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Kommt der Profifußball zur Vernunft?

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Peter Müller
Peter Müller ist  Redaktionsleiter Funke Sport in Nordrhein- Westfalen.

Peter Müller ist Redaktionsleiter Funke Sport in Nordrhein- Westfalen.

Foto: HA

Einerseits wird eine neue Bescheidenheit propagiert. Andererseits wollen Clubs wie der FC Bayern und Hertha BSC wieder protzen

Auf dem Transfermarkt des Profifußballs, dieser großen Geldverschiebefläche, ist derzeit weniger los als auf den Wochenmärkten in unseren Städten. Vorsicht regiert, örtlich auch Angst. Viele Vereine können nicht sicher planen, weil sie nicht wissen, was die Corona-Krise noch mit und aus ihnen machen wird.

Doch ein spektakulärer Transfer wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zustande kommen: Der deutsche Nationalspieler Leroy Sané wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von Manchester City zum FC Bayern München wechseln. Es wird noch um die Ablösesumme gerangelt, medial sind Zahlen zwischen 40 Millionen und 65 Millionen Euro unterwegs.

Finanzspritze für Hertha BSC

Bei Hertha BSC hat derweil Investor Lars Windhorst eine weitere Finanzspritze in Aussicht gestellt, nachdem er im Vorjahr über seine Beteiligungsgesellschaft für 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Hertha-Anteile erworben hatte. Es gebe die Bereitschaft, bei Bedarf noch mal „100, 150 Millionen Euro Eigenkapital zu investieren“.

Sané und Windhorst. Zwei Namen und zwei Nachrichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander verbindet. Die aber beide diese Frage provozieren: Ist das die neue Bescheidenheit, von der im Profifußball die Rede ist?

Schnäppchenkauf durch den FC Bayern

Der FC Bayern wird sich, wie auch immer er sich mit den Engländern einigen wird, intern für einen Schnäppchenkauf feiern. Natürlich hat vor allem Sanés im August erlittener Kreuzbandriss den Marktwert gesenkt, doch grundsätzlich waren Spieler seiner Güteklasse auch schon mal 100 Millionen Euro und mehr wert. Vor Corona.

Finanzunternehmer Windhorst aber passt mit seiner Ankündigung so gut in diese Zeit wie ein Formel-1-Wagen zu einer Oldtimer-Rallye. Sein gesamtes Gebaren inklusive des Fehlgriffs mit Jürgen Klinsmann wird schon seit Monaten kritisch beäugt. Während der Corona-Krise antizyklisch zu handeln macht Windhorst außerhalb Berlins auch nicht gerade zu einem Sympathieträger. Wenn Wasserknappheit herrscht, kommt es eben nicht so gut an, wenn jemand selbstsicher verkündet, dass er Mineralwasser für die Klospülung benutzt.

„Diese Großkotzigkeit fällt uns allen auf die Füße“

Fritz Keller würde niemals Namen nennen. Aber wer den Winzer aus dem Badischen kennt, der sich als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes auch
Nähe zur Basis zum Ziel gesetzt hat, der kann sich schon denken, welche Typen er beim Interview mit dem „Spiegel“ gemeint haben könnte. Man sehe nun, „wozu es führt, wenn die Neureichen, von denen einige auch in der Bundesliga am Ball sind, mit ihrem Geld herumprotzen“, hat Keller gesagt. „Diese Großkotzigkeit fällt uns allen auf die Füße.“

Eine Reaktion kam aus dem Machtzentrum der Bundesliga – von Karl-Heinz Rummenigge, der Keller empfahl, vor der eigenen Tür zu fegen. Mittlerweile sollen die beiden sich ausgesprochen haben. Keller fordert, über Obergrenzen bei Spielergehältern zu reden – und freut sich, „dass ich da mit Karl-Heinz Rummenigge einer Meinung bin“.

Seifert: Ein Reformprozess? Unumgänglich

Dieses Thema als mögliche Lehre aus der Corona-Zeit, in der nur wenige Wirtschaftsbranchen dermaßen massiv an Ansehen verloren haben wie der wegen vermeintlich ungezügelter Profitgier beschimpfte Profifußball, bewegt auch Christian Seifert. Der als umsichtiger Krisenmanager aufgefallene Chef der Deutschen Fußball-Liga hat schon vor Wochen im „FAZ“-Interview gesagt, dass ein Reformprozess unumgänglich sei. Die Gehaltsobergrenze, der sogenannte Salary Cap, könne da ein Ansatz sein.

Ohne eine höchst unwahrscheinliche europäische Lösung dürfte es allerdings schwierig werden zu verhindern, dass die Hauptdarsteller auf der Bundesliga-Bühne auch in Zukunft im Goldregen stehen. Je nach Notlage könnte durch die Corona-Krise sogar das Thema 50+1 wieder aktuell werden, die Regel, die hierzulande verhindert, dass Kapitalanleger die Stimmenmehrheit bei Proficlubs übernehmen können.

Der Kampf um vordere Plätze und gegen den Abstieg wird weiterhin dazu verführen, eher einen teuren Torjäger zu verpflichten als Rücklagen zu bilden. Die Angst vor plötzlichen Insolvenzen hat immerhin dazu geführt, dass das System hinterfragt wird. Die Kernfrage aber, ob der jahrelang von dauerhaftem Wachstum verwöhnte Profifußball bereit für einen Wertewandel ist, wird noch eine Zeit lang unbeantwortet bleiben.

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