Meinung
Hamburger Kritiken

Medien leben von ihrer Glaubwürdigkeit

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Wenn Journalisten zu Aktivisten mutieren, wenn Haltung Unvoreingenommenheit ersetzt, ist Gefahr in Verzug.

Hamburg. Es ist ein kleines Buch, aber eines, das Aufsehen erregt: Auf 144 Seiten rechnet Birk Meinhardt, zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger und 20 Jahre Reporter der „Süddeutschen Zeitung“, mit seinem Arbeitgeber im Besonderen und dem Journalismus im Allgemeinen ab. „Wie ich meine Zeitung verlor: Ein Jahrebuch“ sollte Pflichtlektüre für Kollegen sein – es ist mal zornig, dann tieftraurig, mal bitter, dann bitterböse. Das Buch ist nicht immer fair und mitunter selbstverliebt, aber viele Punkte treffen: „Das ist ja alles nur noch in eine Richtung gebürstet! Das ist ja ein Dauerzustand geworden: einer Haltung Ausdruck zu verleihen und nicht mehr der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit um die Teile zu reduzieren, die nicht zur Haltung passen, und dafür die Teile überzubetonen, die sich mit der Haltung decken.“

Das mag überzogen klingen, aber leider ist es eben nicht ganz verkehrt. Ein aktuelles Beispiel gefällig? Am 6. Juni 2020 demonstrierten rund 14.000 Hamburger gegen Rassismus, die meisten Medien reagierten freundlich bis begeistert, Verstöße gegen das Abstandsgebot spielten keine große Rolle; stattdessen ging es in den Folgetagen in vielen Medien um eine ganz andere Frage: die Polizeigewalt. Mehrere Demonstranten hatten den Beamten ein überhartes Eingreifen vorgeworfen. Praktischerweise zitierten und integrierten gleich mehrere Medien den Twitter-Tweet und Demofotos der „linken Aktivistin und Augenzeugin“ Emily L. Dass diese Aktivistin regelmäßig in Verfassungsschutzberichten auftaucht, erfuhren die Leser nicht.

Am Wochenende demonstrierten in Berlin nun rund 20.000 Menschen gegen die Corona-Beschränkungen. Die Reaktionen fielen anders aus – überall war zu lesen, wie Rechtsradikale die Demo kapern. „Unstrittig ist jedoch, dass es keine klare Abgrenzung von der rechten Szene gibt. Immer wieder fallen rechte Parolen, Plakate und T-Shirts auf“, warnte etwa der „Tagesspiegel“. Man stelle sich nun noch vor, ein Aluhutträger wäre danach bei einem großen Medium vorstellig geworden, um Polizeigewalt anzuklagen. Das wäre, da lege ich mich mal fest, kein ganz großes Thema geworden.

Nun dürften die ersten Leser Bluthochdruck bekommen. Darf man eine Anti-Corona-Demo mit einer Anti-Rassismus-Demo vergleichen? Als Berichterstatter schon, sie beide sind Thema für Journalisten. Ich gebe zu, dass mir eine Anti-Rassismus-Demo deutlich sympathischer ist als ein Anti-Corona-Aufzug. Aber wissen Sie was? Das journalistische Ich hat einfach mal die Klappe zu halten – es sei denn, es geht um eine Kolumne oder einen Kommentar. Sagen, was ist, heißt der kleine, dieser große Satz von Rudolf Augstein. Er heißt nicht: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Medien leben von ihrer Glaubwürdigkeit. Und die meisten Medien machen – anders als ihnen Populisten so gern wie oft vorwerfen – gute Arbeit. Wenn aber Journalisten zu Aktivisten mutieren, wenn Haltung Unvoreingenommenheit ersetzt und nicht mehr ergebnisoffen, sondern ergebnisgeleitet recherchiert wird, ist Gefahr in Verzug. Im Juli stellte „Panorama“ einen Oberstleutnant der Bundeswehr zur besten Sendezeit als vermeintlich Rechtsradikalen öffentlich-rechtlich an den Pranger. Untrügliche Beweise waren zwei Likes bei Instagram und seine Spuren im Netz. Seine Verteidiger haben daraufhin der „Panorama“-Autorin vorgeworfen, sie sei ihrerseits mit Linksradikalen vernetzt. Kann das ein Vorwurf sein? Ich gestehe, schon in der Roten Flora und auf einem Burschenschaftshaus in Berlin gewesen zu sein – und fand die Flora deutlich sympathischer. Bin ich nun Linksextremist? Oder Rechtsextremist? Oder beides?

Vielleicht würde es allen helfen, ein paar Gänge herunterzuschalten. Unsere Wirklichkeit ist etwas komplexer als ein Schwarz-Weiß-Comic. Ein Corona-Demonstrant muss nicht automatisch ein irregeleiteter Verschwörungstheoretiker sein, und ein Linksradikaler ist nicht gleich ein Chaot. Beide haben nicht nur das Recht, gehört zu werden, es ist manchmal sogar die verdammte Pflicht eines Journalisten, zuzuhören. Wer nur seine Weltbilder nachzeichnen möchte, hat den Job verfehlt.

Es geht darum, dass Birk Meinhardt eben nicht recht behält, wenn er schreibt: „Der Journalismus trägt meines Erachtens eine Riesenschuld an der Verhärtung der Fronten, die er selber beklagt. Er bringt sie maßgeblich mit hervor, und er beklagt sie danach.“

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