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Warum sich Hamburg neu erfinden muss

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Hamburg / HA

Der Wirtschaftsstandort steht wegen Corona vor schweren Zeiten – gerade deshalb sind neue Ideen und Visionen bitter nötig.

Es gibt eine Weisheit, die der Fußballer Jürgen Wegmann auf unnachahmliche Weise geprägt hat. „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“ Ungefähr so ist die Stimmung am Standort. Hamburg als Stadt des Handels und des Hafens leidet seit Längerem unter dem homöopathischen Wachstum des Handels. 2019 ermittelten die Volkswirte noch ein kümmerliches Wachstum von 0,9 Prozent, im laufenden Jahr dürfte er krachend zurückgehen: Schätzungen gehen von einem Minus von bis zu elf Prozent aus.

Erstmals in der Geschichte der Globalisierung hat das Coronavirus alle wichtigen Staaten mehr oder minder zeitgleich getroffen, fast alle großen Volkswirtschaften werden 2020 schrumpfen. Hinzu kommen in Hamburg hausgemachte Probleme wie die unendlichen Verzögerungen bei der Fahrrinnenanpassung, die HPA-Possen und die Nachteile bei der Einfuhrumsatzsteuer. Auch wenn man mit Superlativen vorsichtig sein muss – der Hafen macht die schwerste Krise seit Jahrzehnten durch.

Corona: Hamburger Hafen und Luftfahrt in der Krise

Gleiches gilt für die Luftfahrtbranche. Bis zum März war Hamburg zu Recht stolz darauf, neben Toulouse und Seattle einer der drei führenden Luftfahrtstandorte der Welt zu sein. Nun trifft die Krise die Hansestadt als Standort von Airbus und Lufthansa Technik heftig. Bei Airbus gingen weder im Mai noch im Juni Bestellungen ein. Der Flughafen Hamburg dürfte in diesem Jahr einen Verlust von 100 Millionen Euro schreiben. Überall fallen Jobs weg.

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Und noch eine Boombranche mit vielen Beschäftigten muss einen Nackenschlag nach dem anderen einstecken: Die Gastroszene, die Hotellerie und die Veranstaltungsbranche kämpfen mit Rückgängen von mehr als 50 Prozent. Wohin man schaut, die Lage ist schlecht. Einer aktuellen Handelskammer-Umfrage zufolge erwarten drei von vier Unternehmen im laufenden Jahr einen Umsatzrückgang. Das nannte man früher eine schwere Krise.

OECD-Studie eine Ohrfeige für Hamburg

Im vergangenen Jahr bekam es die Hansestadt sogar schriftlich. Die OECD-Studie kritisierte das Auseinanderklaffen der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zwischen Nord und Süd. Obwohl das Papier eine Ohrfeige für den Norden war, ging es der Studie wie so vielen anderen: gelesen, gelacht, gelocht. Auch der Warnruf der Akademie der Wissenschaften verhallte ungehört – das Gutachten beklagte die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der Hamburger Wirtschaft.

Und mehr als deutlich warnte der Chef des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, kürzlich im Abendblatt: „Die alten Erfolgsmodelle werden nicht mehr so gut funktionieren“, warnte er. „Die Strukturprobleme im Norden werden sich verschärfen. Nun muss es darum gehen, unsere Standortvorteile wie die erneuerbaren Energien in Wertschöpfung umzusetzen.“

Eine Vision und viel kleines Karo

Für diese Fülle von Krisenszenarien überrascht die spitzwegsche Gemütlichkeit in der Hansestadt. Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) verfolgt mit seiner Wasserstoffinitiative zumindest eine Vision. Sonst aber regiert das kleine Karo. Es geht um Fragen wie den Umbau zur Fahrradstadt. Die großen Linien fehlen. Die Regierungserklärung von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vom 24. Juni bot viel Bekanntes, wenig Neues und noch weniger Inspirierendes.

Die nach Corona hochaktuelle Frage, wovon die Stadt in Zukunft leben will, wird kaum gestellt. Viel lieber diskutiert der Senat, wie das noch vorhandene Geld verteilt werden kann. „Naive Fröhlichkeit ist kein Ersatz für ein Zukunftskonzept“, grollt ein früherer Senator der Hansestadt. „Es gibt seit mehr als zehn Jahren keine Wirtschaftspolitik für Hamburg.“ Das mag hart sein, aber die Zahl der strategischen Köpfe scheint derzeit eher überschaubar. Es ist schön für Theater und Kleinkünstler, einen brillanten Kultursenator zu haben. Es ist aber auch ein Luxus, die klügsten Köpfe wie Carsten Brosda in der Kulturbehörde einzusetzen.

Strategien, die über den Tag hinaus andauern, sind nötig. Wer das noch vorhandene Geld ausgeben will, sollte zumindest wissen, wofür es ausgegeben werden soll.

Welche Cluster will die Hansestadt für sich besetzen, in welchen Bereichen wissenschaftlich vorankommen, wie Start-ups, Entwickler und Erfinder fördern? Wie soll die Metropolregion zur Wachstumsregion werden? Viele Fragen sind ungeklärt. Schlimmer noch: Viele Fragen werden nicht einmal diskutiert.

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