Meinung
Leitartikel

9-Euro-Ticket ist der reine Bahn-Sinn

| Lesedauer: 3 Minuten
Christoph Rybarczyk ist Chefautor des Hamburger Abendblatts.

Christoph Rybarczyk ist Chefautor des Hamburger Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Eine Rabattfahrkarte zeigt Millionen Menschen, was Bahnfahren bedeutet – im Guten wie im Schlechten.

Es ist schon jetzt das Wort des Jahres 2022: 9-Euro-Ticket. Um diese Aktion der Deutschen Bahn und der Verkehrsverbünde wie dem HVV hat sich binnen weniger Wochen eine „Bewegung“ entwickelt, die auf den ersten Blick janusköpfig erscheint. Denn sie zeigt das beste und schlechteste Gesicht, das der öffentliche Nahverkehr in diesen Tagen überhaupt produzieren kann.

Fangen wir mit dem Üblen an: Hoffnungslos überfüllte Nahverkehrszüge, verspätete Abfahrten, weil zu viele 9-Euro-Ticket-Inhaber die Bahnsteige bevölkerten, Stress mit Bahn-Bediensteten und professionellen Pendlern, die von oben herabschauten auf die Schnäppchen-Passagiere.

9-Euro-Ticket zeigt strukturelle Probleme der Bahn

Doch nun vom Guten des Schlechten: Endlich sehen auch Gelegenheitsfahrer, was die strukturellen Probleme der Bahn sind! Die Infrastruktur ist marode. Das führt zu Ausfällen und kaum Spielraum für größeren Andrang auf die Bahn, den wir uns aus Klimaschutz-Gründen alle wünschen. Die Bahn hat einen Tarif-Dschungel mit Super-Duper-Sparpreisen, Storno-Verboten, Bahncards 25, 50 und 100, BahnBonus Statuslevel, was früher Bahn-Comfort und Platzreservierungs-Garantie hieß und noch nie ein Schaffner durchzusetzen half; sie hat Ticket-Automaten, Schalter-Verkäufe, Online-Angebote – aber keinen Platz für Spontaneität.

Denn wer in einen Zug springt und schnell eine Karte dafür kaufen will, kann das über die App nicht mehr – und das Wlan streikt meist sowieso.

Dass mehr und mehr Menschen sich des Bahn-Dramas bewusst werden, kann nur helfen. Das 9-Euro-Ticket stützt diesen Erkenntnisprozess. 1,8 Millionen Rabattkarten allein beim HVV sind grandios, reiner Bahn-Sinn.

Bahn-Tickets bei Aldi und Lidl weisen den Weg

Was als Entlastung im Zuge der Energiekrise gedacht war, hat positive Folgen: weniger Autofahrten, einfacher Zugang zu einer umweltgerechteren Mobilität, neue Zielgruppen. Für sozial Schwächere, aber auch für Bahn-Muffel, für Jüngere in Party-Gruppen, für Senioren mit Ausflugslust ist das 9-Euro-Ticket ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.

Kein Bahnfahrer ist von diesem Erfolg überrascht. Schon frühere Sonderaktionen mit den Discountern Aldi und Lidl haben gezeigt, dass man einen fixen Preis braucht mit klaren Regeln. KISS-Prinzip nennen das die Amerikaner: Keep it simple and stupid. Einfache Bedingungen und für jeden verständlich kommuniziert. Ein weiterer Kernsatz des Marketing muss jetzt beherzigt werden: Make them come, make them stay, make them pay! Potenzielle Dauer-Bahnkunden sollten jetzt eine Service-Offensive spüren, mit mehr Zügen auf stark frequentierten Strecken, kommunikativem Personal, mehr Komfort und intelligenter Verzahnung mit Mobilitätsangeboten zum oder ab Bahnhof. Das ist mehr wert als 9 Euro.

9-Euro-Ticket: Was wird im Fernverkehr?

Auch im Fernverkehr mit seinen schmucken ICEs gehört mal ordentlich durchgefegt. Flatrates zwischen den wichtigsten Flughafen-Stopps können den innerdeutschen Luftverkehr begrenzen helfen. Und warum muss ein Zug zwischen Hamburg und München dreimal in Berlin und oft in Bamberg und Erlangen halten? Kommunale Interessen bremsen permanent den Fortschritt aus.

Es ist komplett irre, wie das 9-Euro-Ticket es binnen weniger Wochen geschafft hat, Millionen Menschen für das komplexe System namens Deutsche Bahn zu sensibilisieren. Die Bürger müssen die Bahn kapern und als ihr Eigentum begreifen. Das sollte resultieren in erheblich mehr Druck auf Landes- und Bundespolitiker, die Weichen endlich sichtbar auf mehr und klarere Angebote zu stellen.

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