Meinung
Gastbeitrag

Was Digitalisierung mit Wohnungsnot zu tun hat

Informatik-Professor Arno Rolf.

Informatik-Professor Arno Rolf.

Foto: HA

Große Unternehmen drängen mit Macht in die Metropolen – Tesla geht nach Berlin, weil dort das Umfeld hoch attraktiv ist.

Hamburg. Zwei Themen beschäftigen Politik und Medien seit geraumer Zeit, und das wird auch noch andauern: erstens der Wohnungsmarkt in Metropolen. Und zweitens, welche Herausforderungen durch die digitale Transformation auf uns zukommen werden. Wenn wir beide zusammendenken, kommen wir an die Wurzeln der Wohnungsmarktprobleme.

Beginnen wir mit der digitalen Transformation. Der kluge deutsche Sozialwissenschaftler Andreas Reckwitz hat mit seinem viel zitierten Buch „Gesellschaft der Singularitäten“ eine Diskussion über die Folgen der digitalen Transformation für Berufe und Arbeitsmärkte angestoßen.

Er sieht eine wachsende Spaltung der „alten“ Mittelschicht. Einerseits in die zumeist akademisch ausgebildete „neue“ Mittelschicht der Informatiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Juristen, Betriebswirte, Kreativen und Kulturproduzenten und andererseits in die „alte Mittelschicht“ der Facharbeiter, der Sachbearbeiter in Banken, Versicherungen, Verwaltungen und Handel. Letztere waren das Rückgrat im Nachkriegsdeutschland. In Zeiten von Automatisierung, Internet und künstlicher Intelligenz werden sie immer weniger gebraucht. Viele von ihnen leben heute mit der Angst, abgehängt und zu den „Ser­vice-Class-Workern“ der Freelancer, Leiharbeiter und Callcenter-Mitarbeiter durchgereicht zu werden, während die Gewinner der „neuen“ Mittelschicht an die Türen der Oberschicht klopfen.

Folgen für Wohnungsmärkte in Metropolen

Wenn man diese Analyse für plausibel hält, so hat das Folgen für die Wohnungsmärkte in den Metropolen. Jobs für die „neue“ Mittelschicht finden sich vor allem in den Metropolen, wo sich attraktive Unternehmen, Institutionen, Hochschulen, Verwaltungen, Theater, Museen und die Kulturszene konzentrieren. Sie ziehen die „neue“ Mittelschicht mit entsprechendem Wohnungsbedarf wie ein Magnet an. Die „alte“ Mittelschicht der Sach- und Facharbeiter dagegen kommt von zwei Seiten unter Druck: Zu möglichen Verlusten beim Einkommen kommt hinzu, dass ihre bisher bezahlbaren Mietwohnungen durch Sanierung und folgende Mieterhöhungen teurer und für Besserverdienende attraktiv werden.

Die Ballung in den Metropolen verstärkt sich schließlich dadurch, dass die hoch motivierten „neuen“ Mittelschicht-Aufsteiger aufgrund ihres Arbeitsstresses eine starke Nachfrage nach entlastenden Dienstleistungen wie Restaurants, Putzfrauen und Pizza- und Paketfahrern entfalten. Aber auch diese „Service Worker“ brauchen Wohnungen.

Ein Beleg für diese Argumentation ist die jüngste Entscheidung Teslas für Berlin. Tesla wurde der rote Teppich von vielen europäischen Regionen ausgerollt. Tesla hat sich für die Nähe von Berlin entschieden, weil dort, vor allem durch Hochschulen und Unternehmen, Ingenieure, Informatiker, Naturwissenschaftler, Betriebswirte in großer Zahl vorhanden sind oder ausgebildet werden. Auch das für diese Beschäftigten attraktive kulturelle Umfeld stimmt.

Metropolen ziehen "neue" Mittelschicht an

Wir erkennen Wechselwirkungen, die die Spirale der Wohnungsbedarfe unaufhaltsam nach oben drehen: Die Me­tropolen ziehen nicht nur die „neue“ Mittelschicht an, auch große Unternehmen siedeln sich dort bevorzugt wegen der „neuen“ Mittelschicht an. Die gleiche Entwicklung war kürzlich in den USA zu beobachten. Amazon entschied sich zur Enttäuschung von 200 Regionen nach langen Subventionswettbewerben für zwei neue Hauptquartiere in der Nähe von New York und Washington. Sie vermuten dort die besten Mitarbeiter, was wiederum weitere „High Potentials“ und „Service Worker“ in die beiden Metro­polen treiben wird.

Kann man diese Spirale aufhalten, um den Druck aus den Wohnungsmärkten der Metropolen, jenseits des heute geltenden Mottos „Bauen, Bauen, Bauen“, zu nehmen? Schwierig und nur mit langem Atem. Eine Möglichkeit wäre, um die heute auf dem Land angesiedelten mittelständischen Betriebe herum, die oft mit ihren Produkten Weltmarktführer sind, Fachhochschulen, eine gute Verkehrsanbindung, aber auch Museen und Theater anzusiedeln beziehungsweise ihr Überleben im Auge zu haben und so „Mini-Metropolen“ zu entwickeln. Politik und Wissenschaft sind aufgefordert, diese Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu berücksichtigen.