Meinung
Nicht nur in Corona-Zeiten

Warum sind wir Deutschen so fürchterlich furchtsam?

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Ein deutscher Dreiklang: Weltschmerz, Angst, Trübseligkeit.

Ein deutscher Dreiklang: Weltschmerz, Angst, Trübseligkeit.

Foto: picture alliance

Während manche Staaten Europas Regelungen behutsam lockern, steckt die Bundesrepublik im Lockdown fest.

Hamburg. „Ihm wurde klar, dass diese ganze Nation von der Seuche einer ständigen Furcht infiziert war: gleichsam von einer schleichenden Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerrte und zugrunde richtete.“

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe hat Deutschland zwischen 1926 und 1936 sechsmal besucht. Es war eine Hassliebe, die ihn immer wieder in das Land seiner Vorväter trieb, eine Reise voller Faszination und Ekel.

Bundesrepublik diskutiert Verschärfungen

In seinem posthum erschienenen Werk „Es führt kein Weg zurück“ beschreibt er die German Angst eindrucksvoll - sie bezieht sich auf das Leben im Faschismus, aber auch auf die Abgründe einer Volksseele, wenn es sie denn gibt. Gerade Angloamerikaner sind sich dessen relativ sicher. Die deutsche Furcht ist als Germanismus sogar ins Englische eingewandert: als vielzitierte „German Angst“.

In diesen Tagen fühlt man sich wieder an sie erinnert. Denn während manche Staaten Europas Regelungen behutsam lockern, steckt die Bundesrepublik im Lockdown fest, ja diskutiert angesichts steigender Infektionsraten Verschärfungen.

Dänemark hat schon am 1. März Lockerungsschritte gewagt

Das verwundert, wenn man die puren Inzidenzzahlen des Europä­ischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten betrachtet: Denn diese steigen zwar, bleiben hierzulande aber deutlich niedriger als in vielen Nachbarstaaten.

In den Kalenderwochen 11 und 12 lag die Bundesrepublik mit einer Inzidenz von 248 binnen 14 Tagen auf dem 8. Rang unter 30 europäischen Staaten. In der Woche übrigens, in der Hamburg eine Ausgangssperre verhängt. In Österreich mit 481 oder in der Schweiz mit 273 setzt man seit Wochen auf mehr Freiheiten.

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Interessant auch: In Schweden, für manche ein Reich des Bösen bei der Pandemiebekämpfung, lag die Inzidenz zwar fast dreimal so hoch (687), die Todesrate aber seit Wochen deutlich niedriger - zuletzt mit zehn Toten pro 1.000.000 nur bei einem Drittel der deutschen Zahl (3o). Dänemark mit einer lange vergleichbaren Inzidenz hat nur ein Zehntel der Toten zu beklagen - und schon am 1. März Lockerungsschritte gewagt.

Seit Wochen messen wir Untersterblichkeit

Seit Beginn der Pandemie berechnet die Universität Oxford einen Index, der die Härte der Lockdown-Maßnahmen bewertet: Mit 75 Indexpunkten gehört Deutschland längst zu den besonders strengen Staaten – im ersten Lockdown war es noch genau anders herum. Auffällig ist auch die sogenannte Übersterblichkeit - sie war zu Recht in aller Munde, als im Dezember und Januar aufgrund der Pandemie besonders viele alte Menschen starben.

So betrug die Übersterblichkeit im Dezember im Vergleich zum Zeitraum der Vorjahre 29 Prozent, die Zahl der Toten stieg auf den höchsten Stand seit 1969. 1969 war nicht nur das Jahr des „Summer of Love“, der damals keinem Lockdown zum Opfer fiel, sondern auch das Jahr der fast vergessenen Hongkong-Grippe.

Statistiken weisen eine deutliche Untersterblichkeit aus

Damals starben hierzulande mehr Menschen als im Corona-Jahr – obwohl es viel weniger Senioren gab: Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland lag bei gut 70 Jahren, heute sind es über 81 Jahre. Und das Medianalter – also das Alter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt – befand sich 1969 bei 34 Jahren. Heute liegt es bei 46 Jahren und damit zwölf Jahre höher.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Inzwischen weisen die Statistiken eine deutliche Untersterblichkeit aus: In den Kalenderwochen 8, 9, 10 und 11 starben in Deutschland deutlich weniger Menschen als in den corona­freien Jahren zuvor: In den vergangenen Wochen waren stets weniger als 19.000 Tote zu beklagen - in früheren Grippejahren waren es zum Vergleich in manchen Wochen bis zu 26.777. Zuletzt lag die Untersterblichkeit im Vergleich zum Mittel der Jahre 2017 bis 2020 bei neun Prozent, in den Wochen zuvor waren es 12 beziehungsweise 15 Prozent.

Die deutsche Todesangst verwundert

Auch wenn die steigenden Infektionszahlen diesen Trend nicht fortschreiben werden, verwundert die deutsche Todesangst: Die Gesellschaft hat offenbar vergessen, dass der Mensch sterblich ist, und auch anderen tödliche Krankheiten existieren. Eine Welt ohne Corona wäre besser, aber nicht viel weniger tödlich.

Oder wie es Erich Kästner einstmals dichtete: „Seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich!“ Natürlich ist Corona eine gefährliche Krankheit – und das gilt nicht nur für ältere Menschen. Auch jüngere Erkrankte klagen über Langzeitfolgen, die britische Mutation hat das Coronavirus offenbar nicht nur infektiöser, sondern auch noch einmal deutlich tödlicher gemacht. Deshalb sind weitere Beschränkungen und Schutzmaßnahmen nötig.

Impfungen beginnen sich langsam auszuzahlen

Andererseits beginnen sich die Impfungen langsam auszuzahlen - weil inzwischen große Teile der Bevölkerung über 80 geimpft sind, aus denen rund sieben von zehn Toten stammen, haben sich die absoluten Todeszahlen deutlich reduziert. Auch das muss zur aktuellen Risiko-Abwägung dazugehören.

Aber vielleicht haben die Deutschen mit einer realistischen Risikoabschätzung einfach ein grundsätzliches Problem beziehungsweise reagieren, freundlich formuliert, besonders sensibel auf Gefahren. Während hierzulande der Astrazeneca-Impfstoff hochumstritten ist, haben die Briten damit schon fast 14 Millionen Menschen geimpft.

Angst vor Astrazeneca

Die Deutschen haben Angst vor Corona – aber noch mehr Angst vor Astrazeneca. Öffentlich erklärt mit Horst Seehofer sogar ein Bundesminister, er werde sich nicht damit impfen lassen: „Ich lasse mich nicht bevormunden.“ Corona-Leugner sind gefährlich. Leute wie Seehofer auch.

Aber sie alle sind typisch deutsch. Nichts ist so lebendig wie unsere Angst. Als Anfang der 80er-Jahre der saure Regen große Waldflächen verheerte, diskutierte die Republik das „Waldsterben“: Magazine warfen mit Fotomontagen einen düsteren Blick in die Zukunft und zeigten Deutschland im Jahr 2000 als Land ohne Wald. An den Grenzen hingegen schien das Siechen der Bäume schon damals zu enden, als handele es sich dabei um eine deutsche Krankheit – die Franzosen sprechen bis heute von „le Waldsterben“.

Zu Zeiten, als in Europa der Rinderwahnsinn grassierte, drohten angeblich hunderttausend Todesfälle. In den Neunzigerjahren fürchteten sich die Deutschen vor BSE: Ich erinnere mich an ein Universitätstreffen in Sheffield – fast alle deutschen Studenten waren vor Reisebeginn ins Vegetarier-Lager gewechselt, eine Vorliebe, die britische Studenten nur mit Sarkasmus kommentierten. Während wir uns wegen der zehntägigen Studienreise in Lebensgefahr wähnten, starben am Ende insgesamt 177 Menschen – innerhalb von zehn Jahren.

Bei der Apokalypse sind die Deutschen Weltspitze

Lustvoll haben sich Medien immer schon auf den Weltuntergang gestürzt. Mit Gruseln lesen, sehen und hören wir von der nahenden Apokalypse. Selbst das Fach des Katastrophenfilms beherrschten in Hollywood lange zwei Deutsche: Wolfgang Petersen und „Master of Desaster“ Roland Emmerich.

Bis heute macht den Deutschen beim Weltuntergang niemand so schnell etwas vor: Als ein Tsunami 2011 die japanische Küste heimsuchte und das Atomkraftwerk in Fukushima außer Kontrolle brachte, reagierte ein Land mit dem sofortigen Atomausstieg: die Bundesrepublik. Nur drei Tage nach der Naturkata­strophe im Pazifik setzt die Bundesregierung die erst fünf Monate zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke aus. Kanzlerin Angela Merkel sagte: „In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können.“

36 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, die Corona-Maßnahmen müssten härter werden

Was sie nicht sagte: Es war das stärkste bislang gemessene Erdbeben, dass den Gau auslöste. 20.000 Menschen starben an den Folgen des Tsunamis, wegen Fukushima zählte Japan offiziell einen Toten. Trotzdem glauben viele Deutsche, Fukushima sei schuld an der Horrorbilanz. Die Grünen etwa twitterten im März 2021: „Zehntausende Menschen starben, die Region um das zerstörte Atomkraftwerk bleibt verseucht und unbewohnbar. Das lehrt uns: Sicher ist nur das Risiko.“

Es wäre aber wohlfeil, nun auf die Politik und die Medien einzuprügeln – sie mögen von der Angst leben und die Furcht verstärken, zugleich sind sie Getriebene der Angst. 36 Prozent der Deutschen sind laut ZDF-Politbarometer der Ansicht, die Corona-Maßnahmen müssten härter werden. 31 Prozent halten die geltenden Maßnahmen für richtig, und nur ein Viertel der Befragten hält sie für übertrieben.

Wir Deutschen haben eine eigene Sicht aufs Risiko

Wir Deutschen haben einfach eine eigene Sicht aufs Risiko. Sie ist längst DNS der Gesellschaft geworden: „Die Scheu, etwas zu wagen, infiziert alles – von Altersvorsorge bis Zukunftsfähigkeit“, schrieb der Schweizer Beat Balzli, der Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“. Und warnte: „German Angst ist kein Geschäftsmodell“.

Die Risikoaversion des modernen Menschen hat der Philosoph Alexander Grau kürzlich in einem „Spiegel“-Essay beschrieben: „Geradezu manisch hat er sich einen schützenden Kokon aus Wohlstand, gesunder Lebensführung, Hochleistungsmedizin und ausgefeilten Sicherheitstechnologien gewebt. Nie lebten Menschen risikofreier. Nie sicherer. Doch es hilft nichts. Wir entkommen der Angst nicht.“

Sozialstaat als Rundum-sorglos-Paket

Wir sind überversichert, fürchten uns vor allem und jedem und haben den Sozialstaat zu einem Rundum-sorglos-Paket ausgebaut. Wir haben Angst vor der Globalisierung, der Digitalisierung, vor jeder Baumaßnahme und Veränderung im Stadtteil, vor Google Street View, Dioxin-Ei und Sendemasten. Unser Nachwuchs träumt von einem Job im öffentlichen Dienst statt im Start-up, wir sind stolz auf unseren Datenschutz, nicht auf unsere digitalen Vorreiter, wir sorgen uns mehr um Feinstaub als um die deutsche Automobilindustrie.

Neue Knallhart-Regeln für Schule, Kita, Handel, Ausgang:

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Woher diese German Angst kommt, ist vielfach untersucht, aber nicht ganz erforscht – sie liegt wohl tief in der deutschen Seele begründet. Die Autorin Sabine Bode hat in ihrem Buch „Die deutsche Krankheit“ den Ursachen nachgespürt und sieht die Ursache in den Nachwirkungen der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges.

„Weltschmerz“ ist ein Kind der deutschen Romantik

Andererseits ist auch der „Weltschmerz“, noch so ein Germanismus, ein Kind der deutschen Romantik. Und wie steht schon im „Deutschen Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm zu lesen: „Angst ist nicht bloß Mutlosigkeit, sondern quälende Sorge, zweifelnder, beengender Zustand überhaupt.“

Irgendwie haben wir die Angst ganz gern - schon bei den Demons­trationen gegen die Nachrüstung forderte die Friedensbewegung „Mut zur Angst“. Tatsächlich kann Angst Vorsicht und Umsicht wecken. So erklärt sich vielleicht auch die Reaktion der Deutschen auf Corona und die Liebe zum Lockdown: Selbst auf der Webseite des Bundesforschungsministeriums darf eine Umweltökonomie erzählen, wie prima die „Deutsche Angst“ in Krisenzeiten ist.

Der Lockdown als Lösung für all unsere Ängste

Da säuselte die stellvertretende Leiterin des Departments für Umweltpolitik am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig im Mai 2020: „Wir sollten die Krise als Gelegenheit sehen, Neues auszuprobieren. Arbeiten im Homeoffice, weniger Verkehr, mehr Zeit im Grünen, Wiederentdeckung lokaler Lebensmittel: All das geht jetzt – und all das ist gut für die Umwelt.

Wir haben jetzt die Chance, neue Impulse für mehr Nachhaltigkeit zu setzen.“ Wenn Corona zur Apokalypse stilisiert wird und der Lockdown zur Lösung aller Probleme, die uns den Garaus machen, möchten manche gar nicht mehr herausfinden aus dem Lockdown.

SPD hat sich längst ins Lager der Angst verabschiedet

Da passt es auch gut, dass der neue deutsche Weltschmerz und die Angst sich direkt in den Umfragen zum Bundestagswahljahr niederschlagen. Die SPD, einstmals die Fortschrittspartei par excellence, die noch in jedem Keller ein kleines Atomkraft installieren wollte, hat sich längst ins Lager der Angst verabschiedet – und die Union als letzte große Partei des Zukunftsglaubens befindet sich im freien Fall.

Die Grünen hingegen schrauben sich von Umfrage zu Umfrage in immer neue Höhen – ihre Anfänge wurzeln in der Angst vor Kernenergie, Nachrüstung und Umweltzerstörung. Nirgends sonst sind die Grünen übrigens so stark wie im Heimatland der German Angst.

Müssen wir wirklich so furchtsam sein?

Aber müssen wir wirklich so furchtsam sein? „Fürchte Dich nicht“, war die Botschaft des Christentums zu Ostern, das in Vergessenheit zu geraten droht. Je rationaler wir uns glauben, desto hasenfüßiger sind wir. Je besser es uns geht, desto ängstlicher werden wir: „Angeschnallt und mit Helm auf dem Kopf sitzt der Wohlstandsbürger geimpft, gesundheitsüberwacht und rauchfrei hinter den Airbags, die er zwischen sich und dem Leben montiert hat, und zittert vor Angst“, schreibt Alexander Grau. „Angesichts der ökonomischen und ökologischen Kosten der Moderne ein armseliger und fragwürdiger Zustand.

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