Christoph Lieben-Seutter

Elbphilharmonie-Intendanz? Ja, aber er hat noch andere Ziele

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Alle zwei Wochen im Abendblatt: Entscheider treffen Haider. Heute mit Lieben-Seutter, dem Intendanten der Elbphilharmonie.

Hamburg. Es gibt Menschen, die man als Hamburger genau zu kennen glaubt. Christoph Lieben-Seutter (54) gehört dazu. Der Intendant der Elbphilharmonie ist eine der gefragtesten Persönlichkeiten der Stadt, und weil er schon so lange hier ist, entsteht der Eindruck, dass seine Geschichte oft und detailliert erzählt worden sein muss.

Das ist ein Irrtum. Erzählt wurde die Geschichte der Elbphilharmonie, immer und immer wieder und nahezu von jedem. Die Geschichte, um nicht zu sagen: Das Leben von Christoph Lieben-Seutter, der von sich selbst nur als „Lieben“ spricht, ist eher rudimentär dokumentiert. Deshalb denken die meisten, die den Intendanten treffen, dass er irgendetwas mit Musik studiert haben muss, selbst mal Künstler oder wenigstens Kunstmanager war. Lieben-Seutter war nichts von alledem, er hat nach der Matura, dem österreichischen Abitur, auch nicht studiert. „Ich habe mit 18 Jahren begonnen zu programmieren“, sagt er in einem Gespräch für den Abendblatt-Podcast „Entscheider treffen Haider“ (unter www.abendblatt.de/entscheider). Und: „Ich habe als Typ einen eher nerdigen Hintergrund.“

Interesse für Details

Der Chef der Elbphilharmonie – ein Nerd? „Ich tüftele halt gern und interessiere mich sehr für Details. Ich muss mich manchmal zwei, drei Stunden mit einer Kleinigkeit beschäftigen, und sei es die Formulierung in einer Pressemitteilung.“ Was, Lieben-Seutter gibt es zu, ein „Team ganz schön nerven kann. Aber es macht mir einfach Spaß, das letzte und kleinste Detail zu regeln, und das zeigt doch auch, wie ernst man seinen Job nimmt.“ Der Job, das war nach der Schule erst eine Assistentenstelle im Marketing bei Philips, dann eine eigene kleine Firma, in der er Software-Programme für andere Firmen geschrieben habe. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit Musik mein Geld zu verdienen.“

Dabei war Nerd Lieben-Seutter immer auch ein „Musikfreak: Das begann als Kleinkind. Alle in meiner Familie interessierten sich für Musik, mein Onkel war als Konzertveranstalter so etwas wie der Karsten Jahnke von Wien.“ Und der Neffe überlegte sich jeden Abend, mit welcher Schallplatte er am nächsten Morgen in den Tag starten würde. Und besuchte Konzerte, so oft es ging. Als es eines Tages nicht mehr ging, als er keine Karte für eine Aufführung bekam, die er unbedingt sehen wollte, rief er eine Freundin an, die im Wiener Konzerthaus arbeitete. Das Telefonat sollte seinem Leben eine andere Richtung geben. Wo sie ihn gerade dranhabe, sagte die Freundin, der Chef suche dringend einen Assistenten, ob das nicht was für ihn sei?

Nerdiger Musik-Freak

„Ich war 23 Jahre alt, ungebunden, hatte gutes Geld verdient“, sagt Lieben-Seutter heute. Soll heißen: Er hatte nichts zu verlieren und rief noch einmal im Wiener Konzerthaus an, diesmal beim Generalsekretär Alexander Pereira: „Ein Quereinsteiger in die Musikbranche und ein Maniac wie ich.“ Da hatten sich zwei gefunden, arbeiteten erst in Wien und dann in Zürich zusammen, bis Lieben-Seutter der Nachfolger des Nachfolgers seines Förderers Pereira im Konzerthaus wurde. Als nerdiger Musik-Freak, mit 31, in der Klassikhauptstadt Wien. Mehr geht nicht.

Hamburg, musikalisch im Vergleich zu diesem Zeitpunkt, wir sprechen von den späten 90er- und den frühen Nuller-Jahren, eher Provinz, war weit weg. Bis auf einmal ein Paar nach Wien kam, aus eben jenem Hamburg, und den Herrn Generalsekretär treffen wollte. Sie stellten sich bei Lieben-Seutter als Alexander Gerard und Jana Marko vor und „hatten einen komischen Klotz dabei“ – die erste Anmutung der Elbphilharmonie, die die Projektentwickler sich ausgedacht hatten. „Danach kamen alle paar Monate Leute aus Hamburg zu Besuch und damit das Thema auf mich zu“, sagt Lieben-Seutter. Alle in der Branche hätten damals gewusst, dass hoch im Norden Deutschlands etwas Besonderes entstehen würde, und „ja, ich habe damit gerechnet, dass ich angesprochen werde“. Schließlich sei das Wiener Konzerthaus eines der drei Vorbilder für die Elbphilharmonie gewesen.

Unglaubliche Kostensteigerungen

Den Rest der Geschichte kennt wirklich fast jeder Hamburger: Lieben-Seutter unterschrieb 2006 seinen Vertrag als Intendant der Elbphilharmonie, kam 2007 in die Stadt – und musste dann zehn Jahre warten, bis das Konzerthaus eröffnet wurde. „Mir ist schon beim ersten Zeitverzug und den ersten Kostensteigerungen klar geworden, dass mir niemand garantieren kann, wann die Elbphilharmonie fertig ist“, sagt er. Und dass er kurz überlegt habe, es sein zu lassen.

Um dann doch weiterzumachen: „Ich habe mir gedacht: Einer muss für dieses Projekt verantwortlich sein, und das bist nun mal du.“ Die folgenden Jahre, eine Kette von viel beschriebenen Rückschlägen und unglaublichen Kostensteigerungen, „haben mein Nervenkostüm aufgebraucht. Ich gehe nie wieder an eine Adresse mit einer Baustelle.“ Einerseits. Andererseits wäre er nach jedem Besuch der Baustelle Elbphilharmonie „aufgeladen zurück ins Büro gekommen. Ich habe jedes Mal gespürt, dass dort etwas Großes entsteht.“

Viel besser als im Moment kann es kaum laufen

Wie groß, erlebt er jetzt im dritten Jahr. Elbphilharmonie und Laeiszhalle seien mit 1300 Konzerten eine gigantische Musikfabrik geworden. „Ich habe ein Gut, das viele wollen, und das ist eine angenehme Situation“, sagt Lieben-Seutter. Viel besser als zuletzt und im Moment könne es nicht laufen – wenn überhaupt, ist beim künstlerischen Konzept noch etwas Luft nach oben. Aber, wenn man ehrlich ist: „Es ist fast ausgeschlossen, dass es noch schöner wird.“ Der Intendant genießt das. „Ich habe gut in Erinnerung, dass es auch anders sein kann.“

Er sitzt fast jeden Abend selbst im Publikum, denn genau deswegen macht er diesen Job: Um Musik zu hören – je mehr, desto besser – und je besser, desto mehr. „Mein Antrieb ist, jeden Abend 2000 glückliche Menschen erleben zu können“, sagt er. „Und mein Ziel ist, dass keiner enttäuscht die Elbphilharmonie verlässt.“ Er glaube an das Wunder der Musik, die jedem eine neue Welt erschließen könne, an den „energetischen Austausch zwischen Publikum und Besuchern“ und an die Unersetzbarkeit des Live-Erlebnisses.

Und an das Geld? Lieben-Seutter ist mit einem Jahresverdienst von rund 274.000 Euro der bestverdienende Kultur-Intendant in Hamburg und sagt trotzdem: „Geld ist für mich null Motivation.“ Es sei viel grundsätzlicher: „Ich gehe einfach gern in Konzerte.“ Da hilft es, dass im Großen Saal jeden Abend ein Platz für den Intendanten freigehalten wird.

Der hat vor Kurzem seinen Vertrag vorzeitig bis 2024 verlängert. Vielleicht mache er dann noch zwei, drei Jahre, wenn Hamburg ihn noch wolle, aber es „soll noch etwas kommen, aus einem anderen Bereich, eine völlig andere Aufgabe“. Eine Stelle, an der er andere Menschen mit seiner Begeisterung anstecken, etwas, wo er vielleicht die Welt ein bisschen verbessern kann. „Ich glaube, dass ich das jetzt schon mit den Konzerten mache, die wir in der Elbphilharmonie veranstalten. Und ich finde das sehr zufriedenstellend.“

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Der Fragebogen: Was ist Ihre größte Schwäche?

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Ethnologe wie meine Großeltern. Weil mich ihre Geschichten und Bücher fasziniert haben.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Old Shatterhand, Captain Kirk, Steve Jobs, Barak Obama

Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?

„Er ist ja gescheit, nur schade, dass er so unaufmerksam ist“

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

1988, weil sich die Gelegenheit bot. Ich war allerdings von frühester Kindheit an von Musik begeistert.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Alexander Pereira, der mich damals als Direktionsassistent ans Wiener Konzerthaus geholt hat.

Auf wen hören Sie?

Auf meine Töchter.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Totale Begeisterung und endloses Engagement für ihre Aufgabe.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Vergessen, dass man für viele im Team ein Vorbild ist.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Kooperativ, kollegial, respektvoll zu sein. Versuche ich zumindest ...

Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?

Geld ist Mittel zum Zweck und für mich kein besonderer Motivationsfaktor. Mit dem Geld anderer Menschen gehe ich sehr sorgsam um.

Inwieweit bestimmt das Sein das Bewusstsein?

Das frag ich mich auch.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Mitdenken, Neugier und einen guten Sinn für Humor.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf die Persönlichkeit und auf Rechtschreibfehler im Bewerbungsschreiben.

Duzen oder siezen Sie?

Beides, ohne System.

Was sind Ihre größten Stärken?

Ich stelle gerne immer wieder alles grundsätzlich infrage.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Ich stelle gerne immer wieder alles grundsätzlich infrage.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?

Was würden Sie ihn/sie fragen?

Was denken Sie über Betriebsräte?

Eine sinnvolle Einrichtung, die wie viele gute Dinge auch missbraucht werden kann.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

Gestern.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Trotz Verzögerung und Bauskandal die Elbphilharmonie nicht im Stich zu lassen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Viele bzw. sehr viele. Je nachdem, ob man Konzertbesuche zur Arbeit oder zum Vergnügen rechnet.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Gerne mindestens sieben. Wenn das nicht möglich ist, helfen Powernaps zwischendurch.

Wie gehen Sie mit Stress um?

Positiver Stress bringt mich erst auf Touren, Ärger versuche ich möglichst zu vermeiden.

Wie informieren Sie sich (außer über das Hamburger Abendblatt, natürlich)?

Ich bin ein Informationsjunkie und verbringe kaum einen Tag ohne Deutschlandfunk, „SZ“, „FAZ“, „New York Times“. Dazu die „Zeit“, „Economist“ und einige Podcasts. Allerdings kein TV.

Wie kommunizieren Sie?

Von Angesicht zu Angesicht oder schriftlich bzw. per E-Mail. Ich telefoniere wenig.

Wie viel Zeit verbringen Sie an ihrem Schreibtisch?

Viel, ich bin ein Tüftler.

Wenn Sie morgen keine Lust mehr auf Ihren Job hätten – gäbe es im Unternehmen einen Mann und eine Frau, die sofort übernehmen könnten?

Ja, beide zusammen.

Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Immer neugierig und veränderungswillig zu bleiben.

Was unterscheidet den Menschen vom Chef Lieben-Seutter?

Die Kleidung.

Worauf kommt es im Leben wirklich an?

Auf die Freude und die Freunde.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?