Meinung
Gastbeitrag

Kein Verzicht fürs Klima? Seid endlich ehrlich!

| Lesedauer: 4 Minuten
Malte Siegert
NABU-Chef Malte Siegert.

NABU-Chef Malte Siegert.

Foto: Thomas_Droese

Kanzlerkandidatin und Kanzlerkandidaten suggerieren, für die Klima-Wende sei kein Verzicht nötig. Doch unser Leben muss sich ändern.

Haben Sie Lust, den Fleischkonsum, das Fliegen oder Autofahren einzuschränken? Ich eigentlich nicht! Der Klimawandel und die Anpassung unseres lieb gewordenen Lebensstils ist aber keine Frage der Lust. Es ist zunehmend eine Frage des Überlebens. Und durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil ist der Handlungsdruck auf die Politik, die bereits absehbaren Folgen für kommenden Generationen wirkungsvoll zu mindern, sogar rechtlich verankert.

Alle Kanzlerkandidat*innen und politischen Schwergewichte, die sich vor der Wahl in Triellen und Talkshows produzieren, postulieren die Elektrifizierung an sich und grünen Wasserstoff als Heilsbringer. Technologisch ist das richtig. Aber: Wie realistisch ist der zeitnahe Aufbau einer entsprechenden und zuverlässigen nationalen Wasserstoff-Infrastruktur? Oder der nötige Import großer Mengen aus politisch instabilen Ländern, wo der Wind weht und die Sonne scheint, aber bisher keine Infrastruktur vorhanden ist? Gering.

Klimaschutz: Die Kanzlerkandidaten pokern mit dem Vertrauen

Deutschland produziert gegenwärtig rund 50 Prozent grünen Strom. Abgesehen vom schleppenden Ausbau des Erneuerbaren-Energien-Sektors wird es mengenmäßig nie der Lage sein, Industrie, Haushalte und den Verkehrssektor mit den Strommengen zu versorgen, die zur Direktabnahme für die E-Mobilität oder die noch sehr energieintensive und teure Umwandlung in Wasserstoff für Industrie, Flug- und Schiffsverkehr nötig wäre. Zudem konkurriert Deutschland zukünftig mit anderen Industrienationen um das noch teure Gut.

Trotzdem suggerieren alle Kanzlerkandidat*innen, die Elektrifizierung oder Wasserstoffproduktion sei quasi schon geregelt. Kein Verzicht nötig! Als wäre es selbstverständlich oder sinnvoll, Zehntausende stromfressende Zwei-Tonnen-Pkw zukünftig einfach zu elektrifizieren. Als könnten wir ewig aus dem Vollen schöpfen – privater SUV statt Sharing, weiter Malle statt Malente. Das ist verlogen, und die Beteiligten wissen das auch. Weil die Wir werden mit Corona leben müssen

An den großen Stellschrauben muss die Politik drehen

Der Jackpot der Klimaneutralität in 2050 ist mit dieser Strategie ebenso wenig zu gewinnen wie der gesellschaftliche Glaube in die Handlungsfähigkeit der Regierenden. Ohne Anpassung, Verringerung und unter Umständen sogar Verbote wird es unmöglich, die Klimaziele zu erreichen. Denn was uns fehlt, ist Zeit. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung berechnete jüngst, dass mit dem eigentlich geltenden Pro-Kopf-Budget, das die Bundesbürger*innen bis 2050 insgesamt für sich in Anspruch nehmen dürfen, bereits bis 2030 weitere 50 Prozent CO2 eingespart werden müssten. Den geltenden Reduktionspfad anzupassen verweigern die Regierungsparteien von CDU und SPD. Und die Grünen? Wollten vielleicht, zittern im Wahlkampf jedoch vor dem Stigma der Verbotspartei. Müssen es dann die Bürger*innen richten?

Hier und da treffen wir im Kleinen bereits nachhaltige Entscheidungen. Etwas weniger Fleisch, ein bisschen mehr Fahrrad. Aber an den großen Stellschrauben muss die Politik drehen: Verkehr, Gebäude, Industrie. Deswegen mandatieren wir per Wahl Politiker*innen, die in unserem Sinne die besseren, die bedeutenden Entscheidungen treffen – oder treffen sollten. Ehrlich wäre von den Zugpferden der Parteien, überfällige ordnungsrechtliche Maßnahmen öffentlich zu skizzieren und zu erklären, dass ein „Weiter-so“ unmöglich ist.

Ein unpopuläres Zauberwort heißt: weniger!

Der Lebensstil, der uns in diese Krise geführt hat, kann kaum der Ausweg sein. Dem Schwur, Schaden vom Land abzuwenden, kamen Parlament und Regierung beim Thema Klima in der laufenden Legislaturperiode kaum nach. Das muss nach der Wahl anders werden.

Deswegen wäre überzeugend, würden die Kanzlerkandidat*innen Klartext reden – dass sich unser Leben relativ drastisch ändern muss, um kommenden Generationen ein gutes zu gewährleisten. Ein unpopuläres Zauberwort heißt: weniger! Und kostete unter Umständen ein paar Prozentpunkte in der Wählergunst. Dabei schaffte es Vertrauen.

Von politischen Schein-Debatten um den Genderstern, den ich in diesem Beitrag ganz bewusst verwendet habe, darf sich die Gesellschaft nicht weiter sedieren lassen. Es gibt wahrlich Wichtigeres zu tun.

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