Hamburger Kritiken

Elektrolyseur in Moorburg – Ein Schritt nach vorn

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Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: HA

Der große Elektrolyseur in Moorburg ist ein Quantensprung für den Standort – wenn er denn realisiert wird.

Hamburg. Klappern gehört zum Handwerk. Und hätte Corona den Politikern nicht den großen Auftritt verhagelt, hätte es wohl eine große Pressekonferenz mit Schulterklopfen und Sprücheklopfen gegeben: In Moorburg entsteht einer der größten Elektrolyseure der Welt, quasi eine der Wunderwaffen der Energiewende: In dem Elbdorf soll Wasser chemisch in Sauerstoff und den Energieträger Wasserstoff aufgespalten werden. Die Energie dafür soll aus Wind- und Solarkraft kommen, die bislang noch oft abgeregelt werden. Gelingt das Projekt, läge eine aussichtsreiche Zukunftstechnologie – zuverlässig und CO2-neutral, an der Elbe.

Da der Erfolg viele Väter hat, verzichteten SPD und Grüne auf die sonst häufigen einträchtigen Presseerklärungen und feierten sich lieber selbst: „Grüne klimaneutrale Energiepolitik steht für ganzheitlich durchdachte Konzepte, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit“, lobte Johannes Müller, Sprecher für Energiepolitik und Innovation der Grünen-Fraktion.

Die Grünen drängen auf mehr Tempo in der Energiewende

Alexander Mohrenberg, Sprecher für Klima, Umwelt und Energie der SPD-Bürgerschaftsfraktion, betonte hingegen: „Heute nimmt der ein Jahr alte Tschentscher-Plan, Moorburg zu einem zentralen Standort der Wasserstoffproduktion zu machen und den Klimaschutz gemeinsam mit der Industrie anzugehen, sehr konkrete Formen an.“ Wir erinnern uns: Schon im Bürgerschaftswahlkampf im vergangenen Jahr hatten sich die beiden Parteien über den Wasserstoff gekabbelt.

Doch ein Jahr später und außerhalb des Wahlkampfes klingt das schon ganz anders. Zufriedene Gesichter gab es bei Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) wie beim parteilosen Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. Und womit? Mit Recht. Vielleicht kommen hier sogar die Stärken der beiden Parteien zum Tragen: Die Grünen drängen auf mehr Tempo in der Energiewende, die Sozialdemokraten hingegen auf eine industriepolitische Weichenstellung.

Vier starke Partner unterzeichnen Letter of Intent

Auch wenn es sich bislang nur um eine Absichtserklärung handelt und bis zur erhofften Realisierung 2025 eine Menge Wasser die Elbe hinunterfließen wird, ist dieses Vorhaben mehr als heiße Luft: Gleich vier starke Partner haben den Letter of Intent unterzeichnet: die Unternehmen Shell, Mitsubishi Heavy Industries, Vattenfall sowie die kommunale Wärme Hamburg.

Ihnen geht es in Moorburg nicht um etwas grüne Schminke, sondern um die Geschäftsfelder der Zukunft: Sie alle haben ein elementares Interesse, dass der Elektrolyseur kommt – und können sich ein Scheitern kaum leisten: Vattenfall und Shell setzen seit Längerem auf neue Energien; Mitsubishi profitiert als Konzern von der japanischen Industriepolitik, Hamburg Wärme wiederum verfolgt die wichtige Nutzung der abfallenden Abwärme für die Wärmewende.

Auch der Standort ist gut gewählt: Neben der Errichtung eines Elektrolyseurs mit einer noch skalierbaren 100-Megawatt-Leistung soll das Areal zu einem Kraftzentrum der Wasserstofftechnologie werden. So ist der Standort an das nationale 380.000-Volt-Übertragungsnetz wie das 110.000- Volt-Netz der Stadt Hamburg angebunden. Überseeschiffe könnten die Kai- und Hafenanlage als Importterminal nutzen. Derzeit entsteht hier eine Verteil-Infrastruktur für Wasserstoff im Hafen.

Die Investitionssummen sind enorm

Zudem gibt es in der Nähe große Industriebetriebe, die als potenzielle Abnehmer für grünen Wasserstoff infrage kommen, sodass eine Wertschöpfungskette von der Erzeugung über Speicherung und Transport hin zur Anwendung möglich ist. Damit wird aus einem guten wie teuren Projekt ein ganzes Konzept, das den Standort über Jahrzehnte stärken kann. Wird Hamburg ein Zentrum der Wasserstoffindustrie, könnten sich Unternehmern und Entwickler aus der Branche ansiedeln, etwa Hersteller von Brennstoffzellen.

Unwägbarkeiten aber bleiben: Denn die Investitionssummen sind enorm, ohne Förderung wird es kaum gelingen. So soll Geld im Rahmen des EU-Programms „Important Projects of Common European Interest“ (IPCEI) beantragt werden. Aber weil Wasserstoff derzeit das Modethema in der Wirtschaft und an der Börse ist, sind entsprechend auch andere Standorte auf die Idee gekommen, sich einen Elektrolyseur zu gönnen - etwa im niederländischen Eemshaven oder in Brunsbüttel.

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