Meinung
Hamburger Kritiken

Die Lehren von Notre-Dame

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Hamburg. Bis zum Abend des 15. April war das Bild vieler Deutscher von Frankreich etwas eindimensional: Das Land zerrissen, gestresst von den Gelbwesten, zerrieben von politischen Randgestalten wie Ma­rine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon, zermürbt von einer wirtschaftlichen Stagnation. Mit dem Feuer von Notre-Dame, mehr aber noch mit der beeindruckenden Hilfsbereitschaft in Frankreich und Europa beginnt sich das Bild zu differenzieren: Ein Land sammelt sich in einem Moment der nationalen Tragödie um ein Symbol der Nation und des Christentums: „,Ave Maria‘ und die ,Marseillaise‘ erklangen im ungewohnten Wechsel“, schreibt die „FAZ“.

Tatsächlich steht die Kathedrale als ein mächtiges Symbol für Frankreich, dessen Hauptstadt Paris, dessen Geschichte (hier krönte sich Napoleon 1804 zum Kaiser, hier wurde 2015 die Messe für die Opfer der Terroranschläge gefeiert), dessen Literatur (Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“), dessen große Architektur. Bald steht sie vielleicht für ein neues Zusammenrücken der Grande Nation. Es passt ins Bild, dass ausgerechnet Milliardäre, die oftmals als Sozialschmarotzer gelten, mit großzügigen Zusagen das nationale Denkmal erhalten wollen. Es passt auch als Bild in die Karwoche, in der Hoffnungslosigkeit und neue Hoffnung so dicht beieinanderliegen.

Interessant ist, dass die Tragödie von Notre-Dame bis weit nach Deutschland strahlt. Millionen Menschen verfolgten mit Entsetzen den Brand einer der bedeutendsten christlichen Kirchen der Welt, viele kündigten spontan ihre Spendenbereitschaft an. Keine Nachricht bewegte die Menschen mehr in den vergangenen Tagen. Nur ARD und ZDF blieben zunächst im öffentlich-rechtlichen Tiefschlaf und machten Programm nach Vorschrift. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet fragte sich wie so viele Deutsche: „Warum muss man CNN einschalten, während die ARD Tierfilme zeigt?“ Selbst in den sozialen Netzwerken, wo sich sonst viele Viertelgebildete, Halbstarke und Vollidioten tummeln, überwog die Betroffenheit, das Mitleid, die Hilfsbereitschaft.

Ja, es gab Rechte, die im Brand die „Feuerschrift des Untergangs Europas“ hineinhalluzinierten und muslimische Hetzer, die Smileys posteten – aber vielleicht sollten wir die Schlagzeilen einmal nicht diesen schrägen Minderheiten geben. Vielleicht zeigen das Feuer und die europäische Solidarität ganz im Gegenteil eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Identität. Dazu zählten in der Vergangenheit eben auch die Nation und das Christentum. Es brennt nicht irgendwas, es brennt nicht irgendwo: Nur so konnten die Bilder von Notre-Dame ihre Wirkmacht entfalten. Nation und Christentum gelten manchen ja schon fast als verfemte Begriffe: Bei aller nötigen Debatte um diese Begrifflichkeiten, bei aller Kritik an ihren Entartungen, bei allen überfälligen historischen Einordnungen haben diese Werte für viele eben nicht ihren Wert verloren. Erst die (Über-)Dosis macht das Gift.

Es geht um Zugehörigkeit. Und Staat, Glaube, aber auch Familie und sogar Unternehmen können Zugehörigkeit schaffen, aus der Verantwortung erwächst. Es gilt als Ausweis zeitgeistiger Mode, Dinge wie Staat, Glaube oder Familie als alte Zöpfe abzutun. Aber was passiert, wenn die alten Zöpfe endgültig abgeschnitten sind? Was folgt? Kann es einen Sozialstaat geben ohne den Nationalstaat? Ein westliches Wertesystem und Menschenrechte ohne das Christentum? Eine Zukunft ohne Familien?

Der britische Ökonom Paul Collier hat ein kluges Buch mit dem Titel „Sozialer Kapitalismus“ geschrieben. Er kritisiert eine „Rottweiler-Gesellschaft“, der der Zusammenhalt abhandengekommen ist. Er fordert ein neues Pflichtgefühl für Bürger und Unternehmer, um ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu begründen. „Grundlage für das Ganze ist eine gemeinsame Identität, ohne die man eben nicht eine Gemeinschaft aufbauen kann, ohne die dieses dichte Gewebe an Verbindlichkeiten und an Verbundenheit nicht entstehen kann. Wir alle gehören zu einem bestimmten Ort. Wir teilen bestimmte gemeinsame Anliegen. Nur so kann Zugehörigkeit entstehen, die wir so dringend brauchen“, sagt Collier.

Das Gefühl von Zugehörigkeit und die daraus entstehende Verpflichtung – vielleicht ist das die Lehre von Notre-Dame, die über Ostern hinausweist.