Meinung
Leitartikel

Kein Grund zur Panik: Titz muss Linie treu bleiben

Der Autor ist HSV-Chefreporter beim Hamburger Abendblatt

Der Autor ist HSV-Chefreporter beim Hamburger Abendblatt

Foto: Michael Rauhe

Der HSV ist trotz seiner verpatzten Zweitliga-Premiere auf einem guten Weg. Man muss den Verantwortlichen vertrauen.

Der HSV hat verloren. 0:3. Gegen Holstein Kiel. Am ersten Spieltag. In der Zweiten Liga. So’n Schiet. So oder so ähnlich könnte man das erste Zweitliga-Wochenende des HSV zusammenfassen. Sich kurz ärgern. Dann einen Punkt machen – und ganz einfach Sandhausen im zweiten Saisonspiel kommenden Sonntag schlagen.

Das wäre Möglichkeit Nummer eins gewesen. In Hamburg hat man sich aber (der Liga entsprechend) für Möglichkeit zwei entschieden: Durchdrehen. Den Verstand verlieren. Und alles und jeden infrage stellen.

Die einen schreiben nach der Auftaktniederlage vom „Desaster“, „Albtraum“, von einer „erbärmlichen Vorstellung“ und kommen zum Schluss, dass der HSV den „gleichen Mist wie immer“ spiele (was natürlich nicht stimmt). Die anderen erinnern daran, dass man in der Zweiten Liga doch bitteschön keinen schönen Fußball zu spielen habe, sondern dass einzig und alleine Mentalität, Zweikampfhärte und ein Vollstrecker gefordert seien.

Wie die „Bild“-Zeitung sich selbst dementiert

Puh. Ob bei so viel Populismus einmal tief durchatmen hilft? Besser helfen könnte, daran zu erinnern, dass gerade einmal die ersten 90 von 3060 Saisonminuten gespielt sind. Dass der HSV zwar keinen guten Start erwischt hat, aber dass die Mannschaft von Christian Titz am Freitag alleine in den ersten 20 Minuten vier (!) Großchancen hatte. Dass der HSV – trotz der 0:3-Niederlage – endlich das versucht, wonach man sich in den vergangenen sieben Jahren in Hamburg gesehnt hat: Fußball zu spielen. Und dass noch vor dem Spiel die Euphorie selbst angezettelt wurde (Die „Bild“-Zeitung druckte bereits das Titelbild der Aufstiegsausgabe vom kommenden Mai vorab), um nach dem Spiel eine Vollbremsung hinzulegen („Vollkatastrophe“).

Die Bilder der HSV-Pleite:

Und natürlich dauerte es auch nicht lange, ehe diese spezielle Gattung der „Ex“-Funktionäre, die gefühlt besonders häufig in Hamburg anzutreffen ist, sich bemerkbar machte. Ex-Präsident und Ex-Aufsichtsrat Jürgen Hunke zum Beispiel. Der sagte bei Sport 1, dass Trainer Titz zwar ein netter Kerl sei, aber dass man nur mit netten Worten im Profifußball nichts reißen würde. Und Ex-Vorstandschef Heribert Bruchhagen nahm sich Lewis Holtby und Aaron Hunt vor. „Diese Spieler sind Absteiger. Und die haben verdammt noch mal die Pflicht, sich jetzt auch ins Zeug zu legen, um das wiedergutzumachen“, schimpfte der Ex-Chef, der vor einem Jahr orakelt hatte, dass der HSV (unter ihm) nun endlich auf einem guten Weg sei – und dann erstmals abstieg.

Zwölf Monate später ist der HSV trotz des verpatzten Starts tatsächlich auf einem guten Weg. Der Club hat den mit Abstand jüngsten Kader Deutschlands, ist darum bemüht, das Gehaltsniveau der Zweiten Liga anzupassen und entwickelt gerade so etwas Ähn­liches wie eine Idee für die Zukunft.

Titz muss seinen Weg weitergehen

Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Das 0:3 gegen Kiel soll nicht schöngeschrieben, aber richtig eingeordnet werden. Wenn sich vor dem Auftakt nahezu alle einig waren, dass der HSV sich nach Jahren des Missmanagements endlich auf dem richtigen Weg befindet, dann sollte man dazu auch nach dem 0:3-Start stehen.

Und Trainer Titz? Dem möchte man zurufen, sich nicht beirren zu lassen. Die richtigen Lehren aus dem 0:3 zu ziehen. Weiter seinen Plan zu verfolgen (und eben nicht auf einen Plan B zu setzen). Und die lautstarke Panikmache mit einem Sieg gegen Sandhausen verstummen zu lassen.

Denn wer am lautesten schreit, hat auch im Fußball nicht immer recht.

Hier erklärt Trainer Titz die HSV-Klatsche gegen Kiel
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