Deutschstunde

Lust und Leid an Sprache: Peter Schmachthagen im Gespräch

Heute lesen Sie die 500. Folge der „Deutschstunde“. Das Abendblatt sprach mit dem Autor der beliebten Kolumne.

Hamburg. Dienstag ist „Deutschstunden“-Tag. Viele Leserinnen und Leser erwarten dann die Sprachkolumne im Abendblatt und – nicht identisch – in der Berliner Morgenpost. Heute lesen Sie auf dieser Seite die 500. Folge der „Deutschstunde“. Das Abendblatt sprach mit Autor Peter Schmachthagen.

Herr Schmachthagen, sind Sie eigentlich gleich mit dem Duden auf die Welt gekommen?

Peter Schmachthagen: Das nehme ich nicht an. An den Tag meiner Geburt kann ich mich naturgemäß nicht mehr so recht erinnern, aber nach der Erzählung der Verwandtschaft handelte es sich um eine ganz normale Hausgeburt, bei der „Mudder Griepsch“, die Hebamme, mir auf die Welt half und der zur Sicherheit hinzugebetene uralte Sanitätsrat im Wohnzimmer bei einem Glas Rotwein das Ereignis friedlich verschlief.

Aber zur Taufe bekamen Sie ein Wörterbuch geschenkt?

Schmachthagen: Nein, aber schon als kleiner Junge eine Fibel aus einer der drei Buchhandlungen, die meine Mutter beaufsichtigte, um mich im Luftschutzkeller abzulenken, den wir Nacht für Nacht aufsuchen mussten. Als ich endlich zur Schule kam, konnte ich bereits ziemlich gut und ziemlich richtig schreiben. Der Irrweg über die Methode „Lesen durch Schreiben“ ist mir erspart geblieben.

Demnach hatten Sie in Schuldiktaten immer eine Eins?

Schmachthagen: Nicht immer, aber im Abiturzeugnis. Im Gegensatz zu heute wurde damals korrektes Deutsch im Gymnasium vorausgesetzt.

Was sind Sie eigentlich? Journalist, Germanist, Kolumnist oder Oberlehrer?

Schmachthagen: Um Himmels willen, ich bin ein ganz normaler Witwer mit Hund auf dem Dorf, der das Glück hat, sich zwölf Jahre nach seiner Pensionierung mit den Fragen über die niederdeutsche und die hochdeutsche Sprache in der Redaktion noch nützlich machen zu dürfen.

Also kein Oberlehrer?

Schmachthagen: Ich hoffe nicht, obwohl der Grat sehr schmal ist. Ich versuche den erhobenen Zeigefinger nach der bekannten Steigerung „leer, Lehrer, Oberlehrer“ zu vermeiden. Das gelingt nicht in jedem Fall.

Kann man mit Sprachregeln Leser gewinnen?

Schmachthagen: Man kann, wenn man die Tücken und Stolpersteine der Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion nicht gar so bierernst präsentiert, wie die Leserinnen und Leser das während ihrer Schulzeit vielfach erlebt haben.

Wie ist die Resonanz in der Leserschaft?

Schmachthagen: Nach den Eingängen in meinem privaten Postfach zu urteilen ist das Echo überwältigend positiv, sodass ich schon ein wenig beschämt bin. In der letzten Woche schrieb allerdings ein Zeitgenosse an die „sehr geehrten Damen und Herren der Redaktion“, meine Kolumne sei humorlos, unverständlich, werde nur von einer Handvoll Germanisten aufgerufen und bedeute also eine reine Platzverschwendung in der Zeitung.

Haben Sie ihm geantwortet?

Schmachthagen: Ja, das habe ich. Ich habe ihm geschrieben, ein Sprachkolumnist sei kein Comedian, und der Humorfaktor bei der Erklärung der Kasustreue in einer Apposition sei schon vom Thema her recht begrenzt. Andererseits handele es sich um einen häufigen Fehler, wie auch seine Mail wieder zeige, der irgendwie angesprochen werden dürfe. Der Herr hat sich entschuldigt, sich als Ostfriese geoutet mit friesisch herbem Sprachverständnis, versprach aber, nun an jedem Dienstag die „Deutschstunde“ als Erstes zu lesen.

Zu welchem Thema gab es die meisten Leserbriefe?

Schmachthagen: Eine Flut von Beschwerden musste ich über mich ergehen lassen wegen des banalen Satzes „In Hamburg heißt der sechste Wochentag Sonnabend“. Mir ging es nicht um die liturgische Chronologie, sondern um die Bezeichnung „Sonnabend“ statt „Samstag“, während die Einsender behaupteten, der Sonnabend sei der siebte Wochentag (was weder auf meinem Küchenkalender noch gemäß der Schöpfungsgeschichte nachzuvollziehen ist).

Machen Sie selbst auch Fehler?

Schmachthagen: Leider ja! Da meine Kreativität beim Schreiben proportional zur Nähe des Redaktionsschlusses steigt, schicke ich am Montagabend meinen Text erst in letzter Minute nach Hamburg. Dabei übersieht man leicht einige Missgeschicke. Man könnte etwas zynisch sagen, dass jeder Fehler in einer Folge wegen der Berichtigung Stoff für die nächste Folge in sich birgt. Die schönsten Fehler habe ich aber früher als Chef vom Dienst erlebt, wenn ich gezwungen war, nachts um drei Uhr die Rotation in Ahrensburg stoppen zu lassen, weil ein Kollege den Auftritt von Roger Whittaker im CCH folgendermaßen bejubelt hatte: „Das Publikum geriet bei seinem Hit ,Abschied ist ein schwarzes Pferd‘ aus dem Häuschen.“ Der Abschied war selbstverständlich ein scharfes Schwert. Auch die Überschrift „Der Tod des M. P. Dokles“ sollte für den Rest der Druckauflage so nicht stehen bleiben. Gemeint war Hölderlins „Der Tod des Empedokles“.

Gibt es vermeintliche Fehler, die immer wieder bemängelt werden?

Schmachthagen: Seit gefühlten 500 Folgen scheint es unmöglich zu sein, den Begriff „Zeitläufte“ mit „t“, „andere Saiten aufziehen“ mit „a“ oder „Litfaßsäule“ mit Eszett zu vermitteln. Ich habe einmal derartige Schreibweisen zu einem Diktattext zusammengefasst und die Leser aufgefordert, mir die Zahl der gefundenen Fehler zu mailen. In meinem Postfach ging es zu wie bei einer Ebay-Versteigerung. Eine Leserin meldete 27 angebliche Fehler. Die Auflösung lautete jedoch null Fehler. Diesen Gag mit Aha-Effekt scheinen mir einige Leute bis heute übelzunehmen.

Haben Sie einmal ein Beispiel?

Schmachthagen: Wer dienstags Vormittags die „Deutschstunde“ liest, erfährt Manches über die Sprache. Die Anderen, die auf diese morgentliche Lektüre verzichten, können sich im Alltag wahrscheinlich fehlerfrei auf deutsch verständigen, obwohl Einige gerade Englisch sprechen, denn die vielen Anglizismen sind ein Wermuthstropfen im Antlitz unserer Muttersprache, der die Globalisierung auch im November diesen Jahres wiederspiegelt.

Das war alles korrekt geschrieben?

Schmachthagen: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe Ihnen schnell zehn „gängige“ Fehler eingebaut: Tageszeiten werden zwar großgeschrieben (heute Vormittag), aber als Adverb mit Schluss-s klein (vormittags) – also dienstagvormittags. Unbestimmte Zahlwörter schreibt man immer und überall klein (manches, die anderen, einige), die Sprache hingegen groß (auf Deutsch, in Deutsch), die Art und Weise des Sprechens wiederum klein (sie sprechen gerade englisch; wie?); „morgendlich“ wie „abendlich“ mit „d“, Wermut ohne „h“ und das laufende Jahr bitte als Genitivattribut (im November dieses Jahres). Das Verb widerspiegeln sagt aus, dass das Spiegelbild nicht erneut („wieder“) zu sehen ist, sondern zurückgeworfen wird. Wir haben es hier mit der Präposition „wider“ („gegen, zurück“) zu tun, und die schreibt sich mit Einfach-i.

Was bedeutet der Name „Schmachthagen“?

Schmachthagen: Der ist an meinen Ortsteil Schmachthagen angelehnt. Auf Hochdeutsch könnten wir den Namen mit „Hungersiedlung“ übersetzen. Der Wohlstand ist dort auch heute nicht ausgebrochen, aber viel Heimatliches fern der Großstadt bewahrt worden. Einmal in der Woche treffen sich die Frauen des Häkelbüdelclubs. Das sind die Ureinwohnerinnen des Dorfes. Ich wohne schon 40 Jahre dort, gehöre aber immer noch nicht richtig dazu. Es ist gar nicht so einfach, sich seine Heimat zu erwohnen.