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Kommentar

Warum sich der FC St. Pauli von Cenk Sahin trennen muss

Carsten Harms, Sportredakteur und Experte für den FC St. Pauli beim Hamburger Abendblatt

Carsten Harms, Sportredakteur und Experte für den FC St. Pauli beim Hamburger Abendblatt

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Der verehrende Kommentar zum türkischen Militäreinsatz dokumentiert seine grundsätzliche Geisteshaltung gegen die Werte des Vereins.

Es ist die Frage, die die Anhänger des FC St. Pauli in diesen Tagen mehr umtreibt als jede andere rund um den Club vom Millerntor. Wie geht es jetzt mit Cenk Sahin weiter? „Ich erwarte ihn am Dienstag zum Training, wie die anderen Spieler auch.“ Das sagte St. Paulis Trainer Jos Luhukay am Freitagabend nach dem 1:0-Testspielsieg gegen Werder Bremen über Sahin.

Der 25 Jahre alte Offensivspieler war zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug auf dem Weg in sein Heimatland Türkei. Dies jedenfalls ging aus dem Instagram-Post hervor, den er absetzte, während seine St.-Pauli-Kollegen das Spiel gegen Bremen bestritten oder sich dies auf der Tribüne anschauten.

Cenk Sahin wurde vom FC St. Pauli freigestellt

Wie Luhukay preisgab, hatte die Vereinsführung Sahin am Freitag bis zum nächsten Training freigestellt. Anlass war bekanntlich sein Instagram-Post, in dem er zum derzeitigen Militär-Einsatz der Türkei in Syrien schrieb: „Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und der Armeen. Unsere Gebete sind mit euch!“

Dieser Post hatte heftige Reaktionen in der Fanszene ausgelöst. Die einflussreichen Ultras forderten die sofortige Entlassung und beendeten ihre Stellungnahme mit dem Satz: „Sahin, verpiss Dich!“ Ein bisher einmaliger Vorgang.

Unbeantwortet ist immer noch die Frage, ob Sahin seinen Post aus einer gewissen Naivität heraus abgesetzt hat, oder dies – etwa wegen seiner unbefriedigenden sportlichen Situation – gezielt tat, um seinen Rauswurf zu provozieren. Auf jeden Fall muss er gewusst haben, dass seine Äußerung im diametralen Gegensatz zu den beim FC St. Pauli geltenden und gelebten Grundwerten steht. Sahin spielt schließlich bereits seit mehr als drei Jahren hier.

"Die wollen, dass ich das lösche"

Am Wochenende zeigte sich Sahin in einem Interview mit dem türkischen Radyospor wenig einsichtig: „Die wollten, dass ich das lösche – ich habe es aber nicht gemacht.“

Für die zu ziehenden Konsequenzen ist es unerheblich, ob Sahin seinen verehrenden Kommentar aus einer spontanen Laune heraus oder gezielt veröffentlicht hat. Der Inhalt dokumentiert in beiden Fällen eine politische Grundhaltung, die das Gegenteil von dem ist, für das der FC St. Pauli steht.

Die Vereinsführung hatte sich am Freitag explizit vom Inhalt der Sahin-Äußerung distanziert und angekündigt, die Thematik intern aufzuarbeiten und sich nicht weiter dazu äußern zu wollen, bis diese Aufarbeitung abgeschlossen ist. Das bewährte Prinzip, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen, bevor man eine schwere Entscheidung trifft, ist in diesem Fall sicherlich angebracht. Auch drei oder vier Nächte können nicht schaden, um nach der Empörung zu einer sachlichen Bewertung zu kommen.

Den Profi in Regress nehmen?

Am Ende aber bleibt die eine Frage: Gibt es eine realistische Möglichkeit, dass Sahin Teil des Teams und damit des FC St. Pauli bleibt? Kann in diesem konkreten Fall eine – wie auch immer geartete – interne Bestrafung bei gleichzeitiger Entschuldigung Sahins, vielleicht verbunden mit einer Auszeit von ein paar Wochen, die Wogen wieder glätten?

Dies ist, selbst bei aller in diesem Fall unberechtigter Nachsicht, nicht ernsthaft denkbar. Sahins Handeln war kein Ausraster, keine Schlägerei mit einem Mitspieler aus einem Affekt heraus, kein spontaner, verbaler Ausfall gegenüber dem Trainer oder ähnliches. Es war vielmehr der Ausdruck seiner grundsätzlichen Meinung und Geisteshaltung, die er im Übrigen auch zuvor schon mehrmals hatte durchblicken lassen, wenn auch nicht so extrem wie jetzt.

Solange Sahin Angestellter des FC St. Pauli ist, hat der Club als Arbeitgeber bei allem Ärger immer noch eine Fürsorgepflicht für seinen Angestellten. Allein deshalb sollte er ihm ersparen, beim Training sowie davor und danach von Fans angegangen zu werden. Gleiches gilt für einen Auftritt im Stadion. Die Lösung kann nur sein: Fortsetzung der Freistellung, Trennung per außerordentlicher Kündigung wegen Verstoßes gegen die Vereinswerte und Freigabe für die Transferperiode im Winter.

Der wirtschaftliche Aspekt, dass Sahin – nach einem Jahr Leihe – im Sommer 2017 für rund 1,3 Millionen Euro Ablöse bis 2021 fest verpflichtet wurde und daher jetzt noch mit 650.000 Euro in der Bilanz steht, darf keine Rolle spielen – so schmerzlich dies auch ist. Zu prüfen ist ohnehin, ob der FC St. Pauli Sahin für die mutwillige Zerstörung seines Marktwertes in Regress nehmen kann.