Meinung
Dohnanyi am Freitag

Corona-Impfung: „Europa ist ein Tausendfüßler“

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über das Impfen.

Hamburg. Matthias Iken: Das Land schien gut vorbereitet: Das erste Vakzin kam aus Deutschland, die Länder bauten früh Zen­tren auf, doch nun fehlt überall Impfstoff. Wie konnte das passieren?

Klaus von Dohnanyi: Eigentlich ist es ein Wunder, dass kaum zwölf Monate nach den ersten Infektionen mehr als ein Impfstoff zur Verfügung stand. Die Hersteller konnten die Produktion aber erst nach der wissenschaftlichen Freigabe anlaufen lassen. Und die erfolgte in der EU langsamer als in den USA oder Großbritannien: Diese Länder riskierten einfach mehr Nebenwirkungen. War das zu verantworten? Hätte man das öffentlicher debattieren müssen? Vielleicht. Schließlich standen wir erkennbar vor einer großen Krise.

Iken: Wie will man den Menschen erklären, dass andere Länder auch noch viel schneller sind? Großbritannien hat viermal so viele Bürger geimpft wie Deutschland.

Dohnanyi: Die Europäer wollten sich beim Impfstoff keine Konkurrenz machen und beauftragten die EU-Kommission mit der Beschaffung. Das war politisch richtig. Aber die Kommission hatte keine Beschaffungserfahrung, andere Länder boten kühn höhere Preise und kamen den Herstellern bei der Haftung für unbekannte Nebenwirkungen entgegen; so bekamen sie dann schneller größere Mengen. Am besten waren die USA – da denkt der Staat unternehmerischer. Das müssen wir und die EU-Kommission lernen. Denn so ist und wird die Welt.

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Iken: Hat die EU als Gemeinschaft versagt?

Dohnanyi: Es war offenbar so, dass manche ärmeren Länder meinten, die Preise seien zu hoch, und deutscher Impfstoff und deutsche Steuerzahler würden profitieren. Zukünftig sollten bei solchen Fragen einzelne EU-Länder nichts zu sagen haben. Einer muss die Verantwortung tragen. EU-Präsidentin von der Leyen hatte außerdem in Berlin böse Erfahrungen mit bürokratischen Beschaffungsregeln gemacht. Kein Wunder, dass sie sich jetzt eisern an die Vorschriften hielt. Diese EU ist so offensichtlich für Krisen nicht zukunftsfähig. Europa ist ein Tausendfüßler, bei dem jeder Fuß seinen eigenen Kopf hat. So kommen wir nie voran. Aber reformieren Sie mal so eine Union mit 27 Mitgliedstaaten!

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