Meinung
Kommentar

Robert Habecks Kennedy-Moment

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Abendblatt.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Abendblatt.

Foto: Hamburg / Funke Foto Services

Matthias Iken über Robert Habecks Appell an Deutschland beim Heizen zu Sparen, Patriotismus und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Hamburg. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy prägte einen Satz, der bis heute fortwirkt: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Ob die Konrad-Adenauer-Stiftung, die FDP in Vogelsberg, die CSU Oberfranken, die aktiven Bürger in Lichtenfels oder die brandenburgische Stadt Trebbin – sie alle zitieren den Spruch aus der Antrittsrede von John F. Kennedy vom 20. Januar 1961.

Sie war ein Plädoyer für die Freiheit und die Solidarität zugleich. Und sie fiel in extrem unruhige Zeiten: Im April 1961 griffen Exilkubaner mit tatkräftiger Hilfe der Vereinigten Staaten die kubanische Revolution an und blamierten sich in der Schweinebucht – schließlich stoppte Kennedy seine wild gewordene CIA. Im August des gleichen Jahres mauerten die Sowjets und ihre ostdeutschen SED-Paladine Berlin ein – und damit ein ganzes Land. Die Rivalität der beiden Großmächte wäre im Oktober 1962 fast im dritten Weltkrieg eskaliert – als die Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf Kuba stationierte. Fidel Castro drängte damals auf den Einsatz der Atomwaffen, Nikita Chruschtschow widersprach.

Kommentar: Robert Habeck hatte seinen Kennedy Moment

Manche fühlen sich dieser Tage ein wenig an 1962 erinnert.

Nun hat Robert Habeck Kennedys Satz etwas variiert, aber der US-Präsident schimmert durch. Angesprochen auf die Gasnotlage sagte der Wirtschaftsminister: „Menschen sollen sich nicht fragen müssen, was sie kriegen, sondern sie sollen es tun, weil sie Bock haben, in diesem Land zu leben, weil sie Stolz und Freude dabei empfinden, für andere etwas zu tun.“

Das ist nicht nur für einen Grünen, sondern auch für Habeck ein bemerkenswerter Satz. Denn es ist derselbe Mann, der in seinem Buch „Patriotismus – Ein linkes Plädoyer“ über sich schreibt: „Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ Offenbar hat sich da einiges geändert. Doch niemandem sollte man vorwerfen, wenn er mit der Zeit klüger wird.

Auch ich hadere mit dem Wort „Vaterlandsliebe“ – in dessen Namen Unheil, Tod und Verderben über die Nationen kam. Ich wundere mich aber auch über Landsleute, die Schwarz-Rot-Gold verdächtig finden, aber stolz die ukrainische Flagge hissen. So wie ich den plötzlichen Militarismus derer ablehne, die einst wie ich den Wehrdienst verweigert haben, weil sie die Verteidigung des eigenen Landes mit Waffengewalt ablehnten, um nun immer neues Militärmaterial in die Ukraine zu schaffen. Auch Robert Habeck sagte Nein – und leistete 1989 seinen Zivildienst beim damaligen „Hamburger Spastikerverein“, der heute Leben mit Behinderung heißt.

33 Jahre später sagt er Dinge, die er sich im Jahr des Mauerfalls nicht hat vorstellen können. Doch in der Sache liegt Habeck richtig. Die Herausforderung der kommenden Wochen, Monate und Jahre werden ohne ein besseres Zusammenhörigkeitsgefühl – nennen wir es ruhig Pa­triotismus – noch schwieriger. Wenn ein jeder nur sein Ding macht, geht das Ding daneben. Dummerweise haben wir Deutsche verlernt, dieses Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln: Wir zele­brieren es für zwei bis vier Wochen bei einem Fußballturnier, dann rollen wir unsere Fahnen wieder als Modeaccessoire ein. Da sind sich viele über alle Parteigrenzen übrigens einig.

Politisch unsichere Zeiten

Es gibt Rechte, die den unseligen Satz der Eisernen Lady Maggie Thatcher („There ist no such thing as society“ – So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht) verinnerlicht haben und die private Gewinnmaximierung zur höchsten Tugend erklären. Sie halten sich für „Weltbürger“, um sich der Verantwortung für ihre Nächsten zu entledigen. Brüder im Geiste sind da die Linksradikalen, die mit ihren Rufen nach „No borders, no na­tions“ ebenfalls funktionierende Verantwortungsgemeinschaften sprengen.

Mit beiden Gruppen ist kein Staat zu machen – erst recht kein Staat in politisch unsicheren Zeiten. Robert Habeck hat das erkannt. Olaf Scholz auch. Beide wissen, dass bald sogar ein Winston-Churchill-Moment anstehen könnte: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.“ Bleibt nur zu hoffen, dass diese Rede nicht wie am Pfingstmontag 1940 zur Kriegsrede wird, sondern die Deutschen bloß auf die gemeinsame Kraftanstrengung einschwört. Die wird es brauchen angesichts der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Verwerfungen. Und sie verlangt nach einem klugen Menschen, der sie verständlich ausspricht.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung