Leitartikel

Coronavirus: Verbot von Veranstaltungen ist richtig

Christoph Heinemann ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts.

Christoph Heinemann ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts.

Foto: HA / Klaus Bodig

Die Maßnahme wird in Hamburg teils desaströse Folgen haben, ist angesichts der Covid-19-Epidemie aber ein wichtiger Schritt.

Vielleicht schauen wir in einigen Monaten zurück und sagen: An diesem 11. März war der kritische Punkt erreicht. Aus der abstrakten Bedrohung durch das Coronavirus in Hamburg ist eine reale, schmerzhaft erlebbare Krise geworden. Das pauschale Verbot von Großveranstaltungen dimmt die Lichter des gesamten öffentlichen Lebens herunter. Es betrifft eine Mehrheit der Hamburger. Für Unternehmen und Tourismus wird es teils desaströse Folgen haben.

Für einen Moment möchte man sich selbst zwicken, so surreal schnell verschärft sich die Lage. Von diffuser Angst über vereinzelte Hamsterkäufe und Beruhigungsversuche bis zu diesem Schritt in drei Wochen. Ist er wirklich nötig? Die Antwort lautet: Ja. Eher kommt er einen Moment zu spät als zu früh.

Mit der Entscheidung endet das chaotische Ringen um die angemessene Haltung zur Epidemie. Die Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) lag richtig damit, zunächst besonnen und ohne Verbote zu reagieren – solange auch die Hamburger Fälle noch klar nachvollziehbar und abgrenzbar waren. Die gewählte „Einzelfalllösung“ blieb aber vage. Welche Arten von Veranstaltungen sah die Behörde als gefährlich an, welche eher nicht?

Strategie im Umgang mit dem Coronavirus hat verwirrt

Kann man 50.000 Menschen bei einem HSV-Spiel im Stadion wirklich vertreten, wenn die Messe Internorga schon verschoben wurde? Welchen Grund sollten Veranstalter haben, freiwillig auf Besucher und Eintrittsgelder zu verzichten – wenn andere Veranstaltungen noch stattfinden dürfen? Auch Prüfer-Storcks gab darauf zunächst keine klare Antwort. Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Sonntag die Empfehlung für ein Verbot aussprach, ohne es anordnen zu können, war nirgendwo mehr eine klare Linie zu kennen. Die Strategie der Sachlichkeit hatte am Ende nur noch den Effekt, zu verwirren.

Dass die Senatorin nun eingelenkt hat, ist nicht nur deshalb angebracht, weil es bei einer Pandemie keinen Hamburger Sonderweg geben kann. Denn alle Ärztinnen, Pfleger, Forscher und betroffenen Ämter brauchen Luft im Kampf gegen den neuartigen Erreger. Die Arztpraxen waren bereits in der vergangenen Woche überfüllt; aus den Gesundheitsämtern hieß es jüngst, dass es für einen absehbaren weiteren Anstieg kaum genug Intensivbetten gebe.

Verbot von Großveranstaltungen in Hamburg wird nicht genügen

In dieser Situation war es schwach von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich erst gestern erstmals deutlich zu der Gefahr durch das Coronavirus zu äußern. Allerdings fand sie exakt treffende Worte: Es ist weiterhin nicht die Stunde für übergroße Sorge oder gar Panik – aber Zeit für Verantwortung und schwierige Entscheidungen. Gerade der Schutz von älteren Menschen müsse Priorität haben. Richtig ist auch: Ein Fußballspiel am Fernseher schauen zu müssen ist im Vergleich zu einer möglichen Schließung aller Schulen und anderen Maßnahmen noch vergleichsweise harmlos.

Dennoch wird die neue „Allgemeinverfügung“ auch in Hamburg allein nicht ausreichen. Die Stadt muss zunächst diese Maßnahme moderieren, den besonders betroffenen Unternehmen und Einrichtungen eine Hilfestellung bieten. Es gilt aber auch, weiter schnell und entschieden auf Entwicklungen zu reagieren. So zeichnet sich bereits ab, dass etwa auch die Skiorte um Ischgl in Österreich zu „Risikogebieten“ werden – und mit der Rückreisewelle am Ende der Ferien auch ein weiteres Problem auf die Hansestadt zukommt.

Es ist dabei nicht ideal, dass mit Cornelia Prüfer-Storcks eine alsbald scheidende Senatorin als Krisenmanagerin fungiert – und der neue Senat sich erst noch finden muss. Wenn das Virus verlangsamt werden soll, ist auch hier keine Zeit zu vergeuden.