Klatsche gegen Kiel

Acht Gründe, warum der HSV den Saisonauftakt verpatzt hat

| Lesedauer: 11 Minuten
Stefan Walther und Henrik Jacobs

Hier erklärt Trainer Titz die HSV-Klatsche gegen Kiel

Die Hamburger sind mit einem Debakel in ihr erstes Zweitligajahr gestartet. Wie konnte das passieren, Herr Titz?

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Der HSV wurde taktisch phasenweise von Holstein Kiel vorgeführt. Was gegen Sandhausen besser werden muss.

Hamburg. Die herbe Pleite war ihnen auch am Tag danach noch anzusehen. Mit bedrückten Gesichtern joggten die HSV-Profis am Sonnabendvormittag durch den Volkspark. Während des Waldlaufs hatten die Spieler reichlich Zeit, über das Geschehen vom Vorabend nachzudenken. Mit 0:3 gegen Holstein Kiel erlebten die Hamburger ein Zweitligadebüt, das einem Albtraum glich.

Dabei sollte alles besser werden beim neu formierten HSV. Die mit jungen Talenten aus dem eigenen Nachwuchs gespickte Mannschaft sollte für attraktiven, erfolgreichen Fußball stehen. Ein Weg, den die Fans in der Sommerpause unterstützten. Trotz des Abstiegs schwappte eine bemerkenswerte Euphoriewelle durch die Stadt. Die Mitgliederzahlen schossen in die Höhe, das Heimspiel gegen Kiel war in Rekordzeit ausverkauft.

Doch nach dem missglückten Saisonauftakt überwiegt vor allem die Ernüchterung. Wie konnte das passieren? Das Abendblatt hat sich auf die Fehlersuche begeben und acht Gründe – vor allem taktischer Natur – für den Fehlstart ausgemacht.

1. Leichtsinniger Spielaufbau

Die Idee von Trainer Christian Titz sieht vor, strukturiert vom Torwart aus das Spiel aufzubauen. Dadurch soll die Mannschaft in Ballbesitz bleiben und Angriffe nicht dem Zufall überlassen, so wie es unter den von vorherigen Übungsleitern präferierten langen Bällen oftmals der Fall war. Das Problem war nur: Kiel wusste über diesen Plan Bescheid und hatte mit vorverlagertem Pressing die passende Antwort parat.

Dennoch versuchte es der Hamburger Defensivverbund um Torhüter Julian Pollersbeck konsequent mit kurzen Pässen – auch in Bedrängnis. Das sorgte zunächst für Unruhe, als der HSV die Bälle am eigenen Strafraum verlor. Später führte diese Taktik sogar zum Gegentor, als Mittelfeldspieler Matti Steinmann vor dem 0:2 einen riskanten Pass von Pollersbeck nicht kontrollieren konnte.

„Wir hatten es eigentlich vor, in Bedrängnis lang rauszuspielen. Leider haben wir die falsche Entscheidung getroffen“, sagte Titz über die Entstehung des zweiten Kieler Treffers. Pauschale Kritik an seiner Idee, das Spiel zu eröffnen, will der HSV-Coach aber nicht gelten lassen. „Es wird uns unterstellt, wir hätten zu viel eröffnet, dabei haben wir häufig den langen Ball geschlagen“, meint Titz.

2. HSV hat keinen Plan B

Die Probleme bei der Spieleröffnung gehen nahtlos in den nächsten Grund für die Pleite über. Spätestens nach der Pause hatte Kiel-Trainer Tim Walter die Taktik von Titz entschlüsselt. Die „Störche“ stellten Steinmann, den wichtigsten Aufbauspieler des HSV, geschickt zu und sorgten dadurch für Ratlosigkeit beim Gegner. Die Hamburger hatten offensichtlich keine Alternative parat und agierten zunehmend verunsichert. Immer wieder versuchten sie trotzdem, Steinmann anzuspielen, was zu Ballverlusten und Unruhe auf den Rängen führte.

Die Einzelkritik zum Fehlstart

Es wird nicht das letzte Spiel sein, in dem der Gegner weiß, wie wichtig es ist, Steinmann aus dem Spiel zu nehmen. Der HSV braucht dringend einen Plan B, wie solche Situationen gemeistert werden sollen. „Wir waren nicht überheblich und wissen, dass wir eine Leistung abgerufen haben, die nicht ausreicht und das so etwas nicht noch einmal passieren darf. Wir werden jetzt aber nicht alles über den Haufen werfen. Das wäre der falsche Weg“, beteuert Titz. „Wir müssen unsere Qualität mit einer anderen Griffigkeit und Grundeinstellung auf den Platz bringen.“

3. Chancenverwertung

Holstein Kiel hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn es nach 20 Minuten 4:0 für den HSV gestanden hätte. Tatsuya Ito mit einem Schlenzer, Lewis Holtby mit einem Lupfer, Jairo und Khaled Narey jeweils frei vorm Tor hätten die Hanseaten in Führung schießen müssen. Nach einer knappen halben Stunde war es wieder Narey, der mit einem „Robben-Trick“ von der falschen Seite scheiterte. Nach dem Seitenwechsel ließ der Neuzugang aus Fürth zwei weitere Großchancen liegen, als er den Ball erst mit links und dann aus kurzer Distanz nicht über die Linie brachte.

Kommentar: Kein Grund zur Panik: Titz muss seiner Linie treu bleiben

Die miserable Chancenverwertung täuscht über ein eigentlich starkes Spiel des Offensivspielers hinweg. Doch als falsche Neun eingesetzt, muss Narey vor allem für Tore sorgen. Gehen die Mittelfeldspieler weiterhin so fahrlässig mit ihren Tormöglichkeiten um, muss Titz auf einen gelernten Stürmer setzen. Mit Pierre-Michel Lasogga, Manuel Wintzheimer und Fiete Arp bietet der Kader drei solche Alternativen.

Doch von so einer Debatte will der HSV-Coach (noch) nichts wissen. „Wir hatten genügend Chancen, um das Spiel in unsere Richtung zu lenken“, weiß Titz. Etwas diplomatischer für die drei zunächst nicht berücksichtigten Angreifer drückte sich dagegen Sportvorstand Ralf Becker aus: „Wir haben in der Vorbereitung viele Dinge probiert, die auch ganz gut funktioniert haben. Wir sind uns aber sicher, dass alle drei noch wichtig werden.“

Die Bilder des HSV-Debakels:

4. Das Fehlen von Kapitän Hunt

Möglicherweise wäre die Titz-Taktik erfolgreicher gewesen, wenn Kapitän Aaron Hunt einsatzfähig gewesen wäre. Doch der als falsche Neun vorgesehene Kreativspieler meldete sich wegen Wadenproblemen ab. „Aaron ist ein Spieler, der mit seiner Ballkontrolle das Spiel verändern kann. Gestern haben wir es nicht geschafft, sein Fehlen aufzufangen“, gestand Titz ein.

Ob der 31 Jahre alte Routinier bei der kommenden Aufgabe in Sandhausen wieder mitwirken kann, ist noch ungewiss. Auch am Montag wird Hunt noch nicht wieder mit der Mannschaft trainieren. Sollte sich sein Zustand über das Wochenende nicht bessern, soll ein MRT für Klarheit sorgen.

5. Wacklige Abwehr

Nicht nur im Spielaufbau, auch in direkten Duellen wurde die HSV-Abwehr phasenweise vorgeführt. Vor allem Neuzugang David Bates erwischte einen rabenschwarzen Tag. Dem Schotten unterliefen zahlreiche Fehler im Pass- und Stellungsspiel. Außerdem traf er in Zweikämpfen oftmals die falsche Entscheidung – wie vor dem 0:1, als er einen möglichen Passweg zustellte, anstatt Torschütze Jonas Meffert zu attackieren.

Insgesamt 16-mal, und damit zweimal mehr als der HSV, schoss Kiel aufs Tor. Es ist eine Zahl, die unterstreicht, dass das Defensivproblem gravierender als bislang angenommen ist. Nach den Ausfällen von Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos (beide Knorpelschaden) darf sich der HSV nicht mehr viel Zeit lassen, um einen neuen Innenverteidiger, der als Soforthilfe dient, zu präsentieren. „Dass wir auf der Position jemanden suchen, war auch vorher bekannt. Daran hat sich nichts geändert“, sagte Becker nüchtern.

6. Fehlender Leader

Obwohl sich die Hamburger zuvor reichlich Chancen erspielt hatten, wirkten die Spieler nach dem Rückstand wie gelähmt. Wer jetzt eine Trotzreaktion erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Kein Aufbäumen. Nichts. Vermeintliche Anführer wie Lewis Holtby versteckte sich. Selbst Laufbereitschaft, eigentlich Holtbys größte Stärke, ließ der Mittelfeldspieler in dieser so wichtigen Phase vermissen. Bei nahezu allen Profis hingen die Köpfe und Schultern nach unten. Dabei war zu diesem Zeitpunkt noch über eine halbe Stunde Zeit, das Spiel zu drehen.

„Das haben wir versucht, aber wir haben Kiel einfach zu viel Raum gegeben“, sagte Rick van Drongelen, der noch einer der Besseren war, entschuldigend. „Wenn du als Spieler unsicher wirst, besteht immer die Gefahr, dass mehrere Spieler in diese Verunsicherung mit reinrutschen. Das ist uns in der zweiten Halbzeit passiert, als wir es nicht geschafft haben, unser Spiel stabil zu halten“, erklärte Titz das Phänomen und nahm zugleich seine Führungsspieler in die Pflicht. „Natürlich werden wir speziell mit ihnen sprechen. Wir werden die Woche beobachten, wer aus diesem Spiel gelernt hat.“

Möglicherweise war auch der Druck vor allem für die vielen jungen Spieler zu groß. Titz: „Es hat phasenweise den Eindruck gemacht. Ich glaube aber dass es ein Tag war, an dem es einfach mal nicht gut gelaufen ist. Das war eine Leistung, die so nicht mehr vorkommen sollte. Wir haben über Monate viele Dinge gute gemacht, gestern lief einfach viele schlecht.“

7. Individuelle Fehler

Es ist normal, dass im Fußball Tore durch Fehler fallen. Doch die Patzer beim HSV waren gravierend. Vor dem ersten Gegentor fehlte David Bates die Orientierung (siehe 5.), beim 0:2 patzte Steinmann (siehe 1.) und beim dritten Streich der Kieler ließ sich Holtby zuvor tunneln – die Höchststrafe für den Ex-Nationalspieler.

Passend dazu war Verteidiger Bates mit einer Zweikampfquote von mageren 20 Prozent nicht mal mehr schlechtester Hamburger in dieser Statistik. Janjicic (12 Prozent) und Narey (11) entschieden noch weniger Duelle für sich.

8. Weite Abstände zu den Gegenspielern

Doch es waren nicht nur individuelle Fehler, die zur Niederlage führten, sondern ein Fehlverhalten des gesamten Defensivverbunds. Die HSV-Profis nahmen die Zweikämpfe nicht an, gewährten ihren Gegenspieler viel zu viele Räume. Besonders bei den Gegentoren waren die Abstände zu den Torschützen zu groß.

„Ich gebe zu, dass ich gedacht habe, dass wir in dem Spiel eine andere Stärke zeigen, vor allem mit dem Ball. In der zweiten Halbzeit haben wir gegen den Ball nicht mehr gut gearbeitet, zu große Abstände gehabt und in den Zweikämpfen nicht mehr richtig verhalten“, analysiert Trainer Titz. „Es war augenscheinlich, dass wir nach dem Rückstand mit zu großen Abständen gespielt haben. Uns hat der Mut und am Ende die Konsequenz gefehlt. Drei Gegentore ärgern mich.“

Was also bleibt dem HSV nach der bitteren Landung auf den harten Zweitligaboden? „Noch sind 33 Spiele zu absolvieren“, bemerkte Becker mithilfe einer Floskel. Die Hamburger müssen nun die richtigen Schlüssel aus dem Debakel gegen Kiel ziehen – und es schon beim Auswärtsspiel in Sandhausen (12. August, 13.30 Uhr) besser machen. „Wir haben jetzt die Chance, nächste Woche vieles wieder gutzumachen“, weiß Becker.

Die bedrückten Spieler müssen den Worten ihrer Chefs jetzt auch Taten folgen lassen. Ansonsten dürfte auch der nächste Waldlauf von negativen Gedanken begleitet sein.

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