Meinung
Leitartikel

Warum Karl Lauterbach ein Wagnis darstellt

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Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Der neue Gesundheitsminister ist kompetent. Und doch rühren die Zweifel, die Olaf Scholz lange hegte, nicht von ungefähr.

Hamburg/Berlin. Glaubt man den Talkshows und den Begeisterungsstürmen auf Twitter, hat Deutschland nun den besten Gesundheitsminister aller Zeiten. Mit Karl Lauterbach bekommt das derzeit wohl zentrale Ressort einen echten Fachmann an der Spitze.

Der Sozialdemokrat, der als junger Mann in der CDU war und sich von der Konrad-Adenauer-Stiftung hat fördern lassen, ist habilitierter Mediziner, hat in Harvard Public Health mit Schwerpunkt Epidemiologie studiert – und das Virus wohl besser verstanden als jeder andere Politiker im Deutschen Bundestag.

Pandemie hat Lauterbachs Nominierung fast erzwungen

Und doch rühren die Zweifel, die der designierte Kanzler Olaf Scholz lange hegte, nicht von ungefähr: Politik wird einstweilen noch immer im Kabinett und im Bundestag gemacht, nicht auf Twitter oder in Talkshows. Da ausgerechnet die Union sich für Lauterbach als Minister stark macht, hätte Scholz doppelt gewarnt sein müssen – solche vergifteten Ratschläge sind ein starker Kontraindikator.

Aber durch sein langes Zuwarten hat am Ende nicht er, sondern das Virus entschieden: Die Lage der Pandemie gerade in Süd- und Ostdeutschland hat Lauterbachs Nominierung fast erzwungen. Seine zahllosen Fans hätten nicht verstanden, warum ausgerechnet er am Ende leer ausgeht.

Was dabei aber übersehen wird: Mit seinem Mitteilungsbedürfnis hat der Rheinländer nicht nur viele Fans gewonnen, sondern sich auch viele Gegner gemacht. Und genau diese Polarisierung der Gesellschaft, welche das neue Bündnis dringend überwinden müsste, befördert Lauterbach noch. Mit schnellem Finger und steilen Thesen hat er Unmut geschürt.

Karl Lauterbach lag in der Corona-Debatte auch falsch

Niedergelassene Ärzte haben nicht vergessen, dass er ihnen vor drei Jahren vorwarf, sie seien hierzulande ab mittwochs auf dem Golfplatz statt in der Praxis anzutreffen. In der Corona-Debatte lag er oft richtig, mitunter aber auch richtig falsch – etwa als er erklärte, die Delta-Variante würde Kinder gefährden oder seine Warnung, Covid-Patienten alterten schneller. Sein Alarmismus hat viele genervt.

Auch wenn es in den Talkshows und Kommentarspalten inzwischen deutlich zu kurz kommt: Es gibt in diesem Land viele Menschen, die noch mehr als Corona einen neuen Lockdown fürchten: Eltern, die sich um die Bildung ihrer Kinder sorgen, Händler, deren Geschäfte kaputt gehen, Wirte, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen, Künstler, die um Auftrittsmöglichkeiten gebracht werden.

21 Monate Pandemie, das zeigen Verzweiflung und Angst, Wut und Hass, haben das Land auseinandergetrieben. Und viele, viel zu viele haben sich radikalisiert – vielleicht auch weil keiner ihre Sorgen hören wollte und sie sich dann ihre seltsamen Wahrheiten selbst zu suchen begannen.

Fährt Lauterbach einen Kurs maximaler Vorsicht?

Ob ausgerechnet der Gesundheitsminister Karl Lauterbach auch diese Menschen erreichen und sogar Brücken bauen kann? Vielleicht wächst er an seinen Aufgaben. Wahrscheinlicher scheint, dass er in Zukunft einen Kurs vorgibt, der von maximaler Vorsicht geleitet ist. Dabei hat der deutsche Föderalismus gezeigt, dass liberale Zugänge wie in Bremen oder Schleswig-Holstein erfolgreicher sind als die restriktiven Maßnahmen in Bayern oder Baden-Württemberg. Bislang standen die FDP, aber auch mache Sozialdemokraten für einen etwas offeneren Kurs.

Führt Lauterbach nun die Ampel in die Fortsetzung der Merkelschen Lockdown-Logik und Alternativlosigkeit, wäre das für die Republik gefährlich. Bislang vermochte die FDP die Zweifler noch zu erreichen. Nun ist sie in der Koalitionsdisziplin eingebunden. Weil die Union ihr Heil in der Opposition offenbar in Lockdown und Schulschließungen sucht, bliebe nur noch die AfD als Krisengewinnler übrig. Und das wäre eine weitere fatale Folge der Pandemie.

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