Meinung
Leitartikel

Grenzkontrollen zu Ostern: Es reicht, Herr Günther!

| Lesedauer: 3 Minuten
Berndt Röttger
Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

So geht man nicht mit Nachbarn um: Die Kieler Politik schadet dem Norden langfristig.

Hamburg. „Sie kommen aus Hamburg. Sie dürfen hier nicht einreisen!“ Kurz hinter dem Anleger der Elbfähre Wischhafen-Glückstadt wurden die Fahrzeuge mit Hamburger Kennzeichen von der Polizei angehalten und zunächst zurückgewiesen: „Sie müssen zurück auf die Fähre nach Niedersachsen!“

Nein, das sind keine Zeilen aus einem historischen Roman oder einem schlechten Thriller. Das ist traurige Re­alität, erschütternde Gegenwart. Das ist Ostern 2020.

Fahrt durch Schleswig-Holstein verboten

Die Kleinstaaterei der schleswig-holsteinischen Landesregierung unter Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) nimmt trotz mehrfacher Interventionen des Hamburger Bürgermeisters Peter Tschentscher (SPD) kein Ende. Da wird die Heimfahrt von Niedersachsen über das Landesgebiet von Schleswig-Holstein nach Hamburg verwehrt und zum touristischen Ausflug deklariert.

Grotesker geht es kaum noch. Über Ostern wurden abermals Hunderte von Fahrzeugen, aber auch Radfahrer aus Hamburg kontrolliert – und teilweise zurückgeschickt.

Elbtunnel-Sperrung wäre vergleichbar

Um nicht missverstanden zu werden: Dass Menschenmassen an den touristischen Zielen verboten und verhindert werden, dafür hat jeder Verständnis. Aber die Polizeikontrollen am Fährhafen in Glückstadt und die Zurückweisung von Hamburgern – das ist in etwa so, als würde Hamburg den Elbtunnel für Schleswig-Holsteiner sperren oder sie in Pinneberg dazu auffordern, die Bahn in Richtung Süden zu verlassen. Unvorstellbar für die Hamburger und unvorstellbar für den Hamburger Senat. Denn das wäre eine Schande.

Was also treibt die Kieler Landes­regierung um? Wenn man sich die vergangenen Tage und Wochen anschaut, dann kommt man um den Eindruck nicht herum, dass hier weniger Sachverstand als Hilflosigkeit zu Werke ist. Hier geht es anscheinend nicht darum, gemeinsam eine Krise zu meistern, sondern um plumpen Separatismus.

Es reicht, Herr Günther!

Es ist schon schlimm genug, dass es all das auf globaler Ebene mit immer den gleichen bekannten Populisten gibt – und neuerdings leider auch innerhalb Europas. Eine solche Denke aber innerhalb Deutschlands, das ist unerträglich. Es reicht, Herr Günther!

Denn im Sinne des Gesundheitsschutzes oder der Epidemiebekämpfung ist das alles sicher nicht. Selbst dem Krisenstab an der Förde sollte klar sein: Ein über das platte Land fahrender Hamburger ist deutlich weniger gefährlich für die Ausbreitung des Coronavirus als die zu Ostern von Daniel Günther erlaubte Ansammlung von zehn Menschen zur Familienfeier.

Nachbarschaftspflege sieht anders aus

Kann bitte einmal jemand dem Ministerpräsidenten erklären, dass man so nicht mit Nachbarn umgeht – wenn man miteinander leben möchte? Derzeit macht der Kieler Regierungschef eigentlich alles, um das Porzellan am gemeinsamen Tisch der beiden norddeutschen Bundesländer zu zerschlagen. Die Politik sät Zwietracht.

Sie schürt hässliches Denunziantentum. Sie führt im eigenen Land vor Augen, wie sich Ausländerfeindlichkeit anfühlt. Und sie hat dafür gesorgt, dass zwei Länder, die eigentlich aufeinander angewiesen und in den vergangenen Jahrzehnten immer enger zusammengerückt sind, wieder auseinandergerissen werden.

Vielleicht ist es zu viel verlangt, aber es braucht nicht viel Weitblick, um zu erkennen: Es gibt ein Leben nach Covid-19. Bis die Wunden der derzeitigen Kieler Politik verheilt sind, aber wird es dauern. Daniel Günther mag vielleicht seinem Land gerade kurzfristig helfen wollen, doch mit seiner Politik hinterlässt er einen langfristigen Schaden – für ein gemeinsames Leben der Menschen im ganzen Norden.

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