Meinung
Gastbeitrag

Warum Tierversuche enden müssen

Elmar Schnitzer ist Journalist und Autor.

Elmar Schnitzer ist Journalist und Autor.

Foto: Christoph Schwabe

Wenn Peppino, mein Hund, Schmerz empfindet, jault er, mehr mit den Augen als mit der Stimme. Seine Augen sind der Spiegel seines Fühlens. Als ich auf den Enthüllungsfotos aus dem LPT-Labor in Mienenbüttel die stummen Schreie in den Augen der Hunde und Affen sah, war ich es, dem das Bittersalz der Scham den Blick trübte. Alles in mir wehrte sich dagegen, dass es Menschen sind, die Tieren solches Leid zufügen. Sie zu seelenlosen Wesen erniedrigen, um sie auszubeuten. Die Primatenforscherin Jane Goodall nennt das Labor eine „Hölle“. die nicht ins 21. Jahrtausend gehört.

Die Versuchstiere dort leiden nicht FÜR den Menschen. Sie leiden AM Menschen. Er ist ihr Dämon, Beispiel dafür, was geschieht, wenn nicht Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben ihn leiten, sondern Rohheit und Kommerz: Das jahrtausendealte Band zwischen Mensch und Tier zerreißt, Moral und Ethik verlieren ihre schützende Kraft. Hunde und Affen in dieser frankensteinschen Festung haben keinen Namen wie Peppino. Kein Gesicht, das sie einzig macht. Keine Hand, die sie streichelt, beschützt und bewahrt. Sie sind vogelfrei. Versuchsobjekte für Chemikalien, Botox und Mittel für Herz-Kreislauf- und Nervensystem, für Tests bizarr fixiert in Metallgestellen, garotteartige Ringe um den Hals. Sie können sich nicht befreien, sich nicht wehren. Sie können nur leiden. Und ihre Qualen herausschreien, die schlimmer sind als jede Vorstellung, die wir von Pein haben. Tierschützer berichten von „entsetzlich blutenden“ Hunden, die „grausam zugrunde gingen“, von „blutverschmierten Zwingern“ und schwer misshandelten Affen.

Tierexperimente sind ein Milliardenmarkt

Jahrzehnte hörte kein Amtstierarzt ihre Schreie, kein Staatsanwalt und auch kein Politiker. Und die, die sie hören, sind taub dafür. So wurde der Tod zum einzigen Freund der vergessenen Geschöpfe. Nun endlich haben Proteste und Strafanzeigen Tausender Tierfreunde Erfolg: Das Labor wird zum 29. Februar 2020 aufgegeben. 76 Affen wurden schon weggebracht, für die übrigen geht das Leiden weiter. Am 16. November demonstrieren deshalb erneut Tausende in Hamburg für die sofortige Schließung und ein Verbot von Tierversuchen. Tierexperimentelle Forschung ist ein Milliardenmarkt, und LPT ist ein privates Auftragslabor mit Pharma- und Chemie-Unternehmen weltweit als Kunden. Für die Pharmaindustrie haben Tierversuche eine Alibifunktion, sie können vor Regressansprüchen schützen.

Aber so wenig die Welt ein Machwerk ist, so wenig darf das Tier ein Fabrikat zu beliebiger Nutzung sein. Die Schöpfung hat es uns anvertraut, ausgeliefert hat sie es uns nicht. Nicht den Schamlosen, nicht den Gierigen und auch nicht einer Politik des Wegschauens und Wegduckens.

Insgesamt weit über drei Millionen Tiere leiden und sterben jährlich deutschlandweit bei Versuchen einen sinnlosen Tod: Ärzte gegen Tierversuche haben nachgewiesen, dass 95 Prozent der Arzneimittel, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, die klinische Prüfung am Menschen nicht bestehen, wegen mangelnder Wirkung oder unerwünschten Nebenwirkungen. Fünf Prozent sind mit hohen Risiken behaftet. Zwei Drittel aller Krankheiten seien trotz Tierversuchen nicht heilbar, bei Krebs, Herz-und-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rheuma, Allergien usw. kaum ein Fortschritt durch Tierversuche zu verzeichnen.

Tier nicht aus unserem Moralkodex ausschließen

Das größte Hindernis auf dem Weg zu humaner Forschung ist der Gesetzgeber. Tierversuchsfreie Tests mithilfe automatisierter Zellsysteme, Multi-Organ-Chips, Computermodellen und Robotern werden nur dann behördlich anerkannt, wenn ihre Ergebnisse mit denen des jeweiligen Tierversuchs übereinstimmen. Der Tierversuch selbst wird so akzeptiert, obwohl die Ergebnisse ungenau und nicht auf den Menschen übertragbar sind. Ein Teufelskreis mit dem Versuchstier in seiner Mitte. Höchste Zeit also, dass wir uns nach unserer Verantwortung fragen gegenüber der Kreatur – und damit auch nach unserer Würde. Nur wenn wir das Tier nicht länger willkürlich aus unserem Moralkodex ausschließen, gestehen wir ihm zu, was jedem Lebewesen qua Geburt zusteht: Akzeptanz und Respekt. Das macht Qual und Tod nicht rückgängig. Es befreit auch nicht von Mitverantwortung. Aber es öffnet die Tür zu einer Mensch-Tier-Gesellschaft, die diesen Namen verdient.

Keiner von uns weiß, woher wir kommen und wohin wir gehen, woher das Tier kommt und wohin es geht. Ob wir alle Geschöpfe Gottes sind, Söhne und Töchter des Urknalls oder ob wir nach Darwins Evolutionstheorie vom Affen abstammen. Aber das wissen wir: Tiere sind Persönlichkeiten wie wir, mit Bewusstsein, Gefühlen, Verstand, Willen und Wünschen. Sie empfinden wie wir, lieben ihre Kinder wie wir, trauern wie wir. Sie können eingeschränkt denken, analysieren und Abläufe verknüpfen. Tiere sind also ebenso wenig viehisch dumm, wie der Mensch schöpfungsgegeben klug ist. Sie sind unsere nächsten Verwandten. Unsere Ähnlichkeit mit dem Menschenaffen beträgt 99 Prozent. Einzig unsere kognitive Überlegenheit unterscheidet uns entscheidend. Sie ist die letzte Rechtfertigung für den Status quo! Peppino gemahnt mich jeden Tag daran.