Entscheider treffen Haider

„Leitungswasser ist ökonomisch und ökologisch besser“

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:
Nathalie Leroy wurde 1972 in der Nähe von Paris geboren.

Nathalie Leroy wurde 1972 in der Nähe von Paris geboren.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Nathalie Leroy, Chefin von Hamburg Wasser, spricht im Podcast über heiße Sommer, teure Getränke und 700 offene Stellen.

Hamburg. Sie hat das Glück, jeden Hamburger und jede Hamburgerin als Kunden zu haben: Seit 2018 ist Nathalie Leroy Sprecherin der Geschäftsführung von Hamburg Wasser. Und hat klare Ziele: 50 Prozent der Führungspositionen in ihrem Unternehmen sollen von Frauen besetzt werden – und Vorstände in Teilzeit arbeiten können. Das sagt Leroy über...

… die Qualität des Hamburger Wassers:

„Die Stiftung Warentest hat einen Test gemacht, der zeigt, dass Leitungswasser oft viel besser ist als Mineralwasser – und dabei ja auch noch viel billiger. Für einen Liter Leitungswasser zahlt man 0,5 Cent. Und ökologisch ist es sowieso besser: Der CO2-Fußabdruck von Mineralwasser ist 170-mal höher als der von Leitungswasser. Das ist enorm.“

… Legionellen:

„Legionellen sind ein Problem im warmen Duschwasser. Deshalb sollte man die entsprechenden Leitungen immer mal wieder mit 60 Grad heißem Wasser durchspülen, das tötet die Legionellen, die übrigens nur gefährlich sind, wenn man sie einatmet.“

… den Klimawandel und das Wasser:

„Der Klimawandel ist für uns natürlich ein Thema, wir haben das im heißen Sommer 2018 gemerkt, in dem wir zehn Prozent mehr Wasser verkauft haben als sonst. Unser Problem ist dabei nicht die benötigte Gesamtmenge, Grundwasser gibt es in Norddeutschland genug, und es wird immer genug geben. Das Problem könnten in der Zukunft Spitzen in der Nachfrage werden, also wenn etwa an einem heißen Tag viele Menschen gleichzeitig viel Wasser brauchen. Insbesondere an solchen Tagen muss man sich bewusst werden, dass Wasser eine extrem wertvolle Ressource ist, die man nicht verschwenden sollte.“

… die steigende Bevölkerungszahl in Hamburg:

„Mit den Möglichkeiten, die wir jetzt haben, könnten wir 2,3 Millionen Menschen mit Wasser versorgen. Leben in Hamburg irgendwann mehr, werden wir unsere Anlagen anpassen müssen.“

… 40 Prozent neue Mitarbeiter, die Hamburg Wasser bis 2030 braucht:

„900 Mitarbeiter werden uns in den nächsten zehn Jahren verlassen. Selbst wenn einige Stellen dank der Digitalisierung nicht neu besetzt werden müssen, rechne ich damit, dass wir 700 neue Kolleginnen und Kollegen einstellen müssen. Wir werden ganz viel für uns als Arbeitgeber werben müssen, und wir haben ja einiges, mit dem wir punkten können: sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen, ordentliche Gehälter. Vor allem ist das, was wir tun, sehr sinnvoll. Wasser ist wichtig, Umweltschutz ist wichtig. Außerdem müssen wir uns Gedanken machen, wie man Berufsbezeichnungen wie ‚Fachkraft für Abwassertechnik‘ sexy machen kann. Wir bemühen uns auch sehr, verstärkt Frauen für diese vermeintlichen männlichen Berufe zu gewinnen. Bei den Ingenieuren ist uns das gelungen, da liegt der Frauenanteil inzwischen bei 40 Prozent. Bei den eher handwerklichen Berufen sind immerhin fünf von 60 Auszubildenden weiblich, früher waren Männer da unter sich. Es werden sich übrigens Frauen erst für solche Berufe interessieren, wenn sie merken, dass andere Frauen dort tätig sind. In technischen Bereichen haben Frauen noch immer zu wenig Vorbilder.“

… Frauen in Führungspositionen:

„Die Debatte um eine Frauenquote in Führungspositionen war gut, so ist die Diskussion in Gang gekommen. Trotzdem glaube ich, dass die Quote das Pro­blem nicht löst. Man muss Frauen einfach stärker ermuntern, Verantwortung zu übernehmen, weil viele von selbst nicht auf die Idee kommen. Bei Hamburg Wasser sind derzeit etwa 25 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt, bis 2030 sollen es 50 Prozent sein. Trotzdem gilt: Wir müssen die richtigen Leute an den richtigen Stellen haben.“

… Führungskräfte in Teilzeit:

„Wir haben viele Führungskräfte, die in Teilzeit arbeiten, das finde ich sehr wichtig – genauso, dass es für Männer in Führungspositionen bei uns normal ist, in Elternzeit zu gehen. Seit Juli haben wir erstmals auch eine Bereichsleitung, die sich ein Mann und eine Frau teilen und die gemeinsam Vorgesetzte von mehr als 600 Mitarbeitern sind. So etwas ist in unserer Branche neu, und es funktioniert.“

… Vorstände in Teilzeit:

„So weit sind wir noch nicht, aber ich würde mich freuen, wenn solche Modelle in den nächsten fünf bis zehn Jahren kommen würden. Und ich würde es Deutschland sogar wünschen. Wenn ein Vorstandsposten in Teilzeit möglich wäre, würden sich viel mehr Menschen dafür interessieren – auch und gerade Frauen.“

… die Veröffentlichung von Vorstandsgehältern bei städtischen Unternehmen, die in Hamburg Pflicht ist:

„Ich kann nachvollziehen, dass es in der Öffentlichkeit den Wunsch gibt, Spitzengehälter von Managern und Managerinnen städtischer Unternehmen zu veröffentlichen, da sie aus Steuergeldern bezahlt werden. Schwierig ist, dass entsprechende Listen schnell eine Neiddebatte auslösen können. Ich finde, dass die Gehälter, die in Hamburgs Unternehmen für Vorstände gezahlt werden, im Verhältnis zu ihrer Verantwortung nicht unangemessen sind.“

… die Rollenverteilung im Hause Leroy:

„Als mein Mann und ich uns kennengelernt haben, war ich bereits mit dem Studium fertig und er noch nicht. Deshalb habe ich damals angefangen, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Als wir dann unsere Kinder bekommen haben, hatte ich schon eine Führungsposition inne. Trotzdem wäre ich natürlich bereit gewesen, mit meinem Mann Beruf und Familie aufzuteilen. Aber mein Mann hat damals gesagt, dass er gut damit leben kann, wenn ich beruflich Karriere mache und er zu Hause bleibt. Das ist jetzt mittlerweile 16 Jahre her, und es läuft immer noch so. Mir ist aber wohlbewusst, dass ich die Position, die ich habe, nicht hätte, wenn mein Mann mir den Rücken nicht frei gehalten hätte.“

Der Fragebogen:

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Philosophin. Die Sinnfrage hat mich immer fasziniert, und kluge Menschen imponieren mir.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Sie haben mir vermittelt, dass Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer.

Wer war bzw. ist Ihr Vorbild?

Meine Kinder, von denen ich sehr viel gelernt habe!

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

Sie lenkt die anderen vom Unterricht ab.

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Ich habe neue Herausforderungen gesucht und Chancen, die mir geboten wurden, ergriffen. Das Philosophiestudium habe ich auf den Ruhestand verschoben.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Mein Mann, der bereit war, zu Hause zu bleiben, damit seine Frau Karriere machen kann, was heute leider immer noch sehr selten ist.

Auf wen hören Sie?

Beruflich auf meine Mitarbeiter, privat auf meinen Mann.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Geduld und sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Konflikten aus dem Weg gehen und seine Vorbildfunktion missachten.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Offen und ehrlich kommunizieren, Vertrauen schenken.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Als verschuldete Studentin spielte Geld eine Rolle, aber auch heute noch bin ich von Natur aus ein eher sparsamer Mensch.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Viel! Vor allem Offenheit und Ehrlichkeit, Loyalität und Engagement.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf die Persönlichkeit und die Motivation.

Duzen oder siezen Sie?

Beides.

Was sind Ihre Stärken?

Zielstrebigkeit, Durchsetzungsvermögen und Empathie.

Was sind Ihre Schwächen?

Ungeduld und Temperament.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Dave Gahan von Depeche Mode.

Was würden Sie ihn fragen?

Wie schafft man es, über Jahrzehnte auf Konzerten das Publikum immer wieder erneut zu begeistern?

Was denken Sie über Betriebsräte?

Sie erfüllen eine wichtige Funktion, auch an dieser Stelle sind Vertrauen und ein wertschätzendes Miteinander wichtig.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Vielleicht auf der Mitarbeiterversammlung, als ich der Belegschaft versprochen habe, eine Nachtschicht zu begleiten ...

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Die eines Partners bei KPMG, der den Mut hatte, mich trotz meines schlechten Deutsch einzustellen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

50 bis 60.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Acht, und die brauche ich auch!

Wie gehen Sie mit Stress um?

Das ist ein ständiger Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, also mal gut, mal weniger gut. Wenn Yoga oder spazieren gehen mit meinem Hund zeitlich möglich sind, bewältige ich Stresssituationen besser.

Wie kommunizieren Sie?

Am liebsten direkt und persönlich.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Ein bis zwei Stunden pro Tag.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Verlasse auch mal deine Komfortzone!

Was unterscheidet den Menschen von dem Manager Nathalie Leroy?

Der Mensch trägt lieber Pyjama als Kostüm.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Weiter geht’s!