Leitartikel

Olympia-Verschiebung: Abkehr vom Gigantismus

| Lesedauer: 3 Minuten
Björn Jensen
Björn Jensen ist Sportreporter beim Abendblatt.

Björn Jensen ist Sportreporter beim Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio wegen des Coronavirus ist richtig. Sie wirft aber auch viele Fragen auf.

Japaner gelten als höfliche Menschen, und so war die sporthistorische Premiere der Verschiebung Olympischer Sommerspiele am Dienstagmittag auch eine Frage des guten Stils. Japans Premierminister Shinzo Abe und das Organisationskomitee Tokios baten in einer Telefonkonferenz das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgrund der einschneidenden Folgen der weltweiten Coronapandemie um eine Verlegung der im Sommer geplanten Spiele auf einen noch nicht bestimmten Termin im kommenden Jahr.

Dreimal waren Olympische Spiele der Neuzeit seit 1896 ausgefallen; 1916, 1940 und 1944, jeweils während der Weltkriege. Eine Verschiebung hat es noch nie gegeben.

Dass der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach dieser Bitte umgehend stattgab, überrascht nicht. Zum einen, weil diese Entscheidung im Sinne der Eindämmung des Virus und angesichts einer drohenden Weltwirtschaftskrise alternativlos war. Große Sportnationen wie Australien, Kanada und Großbritannien hatten einen Boykott angekündigt für den Fall, dass der Termin beibehalten worden wäre.

Viele andere, wie die USA oder Deutschland, hatten immerhin um eine Verschiebung gebeten, weil weder Qualifikation noch Dopingkontrollen unter fairen Bedingungen möglich gewesen wären. Unter diesen Umständen hätte Tokio irreguläre Spiele ausrichten müssen. Das konnte niemand riskieren.

Olympia-Verschiebung bedeutet Schaden von fünf Milliarden Euro

Zum anderen stehen Bach und das IOC nun nicht als Alleingänger da, sondern können darauf verweisen, geschlossen und auf Bitten des Gastgebers hin gehandelt zu haben. Die harte Kritik am Lavieren der Herren (und Damen) der Ringe, die sich noch am Sonntagabend eine Vierwochenfrist zur Entscheidungsfindung erbeten hatten, greift indes zu kurz. Eine Entscheidung von so enormer Tragweite, wie sie eine Verschiebung Olympischer Spiele darstellt, darf weder voreilig getroffen noch wochenlang öffentlich diskutiert werden.

Das werden auch diejenigen einsehen müssen, die in den vergangenen Wochen vehement diese Verlegung gefordert haben, obwohl deren Folgen heute nur schemenhaft einzuschätzen sind. Allein den wirtschaftlichen Schaden für die Ausrichter beziffern Experten auf mindestens fünf Milliarden Euro.

Viele der 43 Sportstätten sind auf temporäre Nutzung ausgelegt; ob sie 2021 zur Verfügung stehen, muss nun ebenso geklärt werden wie die Verfügbarkeit des olympischen Dorfs für die Athleten, in das 5000 einheimische Familien im Frühjahr 2021 einziehen sollten. Millionen Hotelbuchungen müssen storniert werden. Ganz zu schweigen von dem, was auf die Athleten wartet. 33 internationale Wettkampfkalender müssen neu gestaltet, die Trainingssteuerung muss neu justiert, die private und berufliche Lebens­planung angepasst werden.

Olympia – ein auf Gewinnmaximierung ausgelegtes Spektakel

All das wird unter Erbringung harter Opfer möglich gemacht werden. Die große Frage jedoch ist die, wie wir in Zukunft mit den Auswüchsen von Globalisierung und Gigantismus umgehen wollen.

Die Kritik daran, dass Olympische Spiele längst nicht mehr nur ein Sportfest sind, das die Jugend der Welt friedlich zusammenführt, sondern ein überkommerzialisiertes, auf Gewinnmaximierung ausgelegtes Spektakel zum Nutzen weniger, ist nicht neu. Wenn von dieser Krise die Rückbesinnung vom „Schneller, höher, stärker“ auf das „Weniger ist mehr“-Prinzip ausginge, wäre es der größte Nutzen, den die Welt (nicht nur die des Sports) aus dem Ausbruch des Coronavirus ziehen könnte.

Zunächst jedoch gilt es vonseiten aller Beteiligter, alles zu tun, damit Tokio im kommenden Jahr die bestmöglichen Spiele ausrichten kann. Das ist das Minimum an Höflichkeit, das die Japaner verdient haben.

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