Meinung
Gastbeitrag

Digitalisierung: Warum wir nach China schauen müssen

Prof. Dr. Arno Rolf
ist Informatik-Professor an der Universität Hamburg

Prof. Dr. Arno Rolf ist Informatik-Professor an der Universität Hamburg

Foto: Privat

Mit Big Data und Algorithmen könnte die chinesische Staatsführung das umsetzen, was Mao einst mit der Kulturrevolution misslang.

Das Silicon Valley steht bislang für nie versiegende digitale Innovationen. Manches hat sich in unserem Alltag durch faszinierende Entwicklungen von Google und Co. beschleunigt, vieles wurde bequemer und komfortabler. Mit ihren Innovationen konnten sich auch ihre Standards und Werte, beispielsweise ihre lockere Sicht beim Datenschutz, fast unbemerkt in Europa verbreiten.

Heute kommt für Europa die digitale Herausforderung Chinas hinzu. Im Jahr 2025 will China digitale Weltmacht Nummer eins sein. Chinesische Firmen werden heute beim Einkauf europäischer Hochtechnologie durch den Staat unterstützt, so geschehen beim Roboterhersteller Kuka. Europäische Unternehmen dagegen müssen ihre Technologien in China offenlegen.

China wie George Orwells "1984"

Das chinesische Modell irritiert uns durch die Kombination aus massiven Subventionen, Einschränkungen für europäische Investoren und dem Versuch, durch Digitalisierung die Gesellschaft nach dem Vorbild von George Orwells Buch „1984“ (Big brother is watching you) umzubauen. China will bis 2020 die „harmonische Gesellschaft“ mit einem sogenannten „Sozialkreditsystem“ realisieren. Jeder Bürger erhält ein Sozialkonto, das gespeist wird aus der Vernetzung aller nur denkbaren Datenbanken und Überwachungskameras. Kriminalität, Lug und Trug sollen so durch Disziplinierung landesweit ausgemerzt werden.

USA und China hüten riesige Datenschätze ihrer Bürger

Mit den „sanften Mitteln“ des Internets, von Big Data und vom Staat vorgegebener Algorithmen könnte die chinesische Staatsführung das umsetzen, was Mao einst mit der Kulturrevolution misslang: die Ordnung der Gesellschaft durch ein alle Bürger umspannendes Kontrollsystem. Warum sollte China daraus nicht einen Exportschlager für die weltweit wachsende Zahl autoritärer Staaten machen?

Deutschland und die EU sind bei der Digitalisierung offensichtlich eingeklemmt, im Westen von den digitalen Produkten und Dienstleistungen aus dem Silicon Valley und im Osten von den digitalen Herrschaftsansprüchen Chinas. Beide Seiten gründen ihre Herrschaft auf riesigen Datenschätzen über ihre Bürger. In den USA sind sie im Besitz von privaten Datenmonopolisten, die mit Methoden der Verhaltenssteuerung agieren, auch „nudging“ genannt. In China wird das in der Regie eines autoritären Staatskapitalismus gemacht, der mehr als die Lenkung der Konsumenten im Auge hat.

Ökonomisch sind beide Modelle Schritte zu einer hochproduktiven Selbstorganisation der Wirtschaft. Bürger und Konsumenten müssen nicht mehr überzeugt werden, das erledigen Algorithmen. Der Einzelne wird in seinen Motiven so gelenkt, dass er sich freiwillig für das entscheidet, „was er wollen soll“.

Was ist das Gegenmodell für ein stabiles Europa, das seinen liberalen Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft erhalten will? Deutschland muss zusammen mit den Staaten der EU das bislang schon beachtliche Niveau in der Forschung verteidigen und beispielsweise in der künstlichen Intelligenz (KI) wie in der Robotertechnologie ausbauen. Zusätzlich müssen Forschungsergebnisse schneller und häufiger in Innovationen umgesetzt werden. Und es bedeutet, die ökonomischen Felder schnell zu digitalisieren, in denen Europa traditionell stark ist, beispielsweise im Maschinenbau.

Roboter müssen unseren Werten und Standards dienen

Sich allein auf die Technikentwicklung zu verlassen wird jedoch nicht ausreichen. Der digitale Monopolkapitalismus wird weiterhin nationale Regelungen infrage stellen, was bei Bürgern zu Verunsicherungen führt. Das wird nur durch Vergewisserung und Rekultivierung unserer europäischen Werte aufzuhalten sein.

Eine Wertedebatte könnte mit der Diskussion der sozialen und kulturellen Schutzräume beginnen: Was ist der Schatz an Werten und Standards, den eine Gesellschaft gewillt ist zu verteidigen? Mit der Definition von Schutzräumen wäre ein Maßstab für das vorhanden, was sinnvollerweise Bestand haben beziehungsweise reguliert werden sollte. Das ist nicht so neu. Bekannte Beispiele sind die Buchpreisbindung in Deutschland und die EU-Datenschutz-Grundverordnung. In die Kategorie soziale Schutzräume sollten auch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse fallen, die die Ausweitung von Subunternehmen, Freelancern und Minijobbern reduzieren.

Die absehbare Brüchigkeit des liberalen Rechtsstaats aufzufangen, die sich heute noch an der Migrationsfrage entzündet, wird erst gelingen, wenn der Prozess der sozialen Spaltung erkennbar angegangen und der „smarte“ Verfall der Demokratie erkannt wird. Eine nachhaltige Akzeptanzherstellung für die heutigen Angstmacher künstliche Intelligenz und Roboter lässt sich nur durch Entwicklung intelligenter sozialer und kultureller Innovationen herstellen, die unseren Werten und Standards förderlich sind.

Das neue Buch unseres Gastautors: Arno Rolf: „Weltmacht Vereinigte Daten. Die Digitalisierung und Big Data verstehen“, Metropolis Verlag, 2018, 176 S., 18 Euro