Das Spaltvirus

Wie Corona Hamburg und Schleswig-Holstein entzweit

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Andreas Dey und Matthias Popien
Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) fährt einen anderen ganz Corona-Kurs als Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) fährt einen anderen ganz Corona-Kurs als Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Verhältnis der Hansestadt und Schleswig-Holstein ist von Kakofonie und Unverständnis geprägt. Eine gemeinsame Linie gibt es nicht.

Hamburg. Die Uhrzeit war ungewöhnlich, aber die Dissonanz in den Botschaften kam einem irgendwie bekannt vor. „Guten Morgen“, sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) mit einem Anflug von Ironie, als er gegen 3 Uhr in der Früh am Dienstag im Rathaus vor die Kameras trat und die Corona-Beschlüsse nach den Mammut-Beratungen von Bund und Ländern erklärte.

Die Verlängerung des Lockdowns bis zum 18. April, die geplante „Oster-Ruhe“ (die tags darauf wieder kassiert wurde), das alles liege auf seiner Linie, sagte Tschentscher und betonte, wie wichtig es ihm sei, dass die „Notbremse“ nun „sehr konsequent in allen Ländern und Regionen“ eingehalten werden solle. Und damit es ganz klar wurde, wiederholte Tschentscher: „Alle Länder und alle Landkreise.“

Corona: So zerstritten sind Hamburg und Schleswig-Holstein

Das Problem dabei: Diese „alle“ sehen das zum Teil ganz anders. Wenige Stunden später trat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) in Kiel vor die Presse und zeigte sich enttäuscht von den Beschlüssen: „Mit unseren Anliegen, vor allem etwas für Hoteliers und Restaurantbesitzer zu erreichen, sind wir nicht so weit gekommen, wie wir es als Nordländer gemeinsam machen wollten.“

Ob „kontaktarmer Urlaub“ im eigenen Bundesland oder Öffnung der Außengastronomie bei einer Inzidenz von unter 100 – alles an der Kanzlerin und den vorsichtigeren Regierungschefs wie Tschentscher abgeprallt.

Seit einem Jahr geht das nun so. Kiel sagt hü, Hamburg sagt hott. Eine Corona-Abstimmung oder gar ein gemeinsamer Kurs im Norden? Nicht erkennbar.

Gemeinsamer Kurs im Norden nicht erkennbar

Alles fing damit an, dass Anfang April 2020 Spaziergänger, Rad- und Motorradfahrer aus Hamburg an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein abgewiesen wurden: Einreiseverbot. Die Angst vor den Hansestädtern, wo die Infektionszahlen aufgrund der vorangegangenen Skiferien höher waren als im Umland, ging so weit, dass Autofahrer mit HH-Kennzeichen nördlich der Stadt beschimpft, vereinzelt sogar ihre Autos demoliert oder beschmiert wurden. Viele Hamburger waren über diese Feindseligkeit, die es an der Grenze zu Niedersachsen im übrigen nicht gab, entsetzt, auch der Bürgermeister.

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Tschentscher rief Günther an und bat ihn, die Maßnahmen zu stoppen – was auch geschah. Doch beigelegt war der Zwist damit keineswegs. Während man an der Alster empört darauf verwies, dass die Schleswig-Holsteiner ja auch weiter nach Hamburg zur Arbeit fahren dürften und selbstverständlich auch viele Covid-Patienten aus dem Umland in den hiesigen Kliniken versorgt würden, wähnte man sich in Kiel weiter im Recht.

Echte „Grenzkontrollen“ habe es doch nie gegeben, man habe lediglich dafür gesorgt, dass die Corona-Bestimmungen eingehalten würden. Und die Nutzungsverbote für Zweitwohnungen seien einfach notwendig gewesen – schließlich gebe es viele Küstenorte mit Tausenden solcher Wohnungen.

Hamburger strömen in Tierparks und Gartencenter im Norden

Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) gehörte damals zu den wenigen an der Kieler Förde, die zumindest die Folgen der Maßnahmen bedauerten: „Solche Feindseligkeiten gehören sich nicht“, sagte er damals. „Es tut mir leid, dass das geschehen ist.“ Seine Beteuerung, Zweitwohnungseigentümer nie wieder mit Nutzungsverboten gängeln zu wollen, wurde zwar eingehalten.

Osterruhe gekippt - Tschentscher räumt Fehler ein

Osterruhe gekippt - Tschentscher räumt Fehler ein
Osterruhe gekippt - Tschentscher räumt Fehler ein

Doch diese Mischung aus Kakofonie und undurchschaubaren Unterschieden in den Regeln zieht sich wie ein roter Faden bis heute durch. Nur eines von zig möglichen Beispielen: Zu Tausenden strömen die Hamburger in die geöffneten Gartencenter und Tierparks im Umland, denn die in der Hansestadt sind geschlossen.

Doch woran liegt das? Stimmen die Länder sich nicht ab? Doch, das täten sie, heißt es im Rathaus. Die jeweiligen Chefs der Senats- und Staatskanzleien seien oft im Austausch, und auch Tschentscher und Günther würden regelmäßig telefonieren. „Der Gesprächsfaden ist da“, wird betont. Doch letztlich sei jedes Land für seine Regeln zuständig, und die Haltungen und Interessen seien nun mal nicht deckungsgleich. Tschentscher räumte am Dienstag offen ein: „Wir sind fortlaufend in Abstimmungen. Aber das bedeutet ja nicht, dass unterschiedliche Sichtweisen sich angleichen.“

Schon im Herbst klappten die Inzidenzwerte deutlich auseinander

Ein Grund ist sicher, dass die Pandemie die beiden so unterschiedlichen Nachbarn – hier die dicht bevölkerte Metropole, dort das dünn besiedelte Flächenland – unterschiedlich hart traf. Schon im Herbst klappten die Inzidenzwerte deutlich auseinander.

Am 16. Dezember, dem ersten Tag des dann doch verhängten harten Lockdowns, wies das Robert-Koch-Institut für Hamburg einen Wert von 125 aus, für Schleswig-Holstein aber nur 86 – beides damals deutlich unter dem Bundesschnitt von 180. Zwischenzeitlich näherten sich die Werte zwar wieder an. Doch während sich in Hamburg schon seit Mitte Februar eine dritte Welle abzeichnete, erfreute man sich im Norden weiter niedriger Zahlen.

Auf dem Bund-Länder-Gipfel am 3. März – Schleswig-Holstein lag bei nur noch 46, Hamburg bei 70 – war Günther daher entschlossen, nun endlich Öffnungen herbeizuführen. Ein Stufenplan wurde ins Werk gesetzt, der Lockerungen nicht erst ab einer Inzidenz von unter 35, sondern bereits viel früher erlaubte: bei unter 50. Also genau da, wo sich Schleswig-Holstein gerade eingependelt hatte.

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Tschentscher hingegen hatte schon im Vorfeld vor zu schnellen Lockerungen gewarnt – und sah sich hinterher bestätigt. „Man muss sich bewusst machen: Einzelhandel öffnen ist ein Masseneffekt“, sagte er am Dienstag. Die Anhebung der Inzidenzgrenze habe zu einem „Shopping-Tourismus“ geführt.

"Was lehrt uns das? Dass wir uns an Hamburg orientieren sollen? Wohl kaum.“

Wie sensibel Tschentschers Aussagen in Kiel verfolgt werden, zeigte eine Begebenheit vom vergangenen Freitag: „Hamburger können sich beim Einkaufen in Schleswig-Holstein infizieren“, stellte der Bürgermeister seinerzeit fest und warnte: „Die Mobilität ist ein wesentlicher Pandemiefaktor.“

Obwohl diese Sätze erkennbar eine Situationsbeschreibung und weniger eine Kritik am Nachbarn sein sollten, lösten sie in Kiel doch Empörung aus. Wenn Tschentscher jetzt behaupte, die Öffnung des Einzelhandels in Schleswig-Holstein sei die Ursache für den Anstieg der Infektionen in Hamburg, „ist das vollkommen absurd“, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Tobias Koch im Landtag.

Tourismusminister Buchholz setzte in der Debatte noch einen drauf. „Uns wird gesagt, wir sollten uns an Hamburg orientieren“, sagte er. „Also gucken wir mal nach Hamburg. Da war der Einzelhandel geschlossen, die Kitas und die Schulen waren geschlossen. Bei uns war der Einzelhandel offen. Bei uns hat sich die Inzidenz um zehn Punkte nach oben entwickelt, in Hamburg um 50 Punkte. Was lehrt uns das? Dass wir uns an Hamburg orientieren sollen? Wohl kaum.“

Zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg steht es schlimm

Dieses Scharmützel zeigt, wie verfahren die Situation ist. Dass man einander nicht versteht, mag ja mal vorkommen. Aber zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg steht es schlimmer: Da scheint sich nun die Neigung festzusetzen, sich gründlich missverstehen zu wollen. Die komplizierte Situation in der Kieler „Jamaika“-Koalition trägt dazu sicherlich bei.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Die Grünen sind gegen allzu schnelle Öffnungen, der FDP kann es nicht schnell genug gehen. Nachdem Günther als Kompromiss der Tourismusbranche wochenlang versprochen hatte, Osterurlaub werde möglich sein, um dann am Montag selbst mit dem Minimalvorschlag eines „kontaktarmen Urlaubs“ zu scheitern, prägte sich in Kiel besonders eine Ablehnung schmerzlich ein – die aus Hamburg.

Günthers Tourismus-Vorschlag stieß in Hamburg auf Kritik

Blass, übernächtigt und verbittert zählte Daniel Günther am Dienstag auf, wer ihm in jener Nacht erfolglos zur Seite gesprungen war: Manuela Schwesig und Stephan Weil (beide SPD), die Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Kein Wort über Hamburg.

In der Landesregierung heißt es nun, man verstehe nicht, warum Tschentscher sich so energisch gegen Günthers Tourismus-Vorschlag gewehrt habe. Es habe doch eine Nordallianz für diese Idee gegeben. Nur Hamburg sei ausgeschert. Und überhaupt – man lasse sich gewiss nicht zum „Sündenbock“ für die steigende Inzidenz in Hamburg machen.

Tschentscher beteuert hingegen mit Blick nach Kiel: „Wir sind in einem sehr freundschaftlichen Austausch.“ Er sehe aber in jeder Form von Mobilität, ob zum Reisen oder zum Einkaufen, ein zusätzliches Risiko. Andere würden es anders bewerten. „Insofern ist das keine vorwurfsvolle Diskussionslage“, so Tschentscher. „Es ist einfach ein Problem, das wir objektiv miteinander haben.“ In der Tat.

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