Leitartikel

Warum Hamburg die Corona-Krise gut bewältigen kann

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Hamburg hat alle Chancen, den Herausforderung durch das Coronavirus zu begegnen – und den richtigen Mann an der Spitze.

Hamburg. Werden auch Sie von Freunden und Bekannten aus anderen Bundesländern darauf angesprochen, was denn bei uns in Hamburg los sei? Wie es denn käme, dass unsere Stadt, wie es Christoph Schwennicke, der Chefredakteur des „Cicero“, schreibt, ein „Epizentrum in der Corona-Krise“ sei – zumindest wenn man die Zahl der bestätigten Fälle ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt.

Ja, es stimmt: Im Moment hat Hamburg, relativ gesehen, mit Corona ein größeres Problem als andere Bundesländer. Und trotzdem hat unsere Stadt sehr gute Voraussetzungen, mit dem verflixten Virus fertigzuwerden. So, wie wir Hamburger in unserer langen Geschichte immer mit allen Krisen und Katastrophen fertiggeworden sind.

Rückkehrer aus Skigebieten steigern Corona-Zahlen in Hamburg

Die erste gute Nachricht: Man weiß ziemlich genau, warum Hamburg derzeit ein „Epizentrum“ der Krise ist, woher und mit wem das Virus in die Stadt gekommen ist – nämlich mit den Heimkehrern aus den Urlaubsregionen. Je mehr sich die Märzferien dem Ende näherten, desto größer wurde die Zahl der festgestellten Corona-Fälle – die überwiegende Mehrheit lässt sich genau darauf zurückführen.

Wahrscheinlich werden die Zahlen auch in der kommenden Woche noch deutlich steigen. Interessant wird es, wenn zwei Wochen seit dem Ferienende vergangen sind: Zumindest ist es nicht ausgeschlossen, dass sich der Anstieg der Fälle dann reduziert oder sich auf Kontaktpersonen begrenzt.

Krankenhäuser können Kapazitäten hochfahren

Hamburg kann, auch das ist eine gute Nachricht, den Kreis der Betroffenen weiterhin relativ gut nachvollziehen und entsprechende Quarantänen verhängen – ein entscheidendes Mittel, um die Kurve der Epidemie mittelfristig abzuflachen. Hinzu kommt, dass die Krankheitsverläufe in der Stadt bisher ausgesprochen milde sind, die Kliniken also tatsächlich Zeit gewinnen, um ihre Kapazitäten für intensivmedizinische Behandlungen hochzufahren.

Auch wichtig: Im Hintergrund wurden in Hamburg schon weit vor den Ferien viele Tausend Corona-Tests durchgeführt, unter anderem bei allen, die an einer Grippe erkrankt waren. So bekamen die Mediziner ein gutes Gespür dafür, wie sich die Epidemie in der Stadt entwickeln wird. Auch dies macht Mut.

Bleibt die große, vielleicht sogar wichtigste Frage, nicht nur hier in Hamburg: nämlich die, wie all jene, die jetzt die politischen Entscheidungen zu treffen haben, für eine solche – vor allem medizinische – Krise aufgestellt sind. Spätestens hier hat Hamburg einen unschlagbaren Vorteil. Denn der Mann, der vor wenigen Wochen mehr oder weniger im Alleingang die Bürgerschaftswahl gewonnen hat, ist – genau, Laborarzt.

Peter Tschentscher ist Laborarzt – und bringt Sachlichkeit mit

Peter Tschentscher hat im Abendblatt-Interview in der vergangenen Woche gesagt, dass er in diesen Tagen manchmal gern selbst „den weißen Kittel“ wieder anziehen würde. Er stammt aus dem Berufszweig, auf den jetzt alles guckt, er hat früher selbst im Universitätsklinikum Eppendorf gearbeitet. Soll heißen: Der Bürgermeister muss sich nicht, wie die meisten anderen Ministerpräsidenten oder Spitzenpolitiker, auf die Ratschläge der Virologen verlassen und ist von deren Expertise abhängig. Peter Tschentscher weiß selber, was medizinisch zu tun ist, und kann daraus die richtigen politischen Schlussfolgerungen ableiten.

In Deutschland gibt es wahrscheinlich niemanden in einem solch wichtigen Amt, der für die Bekämpfung der Corona-Krise eine bessere Mischung aus medizinischen Kenntnissen, aus Ruhe und Sachlichkeit und politischer Kompetenz mitbringt wie Hamburgs Erster Bürgermeister. Das sollte, das muss sich auszahlen. Kommt hinzu, dass Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks ebenfalls als eine der Besten in ihrem Bereich gilt und in der Vergangenheit immer wieder mal als (SPD-)Bundesgesundheitsministerin gehandelt wurde.

Hamburg hat auf Krisen immer eigene Antworten gefunden

Die Hoffnung, die für Hamburg besteht, ist, dass Tschentscher und sein Senat die richtige Kombination aus Maßnahmen und Verboten auf der einen und Vertrauen in die Bevölkerung auf der anderen Seite finden. Und dass wir, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, dieses Vertrauen rechtfertigen. Natürlich kann man wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine Ausgangssperre verhängen, aber die ist dann auch das letzte mögliche Mittel in der Krise und ein Eingeständnis, dass man als Landesregierung die Menschen anders nicht mehr erreicht. Es wäre schön, wenn es in Hamburg so weit nicht kommen müsste, einfach weil es zu unserer stolzen, selbstbewussten und selbstbestimmten Bürgergesellschaft nicht passt.

Hamburg hat auf Krisen immer seine eigenen Antworten gefunden, denken wir nur an die Flüchtlingskrise 2015. Das hat viel mit dem Zusammenhalt und der Solidarität zu tun, die sich in dieser Stadt immer dann am stärksten zeigen, wenn es wirklich drauf ankommt. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Hamburger Bürger nie besonders obrigkeitshörig waren, sondern ihr Leben immer selbst in die Hand genommen haben. Und, auch das könnte positiv stimmen: Es war noch nie so leicht, selbst etwas gegen eine Krise zu tun wie im Moment. Man muss einfach auf der Couch im Wohnzimmer sitzen bleiben – und kann damit vielleicht sogar ein Lebensretter sein.