Meinung
Glosse

Leise rieselt der Schmäh

Amdreas Hardt ist Sportreporter beim Abendblatt

Amdreas Hardt ist Sportreporter beim Abendblatt

Foto: Klaus Bodig

Einige Anmerkungen zu Weihnachtsmärkten in unserem etwas anderen Winter-Wunderland.

Die Weihnachtsmärkte haben eröffnet. Düfte von gebrannten Mandeln erfüllen die Luft, Glühweinschwaden benebeln auch Passivtrinker, Erzgebirge-Kunsthandwerk aus China schafft Advent-Atmosphäre, und in einer Ecke stehen Kinder und intonieren auf ihren Blockflöten weihnachtliche Weisen.

Dann ist da noch der alte Mann mit dem weißen Bart und seinem warmen, roten Mantel. Er schwitzt. Es sind acht Grad, er ist völlig falsch angezogen. Auch seinen Schlitten mit den Rentieren kann er hier auf nacktem Asphalt nicht nutzen, und private Fluggeräte sind über der City streng verboten. „Leise rieselt der Schnee“ klingt es aus der Drehorgel.

Wetter: Keine weiße Weihnacht in Hamburg seit 2010

Nein, er rieselt nicht. Schon lange nicht mehr. „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ hat es in Hamburg seit 2010 zum Fest nicht mehr gegeben, in den letzten 30 Jahren kam das nur genau dreimal vor. Dennoch pflegen wir das Bild vom „Winter-Wunderland“ weiter. Wir träumen wie einst Bing Crosby von einer „Weißen Weihnacht“.

Aber mal ehrlich: Ist das noch zeitgemäß? Sollten wir nicht damit beginnen, unsere Bräuche der veränderten Umweltrealität anzupassen? Dem Weihnachtsmann sei empfohlen, dass er seinen roten Mantel gegen gelbes Ölzeug austauscht. Dazu Südwester statt Kapuze. Statt seinen Schlitten von skandinavischen Hirschtieren ziehen zu lassen, könnte er die Geschenke mit einem großen Kanu bringen, verspielte Seehunde als treue Begleiter. Auch in seiner Heimat Nordpol tauen Schnee und Eis dramatisch.

Die Stimmung auf dem Markt wird schließlich richtig feierlich, wenn zu Kerzenschein und Schmalzkuchen die liebliche Melodie eines zeitgemäßen Weihnachtsliedes erschallt: „Niesel-, Nieselregen – bring uns Glück und Segen.“