Meinung
Deutschstunde

Ich erwäge, die Unesco einzuschalten

Es geht um das Welt-Grammatikerbe des Plurals „Kommata“, der reif für Horst Lichters „Bares für Rares“ ist

Es gibt eine neue Redewendung, die mir zwar nicht um die Ohren, aber vielfach mit Empörung und Nachdruck ins Postfach fliegt: „In der Schule habe ich früher gelernt, dass …“ Meistens wird die Konjunktion auch noch mit Eszett als „daß“ geschrieben, was gewisse Rückschlüsse auf das Alter und die Aktualität der orthografischen Kenntnisse bei den Einsendern zulässt, aber die heutige Gültigkeit der dargebotenen Regeln und Eselsbrücken nicht erhöht. Neun von zehn solcher Hinweise und Erinnerungen sind falsch oder überholt. Ein 87-Jähriger erklärte die Richtigkeit seiner Regel damit, dass sie korrekt sein müsse, weil sein damaliger Lehrer sie ihm mit dem Rohrstock eingebläut bzw. seinerzeit „eingebleut“ habe.

Die Logik, dass die Grammatik durch das Prügeln richtiger werde, leuchtet mir nicht ein, höchstens wird etwas Falsches auf diese Weise schmerzhaft für das ganze Leben verfestigt. Ich will keineswegs Kritik an älteren Leserinnen und Lesern üben – im Gegenteil, ich freue mich über die reiche Korrespondenz mit ihnen. Schließlich gehe ich selbst auf die achtzig zu und bin bereits vor 71 Jahren eingeschult worden. Manches Mal habe ich mich gefragt, warum die Deutschlehrer auf unserem Gymnasium, das immerhin den Namen des Literaturnobelpreisträgers Theodor Mommsen trug und trägt, solche schönen Merksprüche nicht verkündet haben. Das mag daran liegen, dass sie den Rohrstock ausschließlich zum Zeigen an der Tafel und an der Landkarte verwendeten.

Jedenfalls habe ich mich entschlossen, die Schlagetot-Formel „In der Schule haben wir früher gelernt“ zwar nicht gleich an die Unesco, aber doch zur Aufnahme in das „Große Buch der Zitate und Redewendungen“ zu melden. Ich weiß genau, dass, wenn ich den Plural Kommas und das Adjektiv grammatisch benutze, ein Dutzend Hinweise eingehen werden mit dem Vorwurf, in der Schule habe man früher gelernt, es müsse „Kommata“ und „grammatikalisch“ heißen. Das mag in diesem Fall zwar gar nicht falsch sein, doch heutzutage sagen wir standard- wie fachsprachlich ausschließlich Kommas und grammatisch. „Kommata“ und „grammatikalisch“ sind veraltet. Natürlich gibt es diese Wörter noch als sprachliche Antiquitäten, aber selbst Horst Lichter wird sie nicht mehr in seiner Sendung „Bares für Rares“ verramschen wollen.

Die nächste Stufe der Korrespondenz pflegt zu sein, dass die längst begrabenen Deutschlehrer mit Rauschebart, goldener Uhrkette und Frühstücks-Eigelb auf der Weste aus der Argumentation genommen werden und dafür der Duden ins Spiel gebracht wird, allerdings häufig einer, der noch in der Weimarer Republik in Fraktur gedruckt worden ist. Um gleich zu kontern: Selbst der Ur-Duden von 1880 kennt „Kommas“, und der moderne Duden in der 27. Auflage setzt Kommas und grammatisch an die erste Stelle und erklärt „Kommata“ und „grammatikalisch“ zu Rudimenten einer vergangenen Zeit.

Wer nun glaubt, die Kontroverse sei ausgefochten, hat nicht mit den ganz Hartnäckigen gerechnet, die den gedruckten Rechtschreibduden für 26 Euro verschmähen und gleich in den kostenlosen Online-Duden gucken. Und dort wird’s chaotisch. Nicht-Fachleute schauen nicht unter dem Eintrag „Komma“ nach, unter dem alle Plurale in ihrer Bedeutung erklärt werden, sondern geben gleich das Stichwort „Kommata“ ein, das dann auch ausgeworfen wird. Natürlich gibt es diesen Plural, er wird nur nicht mehr gebraucht.

Jetzt haben wir den Punkt erreicht, in dem die dritte Antwort des Lesers auf meine Antworten gewisse Zweifel an meinen Kenntnissen und meiner Schulbildung äußert und schon so etwas wie eine Abbestellungsdrohung einflicht. Ich habe mich in der vergangenen Woche heftig bei der Dudenredaktion über deren Onlineauftritt beschwert. Die Redakteurin am Telefon versprach Besserung. Wer meine larmoyante Ausführung als Klage deuten sollte, irrt sich gründlich! Ganz und gar nicht, in meinem Alter genießt man derartige Diskurse, die sich über mehrere Tage hinziehen, und sei es auch nur der Streit um die Form der Plurale. Auf diese Weise gehöre ich noch immer dazu.

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