Meinung
Glosse

Wie die S-Bahn die Krise simuliert – jeden Tag aufs Neue

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik

Foto: Klaus Bodig / HA

Die Ausnahme ist im Hamburger Berufsverkehr längst zur Regel geworden. Zeit für etwas Neues: Jetzt kommt die Pünktlichkeitssimulation.

In Hamburg kann man sich noch sicher fühlen. Die Betreiber von Gas-, Wasser- und Stromnetzen haben sogar kürzlich in einer gemeinsamen Übung einen simulierten IT-Angriff durchgespielt und nach eigener Auskunft „erfolgreich bewältigt“. Puuh, ein Glück.

Auch die S-Bahn simuliert täglich Krisensituationen. Montags „Betriebsstörung“, dienstags „Weichenstörung“, mittwochs „Fehler am Gleis“, donnerstags „Zugausfall“, freitags bis sonntags dann „betriebsfremde Personen im Gleis“ (Bahndeutsch für: Betrunkene torkeln über die Gleise), und ab Montag wieder von vorne.

Ein Tag ohne S-Bahn-Störung könnte Fahrgäste verwirren

Das Ganze wird bis ins Detail realitätsgetreu nachgestellt. Die Züge kommen wirklich zu spät (oder gar nicht), und es werden sogar extra Tausende Komparsen verpflichtet, die die genervten Fahrgäste mimen und zum Beispiel die Bahnwache anpöbeln: „Warum fährt die S 3 denn heute wieder nicht?“ Oder: „Warum gibt es keine Durchsagen?“ Klar, gäbe es die, würde man ja gleich merken, dass es nur eine Übung ist. Kurz: Wer nicht weiß, dass nur simuliert wird, fühlt sich unter Gleichgesinnten.

Dem Vernehmen nach überlegt die S-Bahn jetzt, eine Woche Pünktlichkeit zu simulieren. Intern soll es aber schwere Bedenken geben. Erstens habe man damit keine Erfahrung. Zweitens seien Bahn-Fahrgäste Gewohnheitstiere. Ein Tag ohne Störung könne sie verwirren.