Entscheider treffen Haider

"Patrick Ittrich, darf man Weltstars anschreien?"

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Patrick Ittrich ist Hamburgs einziger Schiedsrichter in der ersten Fußball-Bundesliga, im auf 20 Stunden reduzierten Hauptberuf arbeitet er als Verkehrslehrer für die Hamburger Polizei.

Patrick Ittrich ist Hamburgs einziger Schiedsrichter in der ersten Fußball-Bundesliga, im auf 20 Stunden reduzierten Hauptberuf arbeitet er als Verkehrslehrer für die Hamburger Polizei.

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Hamburgs einziger Schiedsrichter der ersten Fußball-Bundesliga über Entscheidungen, Video-Assistenten und Honorare.

Hamburg. Er passt zu unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ wie wenige Gäste vor ihm. Patrick Ittrich (41) trifft andauernd und in wenigen Sekunden Entscheidungen, die oft schwierig sind und die für Millionen von Menschen relevant sein können.

Patrick Ittrich im Podcast "Entscheider treffen Haider"

Er hat über seine Arbeit ein Buch geschrieben, das „Die richtige Entscheidung“ heißt, und er hat zwei sehr unterschiedliche Gruppen im Griff: Superreiche und kleine Kinder. Ittrich ist Hamburgs einziger Schiedsrichter in der ersten Fußball-Bundesliga, im auf 20 Stunden reduzierten Hauptberuf arbeitet er als Verkehrslehrer für die Hamburger Polizei.

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht mit ihm über den Spaß an Entscheidungen, über Video-Assistenten, Honorare – und über die Frage, ob man Weltstars anschreien sollte.

Das sagt Schiedsrichter Patrick Ittrich über …

… die Frage, die ihm am häufigsten gestellt wird:

„,Warum bist du Schiedsrichter geworden?‘ Diese Frage kann man gar nicht so leicht beantworten, schon gar nicht in einem Satz. Ich habe nie den Wunsch gehabt, unbedingt Schiedsrichter zu werden. Ich wollte Fußballer werden, wie so viele Kinder. Aber am Ende bin ich sehr froh, dass ich Schiedsrichter geworden bin. Man lernt so viel dadurch, man hat so viel Spaß, die Möglichkeiten, die einem das Schiedsrichtern bieten, sind viel größer, als ich mir das jemals vorgestellt habe. Man muss halt Entscheider sein, um das zu machen.“

… den Spaß an seiner Arbeit als Schiedsrichter:

„Du bist als Schiedsrichter dafür verantwortlich, dass das Fußballspiel so gut wie möglich läuft. Das ist meine hohe Verantwortung, und das bringt mir sehr viel Spaß. Außerdem bin ich jemand, der gern und viel redet. Die Kommunikation mit Menschen jeder Art ist mir eine Wonne, und dass ich mich dabei noch bewegen kann: umso besser.“

… seinen Führungsstil:

„Ich neige dazu, den Spielern oder Trainern meine Entscheidungen zu erklären, so schnell und so gut wie möglich. Dadurch schafft man Transparenz, und die ist mir ganz wichtig. Die Beteiligten sollen verstehen, warum ich etwas wie entschieden habe, auch wenn es sich im Nachhinein als falsch herausstellen sollte. Ab und zu werde ich auch mal ein wenig lauter, es gibt Situationen, in denen das angemessen und erfolgreich sein kann. Außerdem lernst du mit den Jahren, welchen Spieler man wie ansprechen kann und wer welche Ansprache besser versteht. Laut zu werden muss aber eine Ausnahme, ein Stilmittel sein, das man nicht zu oft einsetzt, weil man sonst als Schiedsrichter seine Souveränität verliert. Je hektischer das Spiel ist, desto ruhiger sollte der Schiedsrichter sein. Ich mache übrigens gern auch mal Witze oder Sprüche, wenn dadurch eine schwierige Situation aufgelockert werden kann. Man muss halt wissen, beim wem man das macht. Das geht nicht bei jedem.“

... die Anforderungen an seine Fitness­:

„Ich trainiere mit 41 Jahren ähnlich viel wie ein Fußballprofi und muss auch genauso viel laufen, das Einzige, was ich nicht habe, sind die Zweikämpfe. Die athletischen Anforderungen an die Schiedsrichter werden immer höher. Ich laufe während eines Spiels zwischen neuneinhalb und zwölfeinhalb Kilometer und habe anders als die Spieler so gut wie nie eine Pause. Und ich brauche auch beim letzten Sprint in der 90. Minuten noch diese mentale Frische, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wir müssen einmal im Jahr zum Fitnesstest, wer ihn nicht besteht, darf in der Bundesliga nicht mehr ran.“

… sein Gehalt:

„Ein Erstliga-Schiedsrichter, der weniger als fünf Jahre dabei ist, erhält pro Saison ein Honorar von 60.000 Euro brutto, was wichtig ist, weil die meisten ihren Hauptberuf nur noch in Teilzeit machen können. Durch die 60.000 Euro sind sie abgesichert, falls sie aufgrund einer Verletzung nur wenige Spiele leiten sollten. Pro Spiel erhält man als Erstliga-Schiedsrichter 5000 Euro brutto, je nach Leistung und Verletzungen komme ich im Schnitt auf zwölf Partien pro Saison. Davon könnte man gut leben, müsste aber spätestens nach Erreichen der Altersgrenze von 47 Jahren sich wieder einen Beruf suchen. Deshalb ist es klug, zweigleisig zu fahren und neben dem Job als Schiedsrichter etwas anderes gelernt zu haben.“

… seine Arbeit als Verkehrslehrer:

„Ich arbeite 20 Stunden pro Woche bei der Hamburger Polizei, unterrichte in der Vorschule und der Grundschule. Wir fahren mit einer mobilen Bühne durch Hamburg und erklären mit Handpuppen und dem legendären Verkehrskasper, wie man sich im Straßenverkehr zu verhalten hat. Die Kinder lieben das. Ich bin ganz froh, dass ich nach einem Spiel vor 40.000 Zuschauern am Montag dann vor 25 Kindern auftrete. Das holt mich wieder runter aus der Welt des Profi-Fußballs, die nun wirklich speziell ist.“

… Entscheidungen im Team:

„Ich bin mit meinen beiden Assistenten an den Linien, mit dem vierten Offiziellen an den Trainerbänken und mit dem Video-Assistenten in Köln über Headset verbunden. Man muss sich das aber nicht so vorstellen, dass da ständig Betrieb ist und wir uns miteinander unterhalten. Wenn ich alles richtig mache, höre ich während eines Spiels vom Video-Assistenten so gut wie gar nichts. Mit meinen Assistenten auf dem Feld spreche ich mehr, die sagen mir auch mal, wenn ich mehr laufen soll oder die Ansprache an die Spieler verändern muss. Das erwarte ich auch von denen, ich brauche diese Unterstützung für ein perfektes Spiel. Die letzte Entscheidung liegt aber bei mir.“

… Video-Assistenten, die in Köln im Schiedsrichtertrikot vor den Bildschirmen sitzen, obwohl sie niemand sieht:

„Ich habe mich auch erst gefragt, ob das nötig ist. Aber das Trikot drückt die Verbundenheit zu den Schiedsrichtern aus, die tatsächlich im Stadion sind, man entwickelt dadurch ein Wirgefühl. Das ist vor allem eine psychologische Frage.“

Mehr Entscheider:

… die Altersgrenze von 47 Jahren:

„Ich habe noch fünf Jahre in der Bundesliga vor mir, was ich danach mache, weiß ich noch nicht. Ich liebe meinen Job als Verkehrslehrer, die Option, wieder Vollzeit bei der Polizei zu arbeiten, ist die erste. Aber man weiß nie, was sich im Leben ergibt.“

… ein Spiel zwischen dem HSV und FC St. Pauli:

„Rein theoretisch könnte ich als Hamburger die Leitung eines Hamburger Derbys übernehmen. Ich hielte das aber nicht für eine gute Idee. Wenn ich da eine Fehlentscheidung treffe, kann ich mich bei der Hälfte der Hamburger nicht mehr blicken lassen. Das möchte ich nicht, dafür liebe ich diese Stadt zu sehr.“

… seinen Tipp an andere Entscheider:

„Ich kann Managern nichts beibringen. Aber ich kann jedem nur raten, sich Hilfe zu holen, wenn man mal selbst nicht weiterweiß. Wenn ich nicht weiterweiß, frage ich.“