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Lasst uns gutes Geld mit guter Forschung verdienen

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Hamburg / HA

Für Kapitalismuskritiker ist die abenteuerliche Geschichte des Wirecard-Skandals ein gefundenes Fressen. Nieten in Nadelstreifen und Betrüger an der Börse gehören für viele so untrennbar zusammen wie Hitze und Klimawandel.

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die Idee der Aktiengesellschaft etwas Böses, Gefährliches, Amerikanisches ist: Wirecard mit seinen Kursmanipulationen, Bilanzfälschungen und Lügen hätte ihn frei Haus geliefert. Auch die, die bis vor einigen Wochen Wirecard nicht einmal kannten, wissen nun: Schuld ist die Politik und damit Finanzmister Olaf Scholz. Und bald gibt es den kapitalismuskritischen Kassenschlager: Ufa-Chef Nico Hofmann will die spektakuläre Pleite des Zahlungsdienstleisters Wirecard verfilmen.

Wirecard ist zweifellos organisierte Kriminalität

Aber leider ist die Welt etwas komplizierter: Wirecard ist zweifellos organisierte Kriminalität und zeugt vom Versagen der Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsbehörden – aber die Einzigen, die früh und laut auf die Skandale hingewiesen haben, waren Erzkapitalisten: die Journalisten der „Financial Times“ und Leerverkäufer, also Anleger, die auf den Kursverfall einer Aktie spekulieren.

Sie waren die großen Profiteure der deutschen Leichtgläubigkeit. Aufseher, Anleger, Politiker und Journalisten wollten lieber glauben, dass Deutschland ein richtig tolles Wachstumsunternehmen hervorbringen kann. Wirecard, 1999 als Start-up gegründet, klang endlich nach einer jungen Erfolgsgeschichte im angegrauten DAX, wo SAP stets der Junior war. Die Firma „Systeme, Anwendungen und Produkte in der Datenverarbeitung“ stammt aus dem Jahr 1972.

Wachstumsfirmen verlassen Deutschland, wenn es um Kapitalmärkte geht

Das wahre Wirecard-Drama aber ist, dass es ein anderes Drama überlagert. Deutschland hat sehr wohl tolle Wachstumsunternehmen. Die aber verlassen das Land, wenn es um Wachstum und Kapitalmärkte geht. Am Freitag ging Cure­vac an die Börse – nicht in Frankfurt, sondern an der Nasdaq in New York.

Das Tübinger Forschungsunternehmen, ein Hoffnungsträger bei der Erforschung eines Impfstoffs gegen Covid-19, wird künftig an der US-Technologiebörse notiert. Das muss auch deshalb schmerzen, weil gleich zwei große Anteilseigner eine Prise Standortliebe mitbringen.

Zum einen ist es der Curevac-Financier Dietmar Hopp, einst Gründer von SAP, zum anderen ist es die Bundesrepublik Deutschland. Gutes Geld mit dieser Perle der deutschen Forschung werden nun vorrangig amerikanische Banken, Berater und Börsen verdienen. Und mit der Notiz dürfte sich Curevac noch stärker auf den US-Markt und US-Anleger konzentrieren. Dort ist es ja nicht allein: Vor knapp einem Jahr ging das Mainzer Biotech-Unternehmen BioNTech an die Nasdaq – zu 15 Dollar platziert, notiert die Aktie heute bei über 70 Dollar. Während manche deutsche Kleinanleger ihr Vermögen bei Wirecard verzockten, haben die Investoren bei BioNTech ein großes Vermögen gemacht.

Schlagersänger mit obskuren Geschäftsideen

Deutschland war schon einmal weiter: Von 1997 bis 2003 gab es den Neuen Markt. Die meisten werden noch die Skandale kennen, die es dort gab: Schlagersänger mit obskuren Geschäftsideen, Luftbuchungen, erfundene Umsätze, Fantasiemeldungen. Pleiten, Pech und Pannen. Das ist eine Seite der Wahrheit. Deshalb sperrte die Deutsche Börse das Segment für Wachstumsfirmen 2003 in der großen Börsenkrise kurzerhand zu.

Die andere Seite wird gern übersehen: Nur weil es diese Börse gab und junge Unternehmen Kapital bekommen haben, konnten Start-ups zu milliardenschweren Konzernen wachsen. Für wenige Jahre etablierte sich eine Gründerkultur, die die USA so stark macht, für einige Monate gab es Wagniskapital und Anleger, die das Neue finanzieren mochten.

Die Erfolge sind beeindruckend: Das Hamburger Biotechunternehmen Evotec etwa ist heute 3,24 Milliarden Euro wert; auch Nordex oder Freenet fingen am Neuen Markt ganz klein an. Bis heute stammen zwei Drittel des TecDAX, der sich seit 2016 im Wert verdoppelt hat, aus der Konkursmasse des verblichenen Neuen Marktes – obwohl dieser seit 17 Jahren Geschichte ist. Nun wird, siehe Curevac und BioNTech, die Geschichte eben anderswo geschrieben.

Es wäre doch eine schöne Hausaufgabe für die deutsche Börse und das Finanzministerium, aus Curevac und BioNTech zu lernen und etwas Neues zu wagen. Gerne auch einen Neuen Markt 2.0.

Mit der Erfahrung von Wirecard schauen wir alle einfach genauer hin.