Entscheider treffen Haider

Ankerkraut: Von der Lüge am Anfang bis zur "Höhle der Löwen"

Ankerkraut Gründer Anne und Stefan Lemcke im Abendblatt-Studio.

Ankerkraut Gründer Anne und Stefan Lemcke im Abendblatt-Studio.

Foto: Thorsten Ahlf

„Entscheider treffen Haider“ in dieser Folge mit Anne und Stefan Lemcke, den Gründern von Ankerkraut. Es wird sehr emotional…

Hamburg. Heute geht es um ein Unternehmen, dessen Gründung mit einer Lüge begann – und das die Gründer innerhalb weniger Jahre zu mehrfachen Millionären gemacht hat. Was die „Höhle der Löwen“, ein Gewürz-Monopol und Scooter damit zu haben, verraten Anne und Stefan Lemcke, die Chefs von Ankerkraut, in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“. Erstmals erzählen Sie auch, warum und wie sie Teile ihrer Firma jetzt verkauft haben – und was „der Klaus“ damit zu tun hat.

Das sagen die Lemckes über…


… die Trends in deutschen Küchen:

Anne: „Es helfen uns ganz unterschiedliche Entwicklungen: Einerseits, dass die Deutschen gern nach Rezepten aus anderen Ländern kochen, aus Indien, der Mittelmeer-Region, etc. Andererseits gibt es den extremen Grilltrend, für den man unterschiedliche Gewürze und Gewürzmischungen braucht. Und wir erleben, dass unsere Generation anders kocht als die Generation davor. Die Leute setzen sich wieder mehr mit den Lebensmitteln auseinander.“

…den deutschen Gewürzmarkt, der vom Unternehmen Fuchs beherrscht wird, das auf einen Anteil von etwa 75 Prozent kommt:

Stefan: „Dieter Fuchs lebt leider nicht mehr. Der hat in den 70er- und 80er-Jahre nahezu jede Gewürzmarke, die es gab, gekauft. Ein krasser Unternehmer. Daher hat Fuchs seine besondere Marktposition. Heute würde das Kartellamt so etwas gar nicht mehr zulassen.“

Anne: „Das ist das letzte deutsche Monopol.“

Stefan: „Deshalb haben uns auch damals alle für verrückt erklärt, als wir ausgerechnet ein Gewürz-Unternehmen gegründet haben – außer meinem Steuerberater. Ich bin da ohne Business-Plan rangegangen, sondern nur mit Herz. Ich hatte einfach total Lust auf das Produkt.“

Anne: „Und wir haben ja nie daran gedacht, dass Ankerkraut so groß wird. Wir wollten unsere Familie davon ernähren, und hätten uns vorstellen können, zwei, drei Mitarbeiter zu haben, und nicht, wie aktuell, 130.“


… eine Lüge, die am Beginn der Unternehmensgründung stand:

Stefan: „Ich habe meiner Frau zwar erzählt, dass ich eine Gewürzfirma aufbauen will, ihr aber verschwiegen, dass ich meinen alten Job im Bereich Online-Marketing dafür aufgegeben habe.“

Anne: „Das war eine andere Situation als die, vor der die meisten Gründer stehen. Stefan kam ja nicht frisch von der Uni. Wir waren beide Mitte 30, und erfolgreich in unseren Berufen. Wir hatten gerade ein Haus gebaut, ich war mit unserem zweiten Kind schwanger – und auf einmal sagt er: Ich mache jetzt ein Gewürz-Start-up. Aber ich wollte ja, dass Stefan glücklich wird, auch wenn ich mich lieber auf den Nestbau konzentriert hätte.“

Stefan: „Das ist ein entscheidender Punkt für alle: Wenn ihr einen Traum habt – macht es doch. Das Leben ist kurz.“

… Annes Einstieg in die Firma:

Anne: „Ich bin bei Ankerkraut eingestiegen, weil es wegen der Familie gar nicht anders ging. Ich war vorher unter anderem für die PR von Scooter und den Atzen zuständig, aber wenn wir abends auf dem Sofa saßen und über unseren Tag gesprochen haben, hat sich Stefan für die Musikbranche gar nicht mehr interessiert. Er wollte über die gestiegenen Pfefferpreise sprechen. Damals habe ich gemerkt, dass wir eine gemeinsame Basis brauchen. Außerdem wohnen wir im Süden Hamburgs, und ich habe in der Stadt gearbeitet – das war allein wegen der Anfahrtswege nicht mehr möglich, weil sich irgendwer ja auch um unsere Kinder kümmern musste. Ich war nur im Stress.“

Stefan: „Es war ein magischer Moment, als wir besprochen haben, Ankerkraut zusammen zu machen.“

Anne: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Job genauso lieben könnte wie meine Arbeit in der Musikbranche. Aber wir finden beide so toll, was wir jetzt machen, das kann man sich kaum vorstellen. Eigentlich arbeiten wir die ganze Zeit, aber es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Und die Kinder sehen das genauso. Für die ist Ankerkraut ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, die sind ja sieben und acht Jahre, und damit etwa so alt wie das Unternehmen.“

Stefan: „Unser Sohn hat mich vor kurzem gefragt, wann wir mal wieder so einen richtigen normalen Tag machen. Und ich habe gesagt: Was ist denn ein normaler Tag? Seine Antwort: Ihr schlaft länger, dann geht ihr Joggen, wir essen zusammen Frühstück-Mittag – das ist bei uns am Wochenende immer eins - , und dann gehen wir alle zusammen in die Firma.“

… den Namen Ankerkraut:

Stefan: „Die Namensfindung war wirklich schwierig. Entweder suchst du dir einen Fantasienamen, das fand ich nicht gut. Oder du machst irgendwas mit 24 dahinter, aber das war alles weg. Ich hatte eine Liste mit 300 Namen, und überall war irgendwas, was nicht geht. Dann habe ich eines Nachts ein Etikett für eine Gewürzmischung designt, und dazu einen Anker benutzt, und das Produkt einfach Ankerkraut genannt. Es war echt spät, ich habe das Etikett noch ausgedruckt und bin dann müde ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen ist Anne vor mir ins Büro gegangen, sah das Etikett, rief mich an, und sagte: Der Name ist doch super. Ich habe dann nach Ankerkraut auf Google gesucht und nichts gefunden…Heute sind es drei Millionen Treffer.“

… die Expansion in die USA:

Anne: „Es gibt von der Bundesregierung ein Programm, mit dem Start-ups nach Asien oder in die USA geschickt werden. Wir haben uns darum beworben, und wären eigentlich seit April drei, vier Monate im Silicon Valley gewesen, den Kontakt zur deutschen Schule hatten wir schon. Aber dann kam Corona, das Programm wurde gestoppt. Für uns wäre das natürlich eine gute Gelegenheit gewesen zu testen, ob Ankerkraut in den USA funktioniert. Einer unserer Gesellschaft hat ein zweites Standbein in Boston, und der sagt, dass die Amerikaner, mit denen er spricht, den Namen richtig cool finden.“

Stefan: „Wir schielen jetzt erstmal auf Europa. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die USA sind ja auch eine riesige logistische Herausforderung.“

… die Bewerbung bei "Die Höhle der Löwen":

Stefan: „Ich war total pressescheu und hatte Angst, gerade vor Kameras und Mikrofonen. Ich wollte das einfach nicht.“

Anne: „Wir haben „Die Höhle der Löwen“ immer total gern geguckt, und ich war mir sicher, dass wir uns dort bewerben müssen. Aber Stefan hat gesagt: auf keinen Fall. Und dann habe ich heimlich online einfach eine Bewerbung ausgefüllt, das war quasi meine Retourkutsche für seine Unternehmensgründung. Leider haben die DHDL-Macher nicht mich angerufen, sondern Stefan.“

Stefan: „Plötzlich hatte ich da jemanden aus Köln am Telefon, der sagte, dass sie Lust auf uns hätte. Und ich fragte: Worum geht es? Um die Show, sagte die nette Dame, die Höhle der Löwen. Dann kamen die an, und haben einen Probedreh bei uns zu Hause gemacht. Von da an gab es kein Zurück mehr.“

Noch mehr Entscheider:

Anne: „Kurz vor der Sendung waren wir furchtbar nervös.“

Stefan: „Wir standen vor der Tür, hinter der die Löwen auf uns warteten. Und ich habe gesagt: Anne, lass uns wieder gehen.“

… den Deal mit Investor Frank Thelen:

Anne: „Er war damals der einzige, der mit uns einen Deal machen wollte. Vielleicht waren wir für die anderen auch zu teuer. Wir wollten für zehn Prozent des Unternehmens 300.000 Euro.“

Stefan: „Wir haben damals drei Millionen Euro Umsatz gemacht, hatten schon eine halbe Million Euro Gewinn. Eigentlich war das mehr als ein fairer Preis. Frank hat dann trotzdem nur 300.000 für 20 Prozent von Ankerkraut bezahlt, und ich war echt sauer.“

Anne: „Wir haben viel diskutiert, das hat echt lange gedauert, bis ich Stefan überzeugt hatte.“

… die Zusammenarbeit mit Frank Thelen:

Anne: „Er war es, der erkannt hat, wie wichtig wir beide für die Marke sind. Eine seiner ersten Ideen war, ein Display für den Lebensmitteleinzelhandel mit unseren Gesichtern zu machen. Wir haben gedacht, dass das gar nicht geht. Aber Frank hat gesagt, dass Menschen erstens gern von Menschen kaufen und sich das Gehirn zweitens ein Gesicht besser merkt als eine Marke. Fritz-Cola macht es ja ähnlich. Dass das jetzt so gut funktioniert und dass wir uns in dieser Rolle sehr wohl fühlen, hätten wir allerdings nicht gedacht.“

Stefan: „Ich glaube, wenn die Produzenten eines Gewürzes ihr Gesicht zeigen, dann schafft das Vertrauen.“

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… über „Die Höhle der Löwen“, wenn die Kameras aus sind:

Stefan: „Das war eine spannende Zeit.“

Anne: „Wir haben zwei Wochen nach der Sendung einen Vertrag erhalten, den wir nicht mit gutem Gewissen unterschreiben konnten. Deshalb haben wir noch mal richtig hart verhandelt, und sind uns irgendwann einig geworden. Wir sind denen wirklich sehr dankbar.“

… die Frage, wo Ankerkraut ohne „Die Höhle der Löwen“ heute wäre:

Stefan: „Wir wären auch ohne die Sendung weiter gewachsen, aber der Auftritt hat uns schon einen Schub gegeben.“

Anne: „Der mediale Push, den DHDL einem Unternehmen bringt, ist mit nichts vergleichbar. Wir waren neulich in der Hauptsendezeit bei RTL, das hat für die Bestellungen gar nichts gebracht.“

Stefan: „Bei DHDL hatten wir innerhalb weniger Minuten viele Hunderttausende Aufrufe unserer Homepage. Das war total krass.“

… den Verkauf von Teilen der Firma an den französischen Fonds EMZ, der ihnen eine zweistellige Millionensumme gebracht hat:

Anne: „Dass wir überhaupt Anteile verkauft haben, hat sehr emotionale und persönliche Gründe. Stefans Mama ist vor zwei Jahren sehr krank geworden und hat diese Krankheit leider nicht überlebt. Das hat uns stark zurück in die Realität geholt. Es kann so schnell gehen, und deine Welt steht Kopf. Deshalb haben wir gesagt, dass jetzt der Zeitpunkt ist, für unsere Kinder ein bisschen Geld hinter die Brandmauer zu holen, als Sicherheit.“

Stefan: „Das Ganze wurde befeuert, weil wir immer wieder Anfragen bekommen haben, ob wir die Firma nicht mal bewerten lassen wollen – und es gab auch Interessenten, die sich beteiligten wollten. Wir haben hundert Firmen ausgesucht, die für einen Kauf unserer Anteile in Frage kamen. Bei 20 haben wir uns dann vorgestellt, über Videokonferenzen, wegen Corona.“

Anne: „Und ganz am Ende, als eigentlich alles durch war, und wir viele Angebote von Firmen hatten, kam Klaus. Klaus ist der Vertreter von EMZ in Deutschland. Er habe von dem Projekt Pepper gehört, so hatten die Unternehmensberater das Ganze getauft. Klaus hat uns dann ein Angebot gemacht, das wir nicht ausschlagen konnten. Stefan hat mir das vorgelesen, und ich konnte es nicht glauben. Außerdem haben wir ein sehr gutes persönliches Verhältnis zu Klaus, und das ist uns sehr wichtig.“

Stefan: „Wir haben den ganzen Prozess zwischendurch auch mal abgesagt. Da gab es mal jemanden, der das ganze Unternehmen kaufen wollte, aber das konnte ich emotional nicht.“

… den aktuellen Umsatz:

Anne: „Sagen wir nicht mehr. Aber es läuft sehr gut.“

Stefan: „Wir haben drei bis vier Prozent Marktanteil und wollen bis auf zehn Prozent kommen. Das ist machbar, wir können in Deutschland und Europa noch sehr gut wachsen, gerade im Handel.“

… die Standorte:

Anne: „Wir sind in Sinstorf, in Heimfeld, in Jesteburg und Stelle. Das ist bescheuert. Deshalb suchen wir ein Grundstück im Landkreis, auf dem wir alles und alle unterbringen können.“

Stefan: „Wir wollen möglichst viel selber machen und in unserer Hand haben.“