Meinung
Hamburger Kritiken

Willkommen in der Sahara!

Sonne im April – und schon läuft die Klimaschutzdebatte heiß. Der Sache dient das nicht

Obacht, der Kolumnist begibt sich auf dünnes Eis. Wobei dieses Sprachbild schon von vorgestern ist: Denn Eis kennen die wettergeplagten und klimahysterischen Deutschen ja kaum noch. Uns ist die Hitze offenbar zu Kopfe gestiegen!

Kurzum, es geht ums Klima. Damit läuft der Kolumnist Gefahr, gleich als Klimaleugner medial verprügelt zu werden. Wer wie Gretas Fankurve maximal aufgeregt ist, darf sich auf der guten Seite sonnen, wer kritische Fragen stellt, ist entweder kaltherzig oder gleich von bösen Mächten korrumpiert. Um also die erhitzten Gemüter abzukühlen: Nein, ich leugne weder den Treibhauseffekt noch den Klimawandel, ich glaube sogar, dass der Mensch ein riskantes Spiel mit seiner Welt treibt – und schnell handeln muss.

Aber schon die Begrifflichkeiten „leugnen“ und „glauben“ zeugen davon, dass in der Debatte die Wissenschaft einer Klimareligion gewichen ist. Aus Hitzeschweiß ist längst Angstschweiß geworden. Und diese Hysterie wird langsam zum Ärgernis. Inzwischen genügen ein paar warme Apriltage – die im Übrigen durchaus normal sind –, um im Land kollektiv die Sicherungen durchbrennen zu lassen. „Focus“, als Nachrichtenmagazin gestartet und zur Krawallschachtel geschrumpft, warnt: „Wüsten-Böden in Deutschland: Diesen Regionen droht jetzt die Super-Dürre“, die „Welt“ hyperventiliert über die „Dürre – Die Wüste vor der Haustür“. Und bild.de, Marktführer im Weltuntergang, titelt: „Jetzt schon zu trocken! Katastrophenalarm! Waldbrände! Deutschland droht nächster Sahara-Sommer“. Die Ursprungsmeldung für die Horrornachricht klang hingegen banal: „Sollte die trockene Witterung in den kommenden Monaten anhalten, könnte sich die Dürre des Jahres 2018 wiederholen oder sogar übertroffen werden“, sagt ein Agrarmeteorologe des Wetterdienstes. Ach, nee. Echt jetzt?

Der Sommer 2018 war zweifellos extrem trocken; allerdings gilt für den Jahrhundertsommer 2003 das Gleiche. Da ist es nur logisch, dass im darauffolgenden Jahr die Ausgangslage schwieriger, will heißen trockener ist. 2004 blieb das Land gelassen, heute ist jedes „Extremwetter“ ein Indiz für den Klimawandel. Jeder glaubt daran, kaum einer weiß etwas Genaueres. Viele können Wetter nicht einmal von Klima unterscheiden. Wetter beschreibt den kurzfristigen Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort, die Witterung verlängert diesen Zeitraum auf mehrere Tage bis Wochen, und das Klima misst in Jahrzehnten.

Wir reden ständig übers Wetter – und halten das für einen Beitrag zur Klimadebatte. Jeder Moderator im Format-radio plaudert wahlweise sinnbefreit über zu trockene, zu nasse, zu heiße, zu kalte, zu stürmische, zu windstille Tage. Irgendein Extrem herrscht eben immer irgendwo. In dieser ständigen Wiederholungsschleife schwillt das Thema zur Lawine an. Früher war das Wetter Teil eines randständigen Wetterberichts, jetzt schreibt es ständig selbst Schlagzeilen: Jede Webseite rekapituliert Wasserstände, Sonnenscheindauer und Tiefsttemperaturen. Wetter ist Megathema und Small Talk in einem. Vielleicht liegt der Klimawandel sogar ein wenig im Medienwandel begründet: In einer Aufmerksamkeitsökonomie muss ein jeder lauter rufen, um die anderen zu übertönen. Dabei ist das Thema nicht wirklich taufrisch. Schon im Sommer 1986 hob „Der Spiegel“ die „Klima-Kata­strophe“ auf den Titel. Passiert ist lange wenig. 33 Jahre später diskutieren wir das Thema, als stünde das Wasser bis zum Dach des Kölner Doms.

Nun wird das Wetter zur Munition im Klimawahlkampf. Die Dürre soll Stimmen regnen lassen. Und manche Wahlkämpfer schicken sich an, die Welt mal eben im nationalen Alleingang zu retten. Ein aussichtsloses Unterfangen: Deutschland verursacht „nur“ 2,2 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes.

Das Thema ist viel zu ernst, um es Hysterikern zu überlassen. So wie die deutsche Dürre im Weltmaßstab schrumpft, so beschränkt bleiben nationale Lösungen für die globale Herausforderung. Das Wetter ist lokal, Klimaschutz ist es nicht. Dieser Satz darf keine Ausrede fürs Nichtstun sein, sondern muss Aufforderung zum Handeln werden, hier und andernorts. Dabei sollte eine Frage mitbedacht werden: Wie und wo erreichen wir mit Klimaschutzmilliarden die maximale Wirkung? Vielleicht sollten Solarparks zukünftig eher in der Sahara gebaut werden – die liegt übrigens nicht in Deutschland.