Meinung
Hamburger Kritiken

Vom Verschwinden der deutschen Sprache

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: Andreas Laible

Warum wechseln wir so gern ins Englische? Und warum warnt ausgerechnet ein US-Wissenschaftler davor?

Wenn es einen Preis für sprachliche Unterwürfigkeit gäbe, Deutschland wäre ein ausgezeichnetes Land. Anfang vergangener Woche etwa lud Hamburg zum hochkarätigen „China Summit“. Die Begrüßung hielt der chinesische Industrieverbandsvertreter auf Chinesisch, Bürgermeister Peter Tschen­tscher folgte auf Englisch. Deutsch wurde nur noch an der Garderobe gesprochen, die Kongresssprachen waren Englisch und Chinesisch: Dabei kommen vor allem Vertreter der deutschen und chinesischen Wirtschaft zusammen.

Aber viele Chinesen werden Englisch ohnehin für die Amtssprache in Hamburg halten. Wer dieser Tage durch die Innenstadt läuft, muss glauben, der Feind des Einzelhandels sei nicht Amazon, sondern die deutsche Sprache. Nach dem Unsinn des Black Friday und des ewigen Sale stolpert man über „Giga-x-Mas-Deals“, „The loved ones“ – und wer gar nichts findet, kauft seinen Liebsten „Gift-Cards“.

Jede Pizzabude, die etwas auf sich hält, hat eine englischsprachige Karte

In den Metropolen der Welt sind nicht nur die Läden längst austauschbar, sondern auch die Sprachen. Das macht die Welt nicht bunter, sondern eintöniger. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass sich ein kaufwütiger Kunde – manche nennen sie Power-Shopper – von unverständlichen Werbesprüchen aufhalten ließe? Dann hätten viele Deutsche ohne Abitur das Konsumieren schon vor Jahren einstellen müssen: Eine Mehrheit hatte einst den Slogan „Come in and find out“ mit „Komm rein und finde wieder raus“ übersetzt.

Die Deutschen liegen in der Tabelle des EF EPI – neudeutsch: Ranking – der Länder nach Englischkenntnissen nur auf Rang zehn; sie führen aber unangefochten jeden Vergleich an, wenn es um Denglisch und mangelndes Sprachbewusstsein geht. Jede Pizzabude, die etwas auf sich hält, hat eine englischsprachige Karte; in Berlin wird selbst der Einheimische im Kaffeehaus (Coffee-Shop) oder im Einkaufszentrum (Shoppingmall) vorsichtshalber auf Englisch angequatscht.

Viele Deutsche halten das für weltgewandt, in Wahrheit ist es kleinkariert. Natürlich müssen die Deutschen vernünftig Englisch sprechen können, aber im deutschen Alltag sollten sie es mit Deutsch versuchen. Das hat nichts mit Deutschtümelei zu tun – ganz im Gegenteil: Wie soll die sprachliche Integration von Zuwanderern gelingen, wenn wir sie gleich auf Englisch ansprechen und Deutsch zum Auslaufmodell erklären? Wie grenzen wir Ältere aus, wenn Englisch Alltag wird? Und wohin steuert eine Gesellschaft, wenn sie keine gemeinsame Sprache mehr spricht?

Auch Behörden verhunzen die deutsche Sprache

Selbst Behörden und Politik sind mittenmang dabei. Sie verhunzen das Deutsche in offiziellen Benachrichtigungen unter dem Stichwort „leichte Sprache“ zu einem Torso, damit es am Ende alle verstehen. Und dann wechseln dieselben Leute ins Englische, erfreuen sich an der „Active City“ oder den „Cruise Days“, schicken „Cops for you“ auf die Straße und erfinden eine „Hamburg Port Authority“ oder einen „eHighway Schleswig-Holstein“. Warum sollen Menschen überhaupt noch Deutsch lernen, wenn wir es selber ungern sprechen? Und wenn wir selbst so wenig Gefühl entwickeln, wie wollen wir andere Sprachen als das Englische schätzen lernen – etwa Französisch? „Kennst du viele Sprachen, hast du viele Schlüssel für ein Schloss“, wusste schon Voltaire. Dumm, dass schon der deutsche Schlüssel kaum noch passt. Es wäre schon einiges geholfen, wenn wir unsere Sprache so schätzen würden wie den Schierlings-Wasserfenchel.

Aber es gibt noch Hoffnung für das Deutsche – und die kommt aus Übersee: Keith Chen, Wirtschaftswissenschaftler der University of California, hat herausgefunden, dass Sprache etwas mit Wohlstand und Gesundheit zu tun hat. Wenn, wie im Deutschen oder in skandinavischen Sprachen, die Zukunftsform auch im Präsens („Morgen schreibe ich mal eine lustige Kolumne“) möglich ist, rückt die Zukunft näher an die Gegenwart heran. Und damit verändert sich etwas in den Köpfen: Solche Muttersprachler verhalten sich gesünder und sind eher bereit zu sparen, meint Chen. Wenn also bald nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn, sondern auch Olaf Scholz sich fürs Deutsche starkmacht, wundern Sie sich nicht.