Episode 15

Dieter Lenzen: „Wir müssen mehr wollen, als wir können“

Der Präsident der Universität Hamburg spricht im Podcast übers Siezen, japanische Anzüge und den Milchmann aus dem Nachbarhaus.

Hamburg. Dieter Lenzen war als der „lustigste Universitätspräsident Deutschlands“ angekündigt worden – er zeigte bei der ersten Aufzeichnung der Gesprächsreihe „Entscheider treffen Haider“ vor Publikum auch, dass er zu Recht als einer der klügsten Köpfe der Republik gilt. Vor 120 begeisterten Zuschauern im Hotel Grand Elysée spricht Hamburgs Universitätspräsident über E-Mails von Studenten, seine Zuneigung zu Japan und japanischen Anzügen sowie die Bahrenfelder Science-City.

Außerdem nennt der 71-Jährige die Hamburger Universität eine "schlummernde Schöne" und erzählt, wie es war, als sich die Studenten in den 60er-Jahren untereinander noch gesiezt haben.

Dieter Lenzen – der Hamburger Universitätspräsident, der gerne in Kyotos Bergen meditieren geht:

Was wollten Sie als Kind werden und warum?

Bauer – Lokomotivführer – Dichter. Grund: Chance zum autonomen Handeln.

Was war der beste Rat Ihrer Eltern?

Sich in allem zu beeilen. Das Leben ist kurz.

Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?

Der Milchmann im Nachbarhaus: Er war Spätheimkehrer aus Sibirien, hat sich die Seele aus dem Leib gehustet, aber trotzdem weitergemacht.

Was haben Ihre Lehrer/ Professoren über Sie gesagt?

Wie gut, dass ich das nicht weiß.

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?

Für diesen Beruf entscheidet man sich nicht, sondern man gleitet hinein.

Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?

Der berüchtigtste Studienrat des Gymnasiums, von allen gefürchtet, der aber irgendwie an den Schüler Lenzen geglaubt hat.

Auf wen hören Sie?

Auf mein Über-Ich.

Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?

Bewunderung von Menschen ist mir fremd.

Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?

Auf Bewunderung hoffen, sie gegebenenfalls aber still genießen.

Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?

Die gleichen, die auch für die Schauspielschule von Lee Strasberg in New York gelten: Spiele deine Rolle so, wie du dich in jedem Augenblick fühlst.

Wie wichtig war/ ist Ihnen Geld?

Wichtig, solange es einem den Rücken freihält und Freiheit verschafft, auch die Freiheit, sich nicht dem Geld zu unterwerfen.

Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?

Loyalität.

Worauf achten Sie bei Bewerbungen?

Auf Erfahrung.

Duzen oder siezen Sie?

Duzen ist ein Ausdruck von Intimität, nicht von Kumpelei. Das ist die ganze Antwort.

Was sind Ihre größten Stärken?

Vielleicht Antizipationsfähigkeit: vom Schlimmsten ausgehen können.

Was sind Ihre größten Schwächen?

Dito.

Welchen anderen Entscheider würden Sie gern kennenlernen?

Keine Entscheider, sondern Melancholiker: Paul Auster.

Was würden Sie ihn fragen?

Ihn muss man nichts fragen, nur zuhören.

Was denken Sie über Betriebsräte?

Unentbehrlich für eine regulierte Kommunikation zwischen Personen, die in einem Betrieb zusammenarbeiten müssen, seien sie Vorgesetzte oder nicht.

Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?

In diesem Augenblick: einen Fragenkatalog von Herrn Haider zu beantworten.

Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?

Keine Entscheidung, sondern die Neugier auf das Nächste, wie in einem Treppenhaus mit vielen Etagen: Wie werden die nächsten Bewohner ihren Eingang gestaltet haben?

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Da ich nicht zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden mag, zähle ich alles dazu, außer schlafen und essen, wobei träumen und vertilgen auch Arbeit sein können. Folglich: 7 x 24.

Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?

Das hängt davon ab, ob die Träume schön sind oder abgründig: im Durchschnitt fünf bis sechs.

Wie gehen Sie mit Stress um?

100 kg Kampfgewicht

Wie kommunizieren Sie?

Nach Möglichkeit face to face, verbal und gern auch nonverbal.

Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?

Meistens sitze ich wie in diesem Moment an einem Esstisch für zwölf Personen oder an einem Konferenztisch. Schreibtische spielen eine untergeordnete Rolle.

Wenn Sie einem Menschen nur einen Rat für seinen beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?

Werde, der du bist.

Was unterscheidet den Menschen von dem Manager Lenzen?

Der Mensch ist immer ein anderer.

Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?

Da fällt mir nur, glaube ich, Karl Valentin ein: „I sog nix, oba wos i denk, is grausam.“