Meinung
Leitartikel

Ver.dis unglückliche Rolle im Flughafen-Arbeitskampf

Wolfgang Horch, Wirtschaftsredakteur des Abendblatts.

Wolfgang Horch, Wirtschaftsredakteur des Abendblatts.

Foto: Michael Rauhe / HA

Die Warnstreik-Drohung am Flughafen zeigt: Die Probleme in der Luftfahrt sind nicht gelöst.

Der Schaden im vergangenen Sommer ist immens gewesen. Hunderte Millionen Euro Schadenersatz zahlte allein die Lufthansa an Passagiere. Im Schnitt fielen bei Europas größter Airline jeden Tag mehr als 60 Flüge aus. Bei Tausenden Flügen kam es zu massiven Verzögerungen. Zweimal versammelte sich die Branche in der Zwischenzeit im Hamburger Rathaus und präsentierte einen Maßnahmenkatalog, der eine Wiederholung des Chaos am Himmel verhindern sollte. Doch die Realität in diesem Jahr dürfte anders aussehen. In der Luftfahrt gibt es eine Reihe von Baustellen.

An erster Stelle stehen aktuell Arbeitskämpfe – wie so häufig in der Branche. Denn im Mobilitätssektor schafft es eine relativ kleine Gruppe, den Betrieb nachhaltig zu stören oder lahmzulegen. Viele Hamburger haben damit auch in diesem Jahr wieder schmerzhafte Erfahrungen gesammelt. Erst waren es die Luftsicherheitskräfte, dann die Bodenverkehrsdienste, die streikten. Die Folge: Hunderte Flüge fielen aus, Tausende Passagiere waren betroffen. Keine Frage: Das Streikrecht ist ein wichtiges und schützenswertes Arbeitnehmerrecht. Allerdings spielt die Gewerkschaft momentan eine unglückliche Rolle. Ihre Taktik ist auf maximale Konfrontation angelegt.

Gleich nach Beginn der Tarifverhandlungen kündigte Ver.di einen Warnstreik an. Mit nur etwa zehn Stunden Vorlaufzeit. Auch wenn klar ist, dass Arbeitskämpfe mit harten Bandagen geführt werden – für die Passagiere ist eine so kurzfristige Arbeitsniederlegung quasi aus dem Nichts eine Zumutung.

Ende März sah es dann nach Einigung aus. Die Ver.di-Kernforderung wurde erfüllt: Der von der Stadt Hamburg geplante Mindestlohn von zwölf Euro pro Stunde soll bezahlt werden. Ver.di und die Flughafen-Tochter HAM Ground Handling einigten sich auf einen Tarifabschluss, der Gehaltsverbesserungen zwischen sieben und elf Prozent vorsah. Doch in einer Befragung lehnten 75 Prozent der Beschäftigten den Kompromiss ab. Und plötzlich hieß es: „Die Tarifkommission bewertet das Angebot weiterhin als unzureichend.“ Aber warum hat Ver.di dem Kompromiss dann überhaupt zugestimmt? Wurden vorher zu hohe Erwartungen geschürt?

Der Arbeitskampf mit den Bodenverkehrsdiensten dürfte sich wohl einige Zeit hinziehen. Den vor knapp zwei Monaten ausgehandelten Tarifvertrag mit den Luftsicherheitskräften hat Ver.di ebenfalls noch nicht unterschrieben. Und ab Juli will die Flugbegleitergewerkschaft UFO bei der Lufthansa streiken – es drohen also massive Schwierigkeiten durch Aktionen der Beschäftigten. Zumal auch Tarifkonflikte im Ausland im vernetzten System Luftfahrt auf die Bundesrepublik abstrahlen werden.

Im Hintergrund schwelen derzeit weitere Probleme. Es gibt nach wie vor einen eklatanten Mangel an Fluglotsen, der aufgrund der mehrjährigen Ausbildungszeit nicht schnell behoben werden kann. Der Luftraum ist aufgrund der wachsenden Flugbewegungen proppenvoll – und das wird vor allem in der Hochsaison zu Verspätungen führen. Die Sicherheitskontrollen sind häufig nicht effizient genug und sorgen für Verzögerungen beim Boarden. Die vorhandenen Kapazitätsengpässe an vielen Flughäfen konnten binnen weniger Monate ebenfalls nicht gelöst werden.

Lediglich die Airlines können Vorkehrungen treffen: Sie halten mehr Flugzeuge als Reserve vor, erweitern die Puffer und stellten mehr Personal ein – ob das allerdings reicht, um ein neues Flugchaos in diesem Sommer zu verhindern, darf bezweifelt werden. Passagiere werden erneut mit massiven Flugstreichungen und Verspätungen rechnen müssen.