vor dem Einsteigen in den nächsten Flieger, in denen Sie sich sagen: Das war jetzt aber knapp. Fast hätten sie mich dabei erwischt, dass ich doch nicht immer so gut bin. Ich schätze, Ihnen ist eher egal, was andere denken; Ihnen geht es darum, wie Sie sich fanden.

Currentzis: Im Musikmachen liegt eine große Verantwortung. Und man muss darauf achten, dass alles, was man tut, ein Konzept hat und gut geprobt ist. Und dann muss man noch sein Bestes geben. Es gibt viele Erfolgreiche und Berühmte, die nicht genügend proben, die Partituren nicht studieren und auf den großen Festivals auftreten. Wir Jüngeren können uns nur vornehmen, nicht so zu werden.

Wie geht es Ihrem Beethoven-Zyklus mit MusicAeterna? Der wurde groß angekündigt, aber inzwischen ist es ruhig darum geworden. Kommen alle Neune noch?

Currentzis: Zwei habe ich inzwischen aufgenommen. Die Neunte werden wir nach dem Jahreswechsel einspielen. Wir sind also momentan bei drei Sinfonien. Ich habe noch nicht das Geld für alle.

Sie müssen Geld dafür finden?

Currentzis: Natürlich. Und ich muss auch reisen, um die Orte mit der richtigen Akustik zu finden. Eine Halle mieten … Ich habe keine eigene Konzerthalle. Das Problem mit dem Geld gibt es immer.

Sogar für Sie, sogar in Russland?

Currentzis: Besonders für mich und besonders in Russland.

Jeder glaubt, dass es für Sie dort ganz einfach wäre, sich Wünsche erfüllen zu lassen.

Currentzis: Nichts ist einfach.

Gibt es für Sie noch unerfüllte Wünsche? Mit Ende 40 sind Sie für einen Dirigenten noch fast blutjung. Mit welchem Projekt würde Sie wirklich, wirklich gern erfolgreich sein?

Currentzis: Ehrlich?

Aber sicher ehrlich.

Currentzis: Ich möchte Menschen mit meiner Arbeit wirkliche Freude geben. Das Klassik-Publikum ist voller Neurosen. Man muss eine andere Frequenz finden, wo so etwas nicht mehr existiert.

Wenn das gelänge, müssten Sie das Dirigieren einstellen, weil Sie ja das Ziel erreicht hätten.

Currentzis: Das wäre toll! Ich träume davon, mit dem Dirigieren aufzuhören.

Doch was käme dann? Umschulen auf Klempner?

Currentzis: Nein, nein … ich komponiere und schreibe Bücher. Sicher, ich mag das Dirigieren, es ist eine Art Mission.

Also schlagen Sie momentan nur die Zeit tot, bis der richtige Beruf beginnt?

Currentzis: I don’t kill time, ich schlage Zeit nicht tot. Die Menschen, die ins Konzert kommen, jeder von denen hat so seine Pro­bleme, jeder kommt aus anderen Gründen … Aber ich war auch schon mit Sterbenden konfrontiert, mit Menschen, die versuchten, noch einen weiteren Moment Leben festzuhalten. Diese Menschen kamen und freuten sich so sehr über diese Gelegenheit. Das ist eine so große Verantwortung.

Also ist der allerschönste Klang, den Sie herbeidirigieren können, die Stille zwischen dem letzten Ton und dem ersten Applaus?

Currentzis: Das ist die Schönheit, die Musik zum Publikum bringt.

Ist es nicht auch der erschreckendste Moment? Weil diese ganze Welt wieder da ist, sobald er endet?

Currentzis: Nein, nein, er ist der schönste. Weil man dann versteht, wie wichtig Stille für die Welt ist. Wie wichtig es ist, dass 2000 Menschen in einem Raum miteinander in Stille sind. Jeder in seiner eigenen Welt. Das ist ein sehr aktiver, ein sehr lauter Moment.

CD-Tipps: Mahler Sinfonie Nr. 6. MusicAeterna (Sony Classical, ca. 12 Euro). Mozart „Don Giovanni“ (Sony Classical, 3 CDs, ca. 29 Euro).
Konzert
: 17. Dezember, SWR Symphonieorchester, Mahler Sinfonie Nr. 9. Elbphilharmonie, Großer Saal. Evtl. Restkarten an der Abendkasse.

Currentzis: Das Klassik-Phänomen

Die Karriere des in Athen geborenen Teodor Currentzis begann am Opernhaus in Nowosibirsk. Dort gründete er das Ensemble MusicAeterna. 2011 wechselten sie gemeinsam nach Perm und rollten von dort aus die internationale Klassik-Szene mit unkonventionellen Interpretationen und umjubelten Konzerten auf. Seit 2018 ist Currentzis auch Chefdirigent des frisch gegründeten SWR Symphonieorchesters. 47 Jahre alt, ist er zwei Wochen jünger als Kirill Petrenko, der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. In diesem Sommer eröffnete Currentzis mit Mozarts „Idomeneo“ die Salzburger Festspiele. Er hat bereits „Don Giovanni“, „Così fan tutte“ und „Le Nozze di Figaro“ auf CD eingespielt. Nach Ende der „Don Giovanni“-Aufnahmen war Currentzis so unzufrieden, dass er die gesamte Oper neu aufnahm. Für 2020 soll in Salzburg eine neue „Don Giovanni“-Inszenierung mit ihm und dem Regisseur Romeo Castellucci geplant sein.