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Bundesliga läuft wieder an – aber nur im Notbetrieb

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Alexander Laux
Alexander Laux ist Sportchef des Abendblattts.

Alexander Laux ist Sportchef des Abendblattts.

Foto: Ha / HA / Mark Sandten

Neustart ohne Euphorie: Von Sonnabend an stehen die Spieler noch stärker im Fokus. Das Verletzungsrisiko ist nicht abzuschätzen.

Hamburg. Wenn Sie diese Zeilen lesen, steht die Wiederbelebung der Fußball- Bundesliga und der Zweiten Liga kurz bevor. Seien wir ehrlich: Noch vor vier, fünf Wochen hätte kaum jemand darauf gewettet, dass dieses gewagte Experiment inmitten der Pandemie (vorerst) glückt. Ob der Ligabetrieb beendet werden kann und unter welchen Bedingungen, ist völlig offen.

In den vergangenen Wochen ist die Diskussion, ob und wann der Profifußball wieder beginnen soll, sehr kontrovers geführt worden, auch im Abendblatt, und zwar völlig zu Recht. Es gibt gute Gründe, den Neustart zu begrüßen oder zu verurteilen. Wie gespalten das Meinungsbild in der Bevölkerung ist, zeigen die Umfragen deutlich. Bei aller Freude im Lager der Befürworter – von Euphorie gibt es keine Spur, und sie wäre auch nicht angebracht. Alle Fußballfans, die die frei empfangbare Konferenz der Spiele bei Sky einschalten, werden schnell merken, wie öde Geisterspiele anzuschauen sind. Sie wirken wie ein Kunstprodukt. Ja, die Bundesliga läuft wirklich an – aber nur im Notbetrieb.

Die Spieler sind Risiken ausgesetzt, die noch nicht absehbar sind

Mit dem Anpfiff der Spiele rücken zwangsläufig die Hauptprotagonisten noch mehr in den Fokus, und dabei geht es weniger um peinliches Fehlverhalten wie das von Herthas Salomon Kalou. Sie sind Risiken ausgesetzt, die noch nicht absehbar sind, angefangen bei der nicht zu unterschätzenden Verletzungsgefahr.

Nach den Lockerungen des Shutdowns im Fußball blieben den Clubs nur wenige Trainingseinheiten mit der kompletten Mannschaft. Anders als zum Beispiel nach einer sechswöchigen Sommerpause, wenn die Belastungen stückweise gesteigert werden und in Testspielen der Wettbewerb simuliert wird, fehlt jetzt jeglicher Aufbau. Von null auf 100, voll aufs Gaspedal mit kaltem Motor.

Auch wenn die Verbände mit der Ausnahmeregelung, fünf statt drei Auswechslungen zu erlauben, versuchen, die Belastungen zu dosieren, werden die Trainer mit Sorge auf die ersten Spiele schauen: Übersteht mein Schlüsselspieler X oder Y diese Phase unbeschädigt?

Fußballer haben Angst um ihre Gesundheit

Die Wahrscheinlichkeit ist in jedem Fall ex­trem hoch, dass Mannschaften (neben möglichen Infektionen) durch Verletzungen unterschiedlich geschwächt werden, was denjenigen neues Futter gibt, die die Ungerechtigkeiten im Wettbewerb beklagen – Stichwort Dynamo Dresden und die 14-tägige Mannschaftsquarantäne.

Am von der Deutschen Fußball Liga ins Spiel gebrachten Szenario, wie bei einem vielleicht doch notwendigen Abbruch der Saison zu verfahren ist, sieht man jedoch, dass es noch ungerechter zugehen könnte. Die Idee der DFL, selbst bei einem vorzeitigen Ende bei der Auf- und Abstiegsregelung zu bleiben, ist allerdings auf erheblichen Widerstand bei den Proficlubs gestoßen. Deshalb ist der Versuch, die Saison bei all den berechtigten Einwänden noch zu Ende zu bringen, immer noch die sportlich fairste Variante.

Doch es bleiben Fragen. Kritiker werfen den Entscheidern des Profifußballs vor, die Spiele auf dem Rücken der Spieler durchzupeitschen – und das scheint bei einigen Profis auch so anzukommen. In den vergangenen Tagen mehrten sich Stimmen von Fußballern, die ganz einfach Angst um ihre Gesundheit haben.

Kein Fußballer darf gezwungen werden, sich einem Risiko auszusetzen

Dass diese in der Ausnahmesitu­ation unbedingt zu schützen ist, wird wohl jeder grundsätzlich unterschreiben. Aber wird dieses Ziel auch dann noch befolgt, wenn die millionenschweren Entscheidungen über Auf- und Abstieg, über Meisterschaft und Europokalplätze anstehen?

Einzelne Clubs haben sich die Bereitschaft ihrer Spieler, trotz der schwierigen Bedingungen antreten zu wollen, schriftlich geben lassen. Es war ein gutes Signal gegen den Eindruck, dass die Kicker nur die Marionetten und Erfüllungsgehilfen in diesem wackeligen Konstrukt sind. Auch wenn sie sich womöglich nur rechtlich und moralisch absichern wollten. Jedem Fußballer sollte aber auch klar kommuniziert werden, dass er nicht gezwungen werden darf, sich einem Risiko auszusetzen, vor allem dann nicht, wenn sich in seinem Umfeld Personen einer Risikogruppe befinden. Dann gilt es, ein Konstrukt zu entwickeln, auch finanziell, das für Club und Spieler passt.

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