Meinung
Deutschstunde

Der Streit am Kuchenbüfett um dasselbe Törtchen

Auch die Semantik hat ihre Tücken. Als der Hund die Nachbarin von hinten schubste, bekam sie einen Schreck.

Wenn meine Enkelin im Kindergarten so kräftig ihre Fingerfarben aufs Papier klatscht, dass nicht nur der Zeichenblock, sondern auch ihr Malkittel leuchtet wie ein Regenbogen, so ist der Unterschied der einzelnen Farben leicht auszumachen – dort ein roter Kreis, unten eine schwarze Basis und rechts ein bisschen Braun. Wohlgemerkt, wir reden vom Kindergarten und nicht vom CDU-Bundesparteitag. Da soll der Unterschied zwischen links und rechts, Rot, Grün und Schwarz sowie der Beherrschung der Fingerraute zwischen der alten und der neuen Vorsitzenden weniger randscharf zu beschreiben gewesen sein. Bevor ich nun dem Kribbeln in meinen Fingern nachgebe und ins Politische abschweife, rufe ich mich selbst ins Thema zurück. Nein, ich werde nicht über den Unterschied beim Chic der Kleider zwischen Aenne Burda und Annegret Kramp-Karrenbauer schreiben, sondern über den Bedeutungsunterschied einzelner Wörter, die gleich oder ähnlich klingen, aber nicht das Gleiche aussagen. In der Sprachwissenschaft heißt der Fachbegriff für die Bedeutung oder den Inhalt eines Wortes, eines Satzes oder eines Textes die Semantik.

r des Nachbarhauses, aus der der verlockende Duft der im fetten Speck glasig geschmorten Schalotten drang, bis zur Küche vorwedelte und meine Nachbarin an die Wade stupste, drang ein markerschütternder Schrei nach draußen. Die Nachbarin erschien kreidebleich im Türrahmen und zitterte: „Da habt ihr mir aber einen gehörigen Schrecken eingejagt.“ Das tut dem Hund und mir ja leid, aber ganz unter uns: Die Semantik stimmt nicht. Wir haben ihr keinen Schrecken, sondern einen Schreck eingejagt. Der Schreck (des Schrecks, die Schrecke) ist eine kurze und plötzliche seelische Erschütterung durch etwas Unerwartetes, Unangenehmes und Angsteinflößendes, während der Schrecken (des Schreckens, die Schrecken) einen länger andauernden Zustand seelischer Qual bezeichnet: Sie dachte immer wieder an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs zurück.

Ein Leser beklagt sich, dass heutzutage Redner und Journalisten keinen Unterschied mehr zwischen doppeldeutig und zweideutig machten. Die Bedeutung von zweideutig ist doppeldeutig. Einmal bedeutet der Ausdruck „schlüpfrig, anstößig“, zum anderen ist er ein Synonym zu „doppeldeutig“. Gewisse Zoten, bei denen früher die Kinder aus dem Zimmer geschickt wurden, sind zweideutig, aber nicht doppeldeutig. Eine einfache jugendfreie Frage kann hingegen doppeldeutig, missverständlich, unklar, mehrdeutig oder auch zweideutig sein, also mehr als eine Deutung zulassen.

Ein anderer Leser wollte den Unterschied zwischen effizient und effektiv erklärt haben, was uns zu einer recht fi­ligranen semantischen Betrachtung zwingt. In der Bedeutung „wirksam, erfolgreich“ überschneiden sich die beiden Adjektive. Eine Unterscheidung ist aber möglich, weil bei der Verwendung von effektiv die Betonung auf dem Ergebnis liegt, bei effizient jedoch auf der Methode: Viele Firmen erkennen, wie effektiv die Werbung in der Zeitung nach wie vor ist (im Ergebnis), aber: Das Kraftwerk wandelt effizient Wasser in Strom um (mit einer wirkungsvollen Methode).

Und dann haben wir da noch das Adjektiv oder Adverb scheinbar, das anscheinend immer häufiger falsch gebraucht wird; scheinbar bedeutet, dass etwas nur dem Anschein nach so ist oder vorgetäuscht wird, was jedoch nicht der Wirklichkeit entspricht: Die Zeit stand scheinbar still. Die Erde ist nur scheinbar eine Scheibe. Sie ist scheinbar krank (sie macht blau). Mit anscheinend wird die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint: Sie ist anscheinend krank (alles deutet darauf hin).

Da wir gerade dabei sind: Das Gleiche ist nicht dasselbe. Wenn sich Frau Puttfarken und Frau Schuster beim Kaffeeklatsch über dasselbe Stück Kuchen hermachen, dann streiten sie sich um ein und dasselbe Eierlikör-Törtchen. Wenn sie aber das gleiche Sahnestück essen, so hat sich jede jeweils ein anderes Mokka-Baiser auf den Teller gelegt.

deutschstunde@t-online.de