Meinung
Leitartikel

Eine bittere Lehre für Hamburgs Polizei

Der nun abgesetzte LKA-Chef Frank-Martin Heise konnte das Versprechen modernerer Ermittlungsarbeit nicht erfüllen.

Es war ein Moment, der einen Aufbruch für die Polizei bedeuten sollte: Der frischgebackene LKA-Chef Frank-Martin Heise bot dem jungen Ermittler Steven Baack den Posten als Chef der Soko „Cold Cases“ für ungelöste Verbrechen in Hamburg an. Man werde kein Opfer mehr vergessen, hieß es. Und nicht mehr nur nach „Schema F“ ermitteln. Frische Ideen, frische Köpfe. Knapp drei Jahre ist das her. Und seit gestern steht endgültig fest: Es war ein Experiment, das fürchterlich schiefgelaufen ist.

Nach dem Soko-Chef Baack muss nun auch Heise seinen Hut nehmen. Eine richtige Entscheidung des Polizeipräsidenten, wie sich sogar ohne die Details aus dem Bericht einer Arbeitsgruppe sagen lässt. Denn die Affäre um den Vorwurf von angeblich „verbotenen Ermittlungsmethoden“ gegen die Soko ist längst auch eine um Personalnot und mangelnde Aufsicht im LKA. Vom Abendblatt ausgewertete Dokumente zeigen deutlich, dass Heise auf Hilferufe der Ermittler nicht entschieden reagiert hat, falls er sie überhaupt ernst nahm. So wie Heise auch in anderen Bereichen laut vielen Beamten nicht selbst inhaltlich glänzte, sondern eher die Welle der sinkenden Kriminalitätszahlen ritt.

Heises Entmachtung wirft wichtige Fragen auf

Seine Demission sagt nicht nur etwas über Karrieren bei der Polizei aus, sondern wirft auch wichtige Fragen auf – zuallererst die Frage nach der modernen Vermarktung von Polizeiarbeit. Baack wurde von Heise gezielt zu einer Art „Superpolizist“ aufgebaut, zudem wird nahezu jedes Problemfeld der Polizei öffentlichkeitswirksam mit einer Soko bekämpft. Das wirkt entschlossen und ist oft sinnvoll, kann jedoch auch eine gefährliche Fallhöhe erzeugen.

Die Pressestelle der Polizei trug die Soko „Cold Cases“ intensiv in die Öffentlichkeit, weil sie annehmen musste, die Einheit liefere vernünftige Ermittlungsarbeit. Die Medien – auch das Abendblatt – transportierten die Geschichte des ungewöhnlichen Ermittlerteams gern weiter. Der Soko-Chef hechelte dabei schon seinen eigenen ehrgeizigen Zielen chancenlos hinterher.

Enttäuschung vor allem für die Angehörigen der "Cold Case"-Opfer

Mit Enttäuschung zurück bleiben am Ende vor allem die Angehörigen, die sich wieder Hoffnung machten, dass Verbrechen doch noch aufgeklärt würden. Aus Justizkreisen heißt es, das ganze Projekt sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Ein bitterer Befund. Die Lehre für die Polizei muss lauten, ehrlich darin zu sein, was sie nicht leisten kann.

Es findet ein großer Generationswechsel im Präsidium statt, Ermittler arbeiten oft nur in Teilzeit und müssen teils wild hin und her verschoben werden, um Lücken zu stopfen. Neue Beamte „kann man sich eben nicht backen“, wie Polizeipräsident Ralf Martin Meyer gern sagt, obwohl bereits am Rande der Kapazitätsgrenze ausgebildet wird. Der Polizeiapparat ist angestrengt bis überlastet, wohl noch auf Jahre.

Im LKA ist nun bodenständige, solide Polizeiarbeit gefragt

Zu einem fairen Zeugnis gehört, dass Frank-Martin Heise damit umgehen musste. Dennoch hat er auch abseits von „Cold Cases“ Fehler gemacht, nicht nur etwa bei angehäuften Aktenhalden im Betrugsbereich, sondern auch in einem angemessenen Umgang mit seinen Untergebenen. Und der Polizeipräsident muss sich Fragen dazu gefallen lassen, ob er wirklich erst durch den Bericht der Arbeitsgruppe von den Mängeln im LKA erfahren hat, die viele Beamte schon seit Jahren eher laut über die Flure rufen.

Vor dem nächsten obersten Kriminalpolizisten liegt auch die Aufgabe, die Konkurrenz einzelner Cliquen im LKA zu befrieden. Und das Versprechen einer Modernisierung auch mit realen Ressourcen zu füttern. Die Polizei braucht weiter neue Ansätze, bessere Technik. Zunächst ist aber in der Soko „Cold Cases“ wie im gesamten LKA ganz bodenständige, solide Polizeiarbeit gefragt.