Meinung
Zwischenruf

Autofreie Straßen: Große Chance für Ottensen

Es kam, wie es kommen musste. Pünktlich zum Start des Verkehrsversuchs „Ottensen macht Platz“ verabschiedet sich zumindest vorerst der heiße Sommer aus Hamburg. Wasser auf die Mühlen derer, die den Zeitpunkt schon immer für falsch gehalten haben: Der Werbeslogan „Flanierquartier auf Zeit“ werde sich an nasskalten dunklen Spätherbst- und Wintertagen kaum mit Leben füllen. Seit Monaten halten Kritiker den Bezirkspolitikern vor, dass man das Projekt in einer Hauruckaktion durchgezogen habe, ein Start im Frühjahr 2020 hätte neben günstigeren Wetterbedingungen auch eine bessere Vorbereitung ermöglicht. Dann wäre es nicht passiert, dass – wie nun geschehen – manche Anwohner und Gewerbetreibende ihre Ausnahmegenehmigungen erst nach dem Start erhalten.

Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass gerade der gewählte Projektzeitraum spannende Erkenntnisse verspricht. Wie verändert sich das Einkaufsverhalten in der Vorweihnachtszeit? Profitieren Restaurants und Cafés, weil der Blick nicht mehr auf zugeparkte Straßen fällt? Kein Computer kann solche Entwicklungen seriös simulieren, dies funktioniert nur im Echtlabor. Mit Recht beklagen Kritiker indes Kommunikationsschwächen im Vorfeld, besonders nach der Ausweitung des Versuchs von vier Wochen auf ein halbes Jahr. Selbst Taxis zunächst aussperren zu wollen, hat die Diskussion im Viertel unnötig angeheizt.

Doch wer nun grundsätzlich über bürgerferne Verwaltung oder Politik lamentiert, sollte nicht verkennen, dass die Grünen, die mit aller Macht den Autoverkehr in City-Lagen reduzieren wollen, in Ottensen ihren Stimmenanteil bei den Bezirkswahlen im Mai von 33 auf 45,4 Prozent ausbauen konnten. Und initiiert wurde der Versuch gemeinsam mit der CDU, die sich zumindest in Hamburg vom Image einer Pro-Autofahrer-Partei verabschiedet hat. Die Sympathie für Gebiete ohne Autos hat längst das bürgerliche Lager erreicht.

Natürlich sollte das Engagement für die Verkehrswende nicht dazu führen, dass Gewerbetreibende Umsätze einbüßen. Andererseits sind Versuch und Irrtum zwei Seiten derselben Medaille. Nachfolgende Projekte werden von den Erfahrungen in Ottensen profitieren.

Wer sich dabei an die Spitze der Bewegung stellt, riskiert blaue Flecken. Aber er zieht zugleich mediale Aufmerksamkeit auf sich; Einzelhandel wie Gas­tronomie können von der Neugier der Besucher profitieren, die ein fast autofreies Quartier erkunden wollen. Für Ottensen, wo nur 27 Prozent der Haushalte ein Auto besitzen, ist der Versuch eine große Chance – allen Unkenrufen zum Trotz.