Meinung
Schumachers Woche

Gebrüll-Gebell am frühen Morgen – die Pubertät?

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar

Eine Dame mittleren Alters staucht einen jungen Hund zusammen, der wiederum zurückkläfft. Vielleicht steckt der Hund in der Pubertät.

Hamburg. Ich brauche keinen Wecker. Denn jeden Morgen um kurz nach halb sieben weckt mich dieses Gebrüll-Gebell. Eine Dame mittleren Alters staucht einen jungen Hund zusammen, der wiederum zurückkläfft. Vielleicht steckt der Hund in der Pubertät, was man laut Experten daran erkennt, dass das Tier plötzlich ein Bein hebt. Menschenjunge fangen in dieser Phase ja an zu riechen, bellen auch zurück und leiden urplötzlich an einem Hörschaden.

„Komm mal bitte her!“, funktioniert weder bei jungen Hunden noch bei heranwachsenden Kindern, es sei denn, man winkt mit mindestens einer halben Pizza. Vielleicht sollte ich mal eine vom Balkon werfen, wenn die laute Lady wieder anmarschiert. Menschen wie Tiere sind in der Adoleszenz unzurechnungsfähig. Pubertierende Gazellen rennen nicht etwa fort, wenn der Gepard kommt, sondern dem Raubtier stracks entgegen.

Im jugendlichen Affenhirn herrscht dasselbe Durcheinander wie bei Menschen

Ich bin im Alter von 15 Jahren tendenziell unnüchtern mal ein Brückengeländer entlangbalanciert, unter mir der Dortmund-Ems-Kanal. Darwin hat recht: Die Guten haben überlebt.

Wir Pubertiere waren schon verrückte Hühner. Wie die Makaken. Neurobiologen haben festgestellt, dass im jugendlichen Affenhirn dasselbe Durcheinander herrscht wie bei Menschen oder Elefanten und Meerschweinchen. Pubertierende Ratten finden sich, wie Delfine auch, in der Jugend zu Gangs zusammen, um neue Reviere zu erkunden. Der Kontakt mit den Eltern wird radikal abgebrochen. Rüpelhaft benehmen sich, wie überraschend, vor allem junge Männchen, es sei denn, ein Artgenossin ist in der Nähe. Dann wird gekrault und geschmust.

In seinem künftigen Bestseller „Der Mensch im Tier“ stellt der Verhaltensbiologe Norbert Sachser (Universität zu Münster) die These auf, dass Jungtiere ihr Verhalten auf Gruppenkompatibilität hin überprüfen und ihre bisherige Pro­blempersönlichkeit noch mal anpassen, um ihre Überlebenschancen zu verbessern.

Der Kläffer aus unserer Straße hätte demnach die Chance, ein ganz Ruhiger zu werden. Dazu müsste Frauchen allerdings auch noch mal neu anfangen.