Leitartikel

Was der Erfolg der Elbphilharmonie bedeutet

Die unglaubliche Bilanz des Konzerthauses zeigt, was in der Szene noch möglich ist. Nun muss Hamburg mehr Kultur wagen.

Neulich, als die winterliche Nebelsuppe über der Elbe einmal besonders klumpig suppte, da war die Elbphilharmonie weg. Einfach verschwunden war das noch ziemlich neue Wahrzeichen. Futsch, als hätte man die vergangenen zwei Jahre in Hamburg tatsächlich nur geträumt; als wäre in der Kulturszene vieles noch so halb gar lala, passabel, gemütlich und höchstens regionalhübsch wie früher.

Eine optische Täuschung war das neulich, wie schön. Denn nun, wenige Tage vor dem zweiten Konzerthaus-Geburtstag am 11. Januar, ist auch aus sehr weiten Entfernungen wieder einmal klar und unwiderlegbar zu erkennen, welche herausragende – sorry, musste sein, dieses Wortspiel – Rolle das 110 Meter hohe Gebäude im Leben dieser Stadt spielt. Und erst recht das, wofür es steht: für Musik und Kultur und das Glück, da leibhaftig dabei zu sein, um sich spontan begeistern oder nachwirkend irritieren zu lassen.

Großer Saal der Elbphilharmonie fast immer ausverkauft

Hamburg ist tatsächlich zu einer Musikstadt geworden. Hamburg ist Kulturstadt. In beiden Ausdauerdisziplinen, bei denen es keine eindeutige Ziellinie geben kann, wurden und werden viele tolle Fortschritte gemacht. Und auch die Kulturnation Deutschland hat dafür immense Vertrauens­einzahlungen aufs Image-Konto erhalten. Gerade in diesen politisch stürmischen Zeiten nicht das Schlechteste, das einem Land passieren kann. Damit dieses Jubeln nicht nur wegen Gefühltem passiert, hat die Kulturbehörde frische Zahlen zusammengestellt, die eindeutig sind: 8,3 Millionen Plaza-Besucher bis Ende ­November 2018. Der Große Saal der Elbphilharmonie war fast immer ausverkauft, der Kleine steht nur einen Hauch schlechter da.

Die Doppelspitze aus General­intendant Christoph Lieben-Seutter und dem fürs Kaufmännische zuständigen Jochen Margedant lieferte beachtliche Bilanzen: eine halbe Million Euro weniger Minus im Konzertgeschäft für die laufende Saison als vorab veranschlagt, trotz der extremen Belastung und wegen der extremen ­Beliebtheit des Angebots. Beim Betrieb von Elbphilharmonie und Laeiszhalle ist es ein Nano-Minus von 3000 Euro.

Nun beginnt die entscheidende Zeit

„Normal“ ist der Betrieb nach wie vor nicht. Mittlerweile ist es etwas weniger unmöglich, Karten für Konzerte zu bekommen. Einfach oder gar kinderleicht ist es deswegen nicht. Doch wäre es das jetzt schon, hätten ­alle Verantwortlichen etwas falsch gemacht. Nun beginnt allerdings die entscheidende Zeit, in der Programme und Konzepte wichtiger werden, um die gesellschaftlichen Aufgaben eines Konzerthauses im 21. Jahrhundert zu definieren.

Und wäre es nicht so albern, ­unmachbar und kontraproduktiv – die Stadt müsste sofort eine zweite Elbphilharmonie bauen. Was natürlich nicht geht, schon weil die Laeiszhalle nicht verkümmern darf. Was sehr wohl geht: mehr und mehr in die gesamte Kulturlandschaft investieren. Und damit ist nicht nur Geld gemeint, das wäre schön, aber zu einfach. Der noch wichtigere Rohstoff, um diese Erfolgsgeschichte in die Zukunft weiterzuschreiben, wäre genau das, weswegen Helmut Schmidt einen zum Arzt schicken wollte: Visionen, am besten chronische.

Dass Exzellenz für die Kultur ein prima Treibmittel ist, genügt nicht. An der Basis, im Bereich der beschämenden Selbstausbeutung zu vieler Künstler, sieht es oft noch finster aus. Der Leuchtturm-Effekt der Elbphilharmonie überstrahlt vieles, aber er bringt auch entlarvendes Licht in diese Regionen. Eine beliebte Devise bei hiesigen Stadtvermarktern ist „Stärken stärken“. Also: jetzt nicht nachlassen, bloß gerade, weil alles bestens läuft.