Meinung
Leitartikel

Corona: Der Sinn dieser Krise

| Lesedauer: 4 Minuten
Der Theologe Edgar S. Hasse ist Redakteur und Kirchenexperte des Abendblatts.
Der Theologe  Edgar S. Hasse  ist Redakteur und Kirchenexperte des Abendblatts.

Der Theologe Edgar S. Hasse ist Redakteur und Kirchenexperte des Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / FUNKE Foto Services

Wie die Coronapandemie uns allen zeigt, was wirklich wichtig ist im Leben.

Eingepfercht in die eigenen vier Wände, quengelnde Kinder, Sorge um die Zukunft – unser Leben ist aus den Fugen. Träume platzen wie Seifenblasen, je länger die Pandemie dauert.

Wann wird die Welt wieder offenstehen mit ihren Sehnsuchtszielen an fernen Stränden oder wenigstens auf Sylt? Wann wird das geschundene Italien zum normalen Leben zurückkehren können, ohne dass die rabenschwarzen Schatten der Trauer auf dieser Nation liegen? Und was wird aus Deutschland in den nächsten Wochen?

Die Pandemie – eine seelische Krise

Die Pandemie entscheidet nicht nur über Leben oder Tod. Sie ist auch eine seelische Krise: Viele Menschen fühlen eine innere Leere, ein Vakuum, wo vorher buntes Leben in Gemeinschaft war. Eine Lösung für diesen existenziellen Shutdown (herunterfahren) besteht darin, gerade jetzt nach dem Sinn der Krise zu suchen.

Das Abendblatt gehörte zu den ersten Medien, das die Frage stellte: Kann man auch in Coronazeiten glücklich sein? Man kann. Und mehr noch: Jeder Einzelne hat die Möglichkeit, sich Gedanken über den Sinn seines Lebens zu machen. Es war der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl (1905–1997), der mit seiner Logotherapie (Logos=Sinn) ein Konzept entwickelte, mit dem die Klienten sogar in ausweglos erscheinenden Situationen Sinn, Hoffnung und Mut fanden.

Frankl wusste, wovon er sprach: Er überlebte mehrere Konzentrationslager der Nazis und konnte mit seiner geistigen Haltung trotzdem Ja zum Leben sagen. Weil er erkannte, dass den Menschen der „Wille zum Sinn“ innewohnt.

Gesteigerte Selbstsorge während Coronapandemie

Worin liegt also der Sinn dieser Coronapandemie für jeden Einzelnen? Ein Sinnangebot könnte in der gesteigerten Selbstsorge liegen. Körper, Geist und Seele bedürfen in diesen Zeiten der besonderen Aufmerksamkeit und Pflege. Spaziergänge an der frischen Luft, mit entsprechendem Abstand zu anderen Menschen, sind gut für das eigene Wohlbefinden. Der Sinn liegt im Flanieren und Schauen – zu den eigenen Gedanken nach innen und nach außen in die erwachende Frühlingsnatur. Die Lektüre eines Buches, das man schon immer lesen wollte, kann ebenfalls Sinn schenken – und glücklich machen.

Sinn findet auch, wer seinen Tag mit Ritualen strukturiert. Eine Tasse Tee zu einer bestimmten Uhrzeit zu genießen tut der Seele gut. Sich ganz im Hier und Jetzt zu fühlen und achtsam den eigenen Atem zu spüren lässt Gefühle von Dankbarkeit entstehen.

Gebete für Kranke, Ärzte und Pflegende

Andere wiederum entdecken als Ritual das regelmäßige Gebet. Sie zünden eine Kerze an und beten für alle, die in den Krankenhäusern und an den Beatmungsgeräten liegen. Sie beten für Ärzte, Pflegende und für Politiker wie Hamburgs Bürgermeister, Senatorinnen und Senatoren. Beten kann so zur sinnvollen Beruf(ung) werden.

Schließlich stiftet der Dienst am anderen Menschen Sinn. Die Familie erweist sich einmal mehr als ein Ort wechselseitiger Fürsorge – hoffentlich mit Achtsamkeit und Respekt. Mehr noch: Verwandte und Nachbarn helfen einander beim Einkaufen, Organisationen starten Telefon- und Briefaktionen, damit nicht so viele einsam sind. Wo Sinn gelebt wird, wächst Hoffnung.

Gemeinsam die neue Freiheit genießen

Wenn die Pandemie mit einem Impfstoff besiegt ist und die letzten Einschränkungen des Alltagslebens weichen, werden sich Enkel und Großeltern, Kolleginnen und Kollegen vor Freude in den Armen liegen. Fremde werden gemeinsam auf den Straßen tanzen, am Elbstrand werden Tausende zusammen die neue Freiheit genießen.

Vielleicht hat die Krise einen letzten Sinn: dass sie zeigt, wie verletzlich die Menschheit ist und dass ein schönes Zuhause mit einem gut funktionierenden Gemeinwesen wichtiger ist als der Globalisierungswahnsinn.

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