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Deutschlands Vorbilder in der Pandemie

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Christian Unger
Christian Unger

Christian Unger

Foto: Reto Klar

Rostock, Tübingen, Saarland – einige Regionen gehen im Kampf gegen Corona voran. Was können wir lernen?

Hamburg. Bei Hansa Rostock haben die Fans am Wochenende gefeiert. Den Heimsieg gegen Halle, klar. Aber noch viel mehr: das gelungene Pandemie-Testspiel. Gut 700 Zuschauer im Stadion. Es war ein Anflug von Normalität in einem Land im Corona-Notstand.

Es gibt ein Detail, das verrät viel darüber, warum Rostock so erfolgreich im Kampf gegen Corona ist wie kaum eine andere Stadt in Deutschland: Denn ursprünglich, so heißt es im Rathaus, standen sogar in diesem Fußball-Pilotprojekt 3000 Fans im Stadion zur Debatte. Der Verein, die Behörden, der Bürgermeister entschieden sich am Ende für weniger. Für Zurückhaltung. Für Augenmaß. Für das, was sicher machbar ist.

Rostock hat in der Pandemie erreicht, wonach sich viele Menschen sehnen

Es war nicht die Gier, die Krisenmanager in dem Moment angetrieben hat. Nicht der Neid. Nicht das laute Geschrei nach: Öffnung! Wer freiwillig verzichtet in der Pandemie, der gewinnt den Kampf gegen das Virus. Und wer verzichtet, der gewinnt schneller auch die Freiheit zurück: Dass in Rostock erstmals wieder ein Profiverein vor seinen Fans spielte, war nur möglich, weil die Ansteckungen sehr niedrig sind.

Rostock hat erreicht, wonach sich viele Menschen sehnen. Sie wollen an diesem Wochenende das Theater öffnen. Die Modegeschäfte sind geöffnet, die Fans waren im Stadion. Und nicht nur im Norden – an mehreren Orten auf dem Pandemie-Atlas entstehen kreative und entschlossene Pilotprojekte für ein neues Leben mit dem Virus.

Rostock, Tübingen, Saarland gehen im Kampf gegen Corona voran

In Tübingen startete ein Schnelltest-Projekt „Öffnen mit Sicherheit“. Jeder, der negativ getestet ist, bekommt ein „Tübinger Tagesticket“ – und dann: schlemmen, shoppen, Kultur erleben. Ähnlich läuft es im Saarland. Auch dort öffnen Geschäfte und Kinos nach Ostern – für alle, die sich vorher testen lassen.

Rostock, Tübingen, Saarland – einige Regionen gehen im Kampf gegen Corona voran. Was können wir lernen?

Erstens: Testen, testen, testen. Kostenlose Angebote muss der Staat liefern. Und die Bürger müssen das Angebot nutzen. Schnelltest-Strategien sind der Schlüssel für eine Teil-Öffnung. Für eine höhere Sicherheit – trotz steigender Inzidenzen und britischer Mutante.

Zweitens: Es ist nie zu spät für einen harten Lockdown. Die Entscheider in Rostock haben verhältnismäßig früh und rigide dichtgemacht: Konzerte abgesagt, Kitas und Schulen geschlossen, eine Maskenpflicht eingeführt.

Drittens: Die Menschen müssen selbst handeln. Eigenverantwortlich. Wer mit Fußgängern in Rostock spricht, der hört selten Ärger und Wut über die Maskenpflicht. Viele – sogar Ältere – nutzen die App auf dem Handy, die eine Kontaktverfolgung möglich macht.

Viertens: Man braucht trotz der Verantwortung des Einzelnen eine klare Führung. Eine Regierung, die den Menschen vor allem eines gibt: Planbarkeit. Wer souverän plant, kann in der Krise souverän kommunizieren.

Fünftens: Man braucht auch Glück in der Pandemie. So wie Rostock. Die Stadt hat wenig Pendlerverkehr, Touristen strömen, wenn überhaupt, eher an die Ostseestrände.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auch in Rostock, Tübingen und im Saarland steigen nun die Ansteckungen. Ein Ort kann sich nicht abriegeln. Auch dort müssen die Verantwortlichen sicherstellen, dass die Euphorie der erfolgreichen Pilotprojekte sie nicht in eine neue Viruswelle treibt.

Beim Hansa-Spiel am Wochenende waren alle gut 700 Fans negativ. Nun steht das nächste Heimspiel an. Die Debatte läuft schon, dass nun auch 3000 Zuschauer kommen können. Das ist angesichts der steigenden Infektionszahlen keine schlaue Idee. Verliert Rostock das Augenmaß, dann könnte die Stadt bald auch schon die gerade gewonnene Freiheit verlieren.

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