Meinung
Meine wilden Zwanziger

Meine Zwei-Stunden-Reise in eine heile Welt

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

… und ich war nicht alleine bei der "Eiskönigin". Was fasziniert gerade junge Frauen so an Disneys Gegenentwurf zur Realität?

Vergangene Woche war ich mit meiner Freundin und Kollegin Luka im Kino, um den zweiten Teil der „Eiskönigin“ zu sehen. „Ist das nicht ein Kinderfilm?“, wurden wir in der Redaktion gefragt. Ja, schon. Zumindest stammt der Film aus der Feder der Walt Disney Company. Und ist animiert. Mit einem sprechenden Schneemann namens Olaf ...

Dennoch: Mit uns im voll besetzten Kinosaal saßen ausschließlich Erwachsene, hauptsächlich junge Frauen in den 20ern. Aber kein einziges Kind. Einige Kinogäste sangen den Titelsong während des Abspanns lauthals mit. Der ganze Raum war erfüllt mit Leichtigkeit und Freude. Was fasziniert meine Generation so an der Disney-Welt?

Der Film wirkte wie eine zweistündige Auszeit, ein Zufluchtsort, um sich von der Realität zu erholen. Tagtäglich sind wir konfrontiert mit schlechten Nachrichten. Uns wühlen nicht nur die furchtbaren Brände in Australien, der Klimawandel und die Existenz von Donald Trump auf. Viele Millennials haben neben den großen Problemen der Erde auch mit sich selbst zu kämpfen. Wer bin ich? Was macht mich glücklich? Worin liegt der Sinn des Lebens? Um als digitale Generation abzuschalten, suchen wir zunehmend Ruhe in der Meditation, in Yoga-Kursen und auf Ausflügen in die Natur. Auf manche von uns haben Disney-Filme dieselbe Wirkung. Nach einer Runde „König der Löwen“, „Aladdin“ oder „Mulan“ fühlen wir uns genauso erholt wie nach einem Bastelworkshop. Woran liegt das?

Disney bietet uns die heile Welt, nach der wir uns sehnen. Bei der „Eiskönigin“ leben die Charaktere Werte vor, die wir in der Realität häufig vermissen. Dort existieren tiefe Freundschaften, geprägt von Loyalität und Vertrauen. Die Menschen glauben an die wahre Liebe und Magie. Eine Lösung wird stets gemeinsam gefunden, nie allein. Und überhaupt: Am Ende gewinnt immer das Gute.

„Ich mag an Olaf, dass er liebenswürdig bleibt, egal was passiert, es bringt ihn nicht wirklich etwas aus der Ruhe. Ich mag diese gesunde Naivität an ihm, und ich mag, wie er in die Welt schaut und wie er die Welt sieht. Da kann man sich was von ihm abgucken – die Welt als einen bunten, schönen Ort zu sehen.“ So schwärmte Hape Kerkeling, 55 Jahre alt, beim MDR über den sprechenden Schneemann Olaf. Der Komiker synchronisiert die Figur in der deutschen Fassung.

„Die Eiskönigin II“ führt die Liste der weltweit erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten an. Laut den Branchenportalen „Variety“ und „Boxoffice.com“ kletterten die globalen Einnahmen des Disney-Hits am vergangenen Wochenende auf 1,32 Milliarden US-Dollar hoch. So ein Erfolg ist nur möglich, weil der Film Kinder und Erwachsene (vorrangig Frauen mit Vorliebe für Kitsch und Schnulzen) gleichermaßen begeistert.

Genau wegen dieser generationsübergreifenden Faszination hat der Mäusekonzern seinen eigenen Streaming-Dienst gestartet und macht nun Netflix & Co. Konkurrenz. Seit November 2019 gibt es in Nordamerika Disney+, Ende März kommt das Angebot nach Deutschland. Bis November 2020 sollen 45 neu produzierte Serien und Filme sowie über 400 Titel aus der Disney-Bibliothek für Abo-Kunden zur Verfügung stehen. Nicht nur Klassiker wie „Die Schöne und das Biest“ werden dort zu sehen sein, sondern auch sämtliche Teile von „Star Wars“.

Natürlich darf man bei all der Disney-Euphorie nicht vergessen, dass der Konzern ganz genau weiß, wie er Geld verdienen kann. Passend zu den Filmen gibt es endlos viele Merchandisingartikel zu kaufen: Plüschfiguren, Bücher, Kleidung, Kostüme, Spiele, Bettwäsche und so weiter und so fort.

Das größte Geschäft lauert abseits der Kinos in den Kinderzimmern. Wenn Firmen wie Ravensburger Eiskönigin Elsa auf ihre Puzzles drucken möchten, lässt sich Disney die Lizenz teuer bezahlen. Hinzu kommen weitere Einnahmequellen: Freizeitparks wie das Disneyland spülten 2018 knapp 6,8 Milliarden Dollar Gewinn in die Kassen.

Am Ende kommt es mir aber auf das positive Gefühl an, das Disney bei Millennials wie Luka und mir hinterlässt. Deshalb haben wir auch den Kollegen gesagt: „Für Disney ist man nie zu alt.“

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