Entscheider treffen Haider

Wolfgang Kubicki: "Wünsche mir Ralf Stegner als SPD-Chef"

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Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki über die FDP, Jamaika-Verhandlungen mit Horst Seehofer und Angela Merkel, seine Frauen und seine Arbeit als Anwalt.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki über die FDP, Jamaika-Verhandlungen mit Horst Seehofer und Angela Merkel, seine Frauen und seine Arbeit als Anwalt.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Der FDP-Politiker ist der ideale Podcast-Gast. Wolfgang Kubicki über Angela Merkels Humor, Horst Seehofer, seine Frauen und Jamaika.

Hamburg.  Wer sich mit Wolfgang Kubicki auf eine Bühne setzt, weiß, dass es lustig wird und ein wenig gefährlich. Kubicki ist der unterhaltsamste deutsche Spitzenpolitiker, als Vizepräsident des Bundestages hat er für mehr Lacher gesorgt als die anderen Sitzungsleiter zusammen. Kubickis Schlagfertigkeit ist gefürchtet, er ist wie ein Fußballspieler, der den Elfmeter schon verwandelt, bevor der Ball auf den Punkt gelegt wurde – und der niemals zurückgepfiffen wird. Sein Vorrat an Anekdoten und Geschichten ist so groß, dass ihm in jeder Situation etwas Witziges einfällt.

An diesem Abend im Grand Hotel Elysée ist es zum Beispiel die Geschichte von Horst Seehofer. 200 Menschen sind gekommen, um live bei einer weiteren Aufzeichnung der Abendblatt-Gesprächsreihe „Entscheider treffen Haider“ dabei zu sein. Kubickis Auftritt ist natürlich ausverkauft.

Anekdote über Jamaika-Verhandlungen

Er erzählt von den Jamaika-Verhandlungen nach der Bundestagswahl 2017, jenen viereinhalb Wochen, in denen sich CDU, CSU, Grüne und FDP am Ende doch nicht auf Koalitionsgespräche einigen konnten. Und macht dabei immer wieder Horst Seehofer nach, damals noch CSU-Vorsitzender. Der habe die meiste Zeit mit verschränkten Armen vor der Brust den Gesprächen zugehört, um sich alle paar Stunden mit immer denselben Sätzen bemerkbar zu machen: „Wir müssen zum Ende kommen“, habe Seehofer dann gesagt. „Und ich brauche eine Obergrenze.“

Das sei lustig gewesen – und etwas irritierend, genauso wie Seehofers Satz am Ende der Sondierungen. „Er sagte: Es ist 23 Uhr und irgendwas – so genau weiß ich das nicht mehr“, so Kubicki. „Und wir: Horst, was soll diese Feststellung? Und er: Das ist ein historisches Datum, das wird nicht nur Europa, sondern die ganze Welt erschüttern.“ Deshalb müsse man die Uhrzeit festhalten. Als Kubicki schließlich mit Christian Lindner den Verhandlungsraum verließ, sorgte wiederum Horst Seehofer für die letzte Verwirrung des Tages: „Als wir die Tür öffneten, hörten wir ihn sagen: Bleibt noch mal hier! Darauf drehten Christian und ich uns um, doch Seehofer meinte: Nicht ihr! Sondern die anderen.“

Lindner und Kubicki standen schließlich allein draußen, wie unartige Schüler, die „man aus der Klasse geworfen hatte“, und wussten nicht, was sie machen sollten. „Wir dachten, dass die anderen, also die Vertreter von CDU, CSU und Grünen, auch gleich kommen und wir uns dann gemeinsam den Fragen der Presse stellen.“ Doch 20 Minuten sei nichts dergleichen geschehen: „Dann wurde es uns zu bunt, und wir haben entschieden: Wir gehen jetzt raus.“

Verhandlungen nach viereinhalb Wochen gescheitert

Der Rest ist tatsächlich ein Stück deutsche Geschichte, Lindners Satz „Lieber nicht regieren als falsch regieren“: „Es ist ein wahrer Satz, den ich auch jetzt immer wieder unterschreiben würde“, schreibt Kubicki dazu in seinem Buch „Sagen, was Sache ist“, das kurz vor dem Gespräch im Elysée erschienen ist. „Im Nachhinein wäre es allerdings besser gewesen, drei oder vier Big Points zu nennen, an denen die Gespräche gescheitert waren. Wir waren aber alle völlig fertig und nicht mehr in der Lage, rational geschweige denn strategisch zu denken. Kommunikativ war es ein mittelprächtiger Super-GAU für uns.“

Dabei hatte es wenige Stunden vor diesem GAU so ausgesehen, als könnte es doch noch klappen mit der ersten schwarz-grün-gelben Bundesregierung. „Ich hegte kaum noch Zweifel“, so Kubicki. „Plötzlich war wieder so etwas wie eine Euphorie vorhanden. Man sitzt ja nicht viereinhalb Wochen zusammen mit dem Ziel, dass es nicht funktioniert.“ Und dann: die größtmögliche Enttäuschung, zusammen mit der Frage „Warum?“. Wolfgang Kubicki hat sie erst mit ein paar Wochen Abstand beantworten können: „Im Nachhinein wurde mir klar, dass die Bundeskanzlerin eine Jamaika-Koalition nicht haben wollte. Sie wollte eine Große Koalition, die für sie viel einfacher ist.“

Merkel als Gastgeberin charmant und witzig

Man hätte das schon am Anfang der Sondierungsgespräche erkennen können: „Man fängt doch solch ein Treffen nicht damit an, dass man zunächst das Trennende sucht.“ Angela Merkel habe aber genau das getan. „Wir haben uns in den ersten Stunden gegenseitig unsere Wahlprogramme vorgelesen, weil die Kanzlerin alle ihre Leute beteiligen wollte. Alle sollten zu Wort kommen, die Minister genauso wie die Ministerpräsidenten.“ Die FDP habe damals diese Prozedur persifliert, indem nur Generalsekretärin Nicola Beer vorgetragen habe. „Und irgendwann hat sie gesagt: Unser Wahlprogramm gibt es übrigens auch als Hörbuch.“

Ob die Kanzlerin gelacht hat? Wahrscheinlich. Kubicki hat sie zumindest im kleinen Kreis als Gastgeberin erlebt, die erstens charmant und zweitens witzig sein kann. Es gab ein Essen für die wichtigsten Unterhändler, die erste Flasche Wein war schon getrunken. „Christian Lindner schlug vor, eine weitere zu öffnen, Cem Özdemir von den Grünen war sofort dabei“, sagt Kubicki. Weil Parteifreund Lindner auch rauchen wollte, brachte Angela Merkel eine schöne, allerdings stark vertrocknete Zigarre mit. Und sagte: „Tut mir leid, aber Gerhard Schröder hat bei seinem Auszug aus dem Kanzleramt den Humidor mitgenommen.“

„Die Kanzlerin hat uns nicht ernst genommen"

Mit dieser Art von Humor hat Merkel an diesem Abend die FDP-Führung erreicht, ansonsten nicht. Offensichtlich hatte sie ein falsches Bild von den Liberalen, die unter Lindner und Kubicki den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft hatten: „Wir waren nicht mehr die FDP, der es reicht, ein paar Ministerposten zu erhalten“, so Kubicki. „Die Kanzlerin hat uns nicht ernst genommen.“ Was sehr schade sei, weil Jamaika für Deutschland eine riesige Chance gewesen sei – und weil Kubicki damit die einmalige Möglichkeit verpasst hat, Bundesfinanzminister zu werden.

Bei einer Jamaika-Koalition wäre er bereit gewesen, den Posten zu übernehmen, auch wenn er lieber Fraktionsvorsitzender geworden wäre, erzählt er. Vorbei. „Jetzt kommt so ein Ministeramt für mich nicht mehr infrage, das würde meine Frau auch gar nicht mitmachen. Ich habe den besten Job für mein Gemüt und meine Möglichkeiten“, sagt er und meint damit seine Rolle als Vizepräsident des Bundestags.

Kubicki war immer auch Anwalt

Als es so aussah, dass Kubicki tatsächlich Bundesfinanzminister werden könnte, kursierte nicht nur in Berlin der Witz, dass er dann ja weniger verdienen würde, als er bisher Steuern gezahlt hat. Denn der Mann, der in Strande bei Kiel wohnt, war ja zeit seines Lebens nicht nur Politiker, sondern immer auch Anwalt. Einerseits, weil er diesen Job liebt und weil er eine „gute Schule für die Politik“ ist – Kubickis rhetorische Fähigkeiten haben sich auch in Gerichtssälen ausgeprägt und weiterentwickelt.

Andererseits, und fast noch wichtiger, weil er sich nie von seiner Partei und der Politik abhängig machen wollte. „Ich bin nicht hier, um etwas zu werden, sondern um etwas zu bewirken“, hat Kubicki einmal in einer Rede auf einem Bundesparteitag der FDP gesagt, und das bringt seine Überzeugung auf den Punkt: „Man darf nie existenziell davon abhängig sein, dass man ein Mandat innehat oder die Partei einem Posten verschafft“, schreibt er in seinem Buch.

Wer behaupte, politische Unabhängigkeit sei nur möglich, wenn man nebenher keinen Beruf ausübe, mache einen Denkfehler, denn: „Wer nur durch und von der Politik lebt, der ist immer vom Goodwill seiner Parteifreunde abhängig. Der hat immer im Hinterkopf: Nützt mir diese Haltung oder schadet sie mir?“ Vor Wahlen ist Kubicki in der Vergangenheit oft gefragt worden, was er denn tun würde, wenn er diesmal keinen Posten bekommen würde. Er hat immer geantwortet: „Dann gehe ich wie immer Montag früh in meine Kanzlei.“

Wunschkandidat für den SPD-Vorsitz: Ralf Stegner

Das wäre als Bundesfinanzminister nicht möglich gewesen, und wahrscheinlich ist Kubicki auch deshalb froh, dass das am Ende nicht er, sondern Olaf Scholz geworden ist. Oder? Scholz sei ein guter Hamburger Bürgermeister gewesen, so Kubicki, mehr aber auch nicht: „Er wirkt immer so, als hätte die künstliche Intelligenz bereits zugeschlagen – wie ein Roboter.“ Der FDP-Mann versteht den Vizekanzler „ohne Emotionen“ genauso wenig wie die SPD als Ganzes: „Die Strategie, aus der Großen Koalition rauszuwollen, weil es der Partei gerade schlecht geht, und dann von den Menschen zu erwarten, dass sie ausgerechnet diese Partei wählen, habe ich nie verstanden.“ Er glaube, so Kubicki, dass die SPD mittelfristig für Regierungsbildungen auf Bundesebene ausfallen werde, und er wünsche sich sehr, dass Ralf Stegner neuer Parteivorsitzender werde.

Stegner? Ausgerechnet der Mann, dem er während seiner Zeit im Kieler Landtag in inniger Hassliebe verbunden war, dem er in seinem Buch nicht wenige Sätze widmet und über den er schließlich sagt: „Ich habe 15 Jahre Stegner hinter mir, mich kann nichts mehr beleidigen.“ Der soll SPD-Vorsitzender werden? Warum?, fragt man – und ahnt die Antwort. Kubicki sagt: „Weil mein Ziel immer noch ist, die FDP stärker zu machen als die SPD.“

Sich über Populisten auch mal lustig machen

Mal im Ernst: „Die Art und Weise, wie Stegner und ich in Kiel miteinander gestritten haben, hat dazu beigetragen, dass die AfD in Schleswig-Holstein kein Bein auf den Boden bekommen hat“, so Kubicki. Die Menschen hätten gemerkt, dass man im Landtag über alles reden kann: „Dann braucht man die AfD nicht.“ Für den Umgang mit den bei anderen Parteien unpopulären Populisten hat er auch einen Rat: Erstens den, Diskussionen und Konfrontationen nicht auszuweichen. Und zweitens: sich auch mal lustig machen. So wie der FDP-Mann es in einem Doppelinterview mit dem AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland für das Monatsmagazin „Cicero“ getan hat. Gauland hatte gesagt, dass man nicht gern in der Nachbarschaft des deutschen Fußball-Nationalspielers und Weltmeisters Jerome Boateng wohnen würde. Und was konterte Kubicki? „Das könnten Sie sich auch gar nicht leisten.“

Ernster klingt der Autor Kubicki in seinem Buch, wenn er schreibt: „Blicken wir in den Deutschen Bundestag, so können wir dort mittlerweile politische Kräfte am Werk sehen, die sehr häufig bloß einen Stellvertreterkrieg für ihre Internet-Community zu führen scheinen und sich damit vom Streiten für den Fortschritt verabschiedet haben. Wir müssen energisch dagegen vorgehen, wenn das Urteil durch das Vorurteil ersetzt wird, wenn wir nicht mehr argumentieren, sondern nur noch moralisieren und denunzieren.“ Oder: „Das beste Mittel gegen rechte und linke Populisten sind politische Problemlösungen sowie harter inhaltlicher und sachlicher Streit um die besten Ideen.“ Deutlicher geht eine Ansage nicht.

Die einmalige FDP-Karriere begann mit einem Zufall

Nicht so deutlich vorgeschrieben war Kubickis Weg in die FDP. Er war Schulsprecher in einer linksliberalen Schule, dann als Student ein 68er, ein Revoluzzer und eigentlich auf dem Weg in die – SPD. Was wäre bloß gewesen, wenn es so gekommen wäre? „Dann müsste es heute keine Regionalkonferenzen geben“, sagt Kubicki, was denn sonst. Aber es kam anders: Ein Kommilitone nahm ihn quasi aus dem Hörsaal mit zu einer Sitzung der Jungdemokraten, „und weil ich schon damals in der Lage war, zwei zusammenhängende Sätze zu sagen, bin ich in den Vorstand gewählt worden“.

Eine einmalige FDP-Karriere begann mit einem Zufall und kam, das gibt Ku­bicki selbst zu, auch erst 2013 richtig in Schwung: „Bis dahin war ich der Quartalsirre, der Nörgler aus dem Norden.“ Dann flogen die Liberalen aus dem Bundestag, und urplötzlich hätten alle erklärt: „So einer wie der Kubicki, das ist die FDP. Solche Typen, die sagen, was Sache ist.“ Im Buch heißt das entsprechende Kapitel „Der Kubicki-Effekt“, wenige Seiten davor legt der Autor dar, dass er eigentlich auch der Erfinder der legendären 18-Prozent-Kampagne der Liberalen war. Kubicki halt.

Jürgen Möllemann war ein guter Freund

Dass er auch anders (sein) kann, zeigt der 67-Jährige, als das Gespräch im Hotel Elysée auf Jürgen Möllemann kommt. Jenen anderen großen FDP-Politiker, der ein Freund für Kubicki war und der am 5. Juni 2003 aus dem Leben geschieden ist. Gestorben bei einem Fallschirmsprung, ausgerechnet er, der in Wahlkämpfen bis zu dreimal am Tag mit einem Fallschirm aus Flugzeugen gesprungen ist. Wolfgang Kubicki weiß noch genau, wie an jenem Morgen bei ihm das Telefon klingelte. Seine Stimme wird leiser, man sieht ihm an, dass ihn die Geschichte auch heute noch mitnimmt. „Vaclav“, habe Jürgen Möllemann gesagt – „so nannte er mich, wenn er gute Laune hatte, wegen meines Nachnamens Kubicki“ –, „Vaclav, vor meinem Haus stehen merkwürdige Autos, was will mir das sagen?“ „Ich weiß nicht, was dir das sagen will“, antwortete Kubicki. „Aber ich als Anwalt sage dir, dass das die Staatsmacht ist.“ „Wird meine Immunität aufgehoben?“ Kubicki versprach, das herauszufinden.

Und tatsächlich: Es standen neue Ermittlungen gegen Möllemann an, der unter anderem wegen Steuerhinterziehung in Konflikt mit dem Gesetz geraten war. Um 12 Uhr wurde seine Immunität aufgehoben. Kubickis Frau Annette, die ihn als Anwältin vertrat, telefonierte nach ihrem Mann noch mit Möllemann. Beiden sagte er, dass er in den Landtag fahren wolle. Tatsächlich fuhr er zum Flughafen.

Schwer geschockt vom Tod Möllemanns

Als Wolfgang Kubicki von seinem Tod erfuhr, konnte er es nicht glauben: „Ich war so geschockt, dass ich den Weg vom Abgeordnetenhaus zum Reichstag nicht gefunden habe“, sagt er. Und weiter: „Die ersten 14 Tage haben meine Frau und ich nur geheult, weil wir uns immer wieder die Frage gestellt haben: Hätten wir das verhindern können?“ Kubicki macht eine Pause: „Sie werden nie damit fertig, dass jemand, mit dem sie gut befreundet waren, aus dem Leben scheidet.“

Wenige Wochen vor dem tragischen Ereignis hatte Jürgen Möllemann ihm noch einen Umschlag gegeben, hier, im Hotel Elysée. „Für den Fall, dass mir etwas passiert.“ Kubicki hat am Abend des 5. Juni 2003 den Umschlag geöffnet, in der Hoffnung, Antworten auf die vielen Fragen zu erhalten, die in seinem Kopf schwirrten. Und dann das: ein paar Worte wie „Ich weiß, dass du dich um meine Familie kümmern wirst“, ein Bankauszug, mit dem der Anwalt nichts anfangen kann. „Ich habe wirklich gedacht: Jürgen, was bist du für ein Eierarsch“, sagt Ku­bicki.

Fridays for Future: „antidemokratisch und nicht rechtsstaatlich“

Das Gespräch wird nicht langweilig, auch wenn die Themen nicht lustig sind. Kubicki wird noch einmal richtig ernst, ausgerechnet als es um „Fridays for Future“ geht. Er hält die Bewegung für „antidemokratisch und nicht rechtsstaatlich: Ich kann vor solchen Entwicklungen nur warnen. Ich möchte keine Verhältnisse wie in Frankreich haben, dass plötzlich Gelbwesten aufkommen und mit Gewalt antworten.“

Findet er es nicht gut, dass Schüler für ihre Zukunft auf die Straße gehen? „Ich habe als Schüler auch während der Unterrichtszeit demonstriert. Erstens hat mir das Spaß gemacht, und zweitens kriegt man dann die Leute besser zusammen als am Nachmittag.“ Er wolle nur nicht, „dass Leute die Sache selbst in die Hand nehmen. Wenn es dazu führt, dass SUV zerkratzt werden, hört für mich der Spaß auf.“

Kubicki ist zum dritten Mal verheiratet

Wann hört für die Frauen der Spaß auf, denen Wolfgang Kubicki ein ganzes Kapitel in seinem Buch gewidmet hat? „Ich bin 47 Jahre verheiratet, allerdings mit drei verschiedenen Frauen“, erzählt er. Im Buch steht: „Wenn man die Ehe nicht als etwas Ewiges betrachtet, sondern als Gemeinschaft, die auf einer vertraglichen Regelung beruht, dann ist eine Scheidung nicht ganz so problematisch.“ War sie dann aber doch, zumindest bei Ehe Nummer zwei, Kubicki war Vater von Zwillingen geworden, und der Umzug in die Nähe der Schwiegereltern entpuppte sich als Reinfall.

Ganz anders als Ehe Nummer drei mit seiner Annette, die sich durch nichts besser charakterisieren lässt als durch folgende kleine Geschichte. Es geht um einen der Streits, die es im Hause Ku­bicki gar nicht so selten gibt, die aber normalerweise schnell wieder beigelegt werden: „Meistens gebe ich nach, Sie wissen schon: Der Klügere gibt nach“, sagt Wolfgang Kubicki dazu.

Seit 30 Jahren leben die beiden zusammen

Einmal allerdings war die Lage eine andere. Das liest sich dann so: „Nach einer etwas intensiveren morgendlichen Diskussion (Kubicki-Deutsch für: Es hat richtig gekracht) fuhr Annette einmal wutentbrannt nach Hamburg, und entgegen unserer sonstigen Gewohnheit telefonierten wir nicht miteinander. Funkstille sozusagen. Am späten Nachmittag erhielt ich eine SMS: ,Ich nehme deine Entschuldigung an.‘ Auf meine Rückfrage ,Welche Entschuldigung?‘ kam die Rückmeldung: ,Du hast mir doch gerade einen Bulgari-Ring geschenkt, und das finde ich als Entschuldigung angemessen.‘ Sie hatte sich einfach mit meiner Kreditkarte in Hamburg selbst ein Geschenk gemacht. Ich fand das so witzig, dass ich noch heute, wenn ich daran denke, mir ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Und seitdem benutzt sie, wenn wieder ein Konflikt droht, der sie verletzen könnte, das Stichwort: Bulgari!“

Ach, und stimmt es eigentlich, dass er mal mit dem Strafgesetzbuch nach seiner Frau geworfen hat? Ja, sagt Wolfgang Kubicki, das stimmt, aber er habe sie nicht treffen wollen. Und außerdem sei auch diese Anekdote eher ein Triumph für seine Frau, weil sie es geschafft habe, ihn aus seiner souveränen Lässigkeit herauszulocken. Was sagt Annette nach 30 Jahren Zusammenleben mit Wolfgang? „Ich habe dich austrainiert, und ich habe dich auch weicher, menschlicher gemacht.“

Freunde der Töchter besonderer Prüfung unterzogen

Den Freunden von Kubickis Töchtern hat das nichts genützt. Sie wurden von dem „besorgten Vater“ einer besonderen Prüfung unterzogen, zumindest wenn der den Eindruck hatte, dass es ernst werden könnte: „Mit meinen Freunden Jürgen ,Vaddy‘ Nehm und Uli Kaufmann lud ich die Bewerber zu einer Bootstour ein“, so Kubicki, „Ich fuhr mit ihnen raus auf hohe See, und dort haben wir die Jungs erst einmal unter Alkohol gesetzt. Auf diese Weise zeigt sich der wahre Charakter.“ Und auf diese Weise wurde der eine oder andere junge Mann aussortiert. Immerhin: „Meine beiden heutigen Schwiegersöhne haben den Test mit Bravour bestanden.“

Noch Fragen? Als die 90 Minuten mit Kubicki bei „Entscheider treffen Haider“ um sind, klatschen die Zuhörer lange und laut, eine Frage hat aber niemand mehr. Vielleicht hat Kubicki alle beantwortet, vielleicht schwingt ein bisschen die Angst vor einer forsch-frechen Antwort mit – aber wahrscheinlich haben jetzt alle nur Durst und Hunger. Außerdem sitzt Kubicki noch eine gute Stunde in der Bibliothek und signiert sein Buch, mit Worten wie diesen: „Das Schöne an diesem Buch ist die Leserin.“

Sein Buch steht auf dem Platz 12 der wichtigsten Rangliste

Dreieinhalb Monate hat er an „Sagen, was Sache ist“ geschrieben, an diesen gut 240 Seiten, die man an einem Abend durchlesen kann und die demnächst in zweiter Auflage erscheinen. Dann mit dem Button „Spiegel-Bestseller“ auf der Titelseite. Kubicki liegt an diesem Abend auf Platz zwölf der wichtigsten Buch-Rangliste in Deutschland, nur fünf Plätze hinter Michelle Obama (toll!) und einen hinter Ulrich Wickert (da geht noch was).

Drei der Menschen, die für dieses Buch und überhaupt für sein (politisches) Leben wichtig waren und sind, hat er übrigens mit nach Hamburg gebracht. Seinen Büroleiter Klaus Weber, den Kubicki als sein „Junges Ego“ bezeichnet. Seine Mitarbeiterin Marion Ramm, die seit mehr als 30 Jahren an seiner Seite ist und die sicher auch ein Buch über ihren Chef schreiben könnte. Und Vaddy, den Freund, mit dem er nicht nur an Wahlsonntagen morgens gemeinsam in die Sauna geht. Wer Wolfgang Kubicki verstehen will, muss einmal einen Abend mit diesem, seinem kleinen Universum verbringen. Auch wenn es länger wird: Es lohnt sich.

Und weil es so gut passt, endet dieser Text mit demselben Satz, der auf der letzten Seite von Kubickis Buch steht: „Ich danke den Leserinnen und Lesern, dass sie es bis hierher geschafft haben.“