Meinung
Sportplatz-Kolumne

Warum hat der HSV nicht auf mich gehört?

Nach großen Worten folgten beim Bundesliga-Dino keine Taten – nun kursiert wieder das böse Wort „Abstieg“.

Überall um mich herum kursiert das schlimme und böse Wort „Abstieg“. Natürlich im Zusammenhang mit dem HSV, aber nicht erst in dieser Woche vor dem Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart. Dazu heißt es vielfach: „In dieser Saison ganz bestimmt.“ Mir schwant Böses. Was läuft da eigentlich immer wieder falsch? Wirklich Wahnsinn. Es war doch ganz anders geplant.

Ich muss das Archiv bemühen. Am 30. April 2017 erschien in der „Welt am Sonntag“ ein Interview mit HSV-Boss Heribert Bruchhagen, der einen Umbruch ankündigte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einige Wochen später nach dem Spiel gegen Wolfsburg das Gelände im Volkspark verließ. Auf die Frage, was ich jetzt nach der Rettung machen würde, antwortete ich: „Bis auf Mathenia (man kann ja mal irren!), Papadopoulos und Retter Waldschmidt würde ich alle vor die Tür setzen. Alle. Radikal. Und zwar schon morgen. Und dann würde ich das Beste von den Absteigern Ingolstadt und Darmstadt nach Hamburg holen. Weil die Herren es gewohnt sind und es auch gelegentlich super gezeigt haben, dass sie sich im Abstiegskampf den Hintern aufreißen können. Im Gegensatz zu den in der Hansestadt stets gepamperten und viel zu hoch bezahlten HSV-Stars.“

Zu dieser Aussage stehe ich noch heute. Doch der Umbruch sah dann in etwa so aus: „Papa“ wurde verpflichtet und ein „halber Hahn“ aus Mönchengladbach eingekauft – für sechs Millionen. S e c h s M i l l i o n e n. In Gladbach kugeln die sich noch heute jeden Montag um 15 Uhr in der Geschäftsstelle vor Freude.

Den Gegner nicht unnötig provozieren

Und was tat sich im Sommer beim HSV sonst noch? Jene Leute, die ich vor die Tür gesetzt hätte, wurden zu meiner großen Überraschung weiterverpflichtet. Weil sie ja wohl zuvor, wochen- und monatelang, fast überhaupt nichts damit zu tun hatten, dass der HSV wieder einmal in so arge Abstiegsnöte geraten war. Das waren bestimmt alle anderen ...

In meinen früheren Jahren war ich mal B-Lizenz-Trainer, also ein absoluter Amateur, habe es als kleiner und junger Coach auch nur bis zur Landesliga gebracht. Aber selbst dort habe ich schnell gelernt, den Gegner nicht unnötig zu provozieren. HSV-Trainer Markus Gisdol entschied sich jedoch für eine andere Variante. Er hat wohl total übersehen, auf welchem Platz seine Mannschaft vor dem Hertha-Spiel stand. Ich glaube, wenn ich es richtig erinnere, es war der Relegationsplatz. Ja, ich bin mir jetzt sogar ganz sicher. Und da verbietet es sich eigentlich von selbst, über Schwächen des Gegners zu sprechen.

Ach du heilige Saragossa Band

Gisdol („Sie wirken etwas verunsichert und sind nicht in ihrer besten Verfassung, da wollen wir gerne reinstoßen und diese Schwächephase ausnutzen“) interessierte das nicht. Ich dachte nur, als ich das hörte: Ach du heilige Saragossa Band! Der HSV stieß dann ja auch tatsächlich voll rein. Toller Plan. In etwa so wie der äußerst gelungene Umbruch im Sommer 2017.

Aber noch mal zurück zu Bruchhagen. Er beschwerte sich im Oktober öffentlich darüber, dass dem HSV so viel Häme entgegen gebracht wird. Dem 1. FC Köln und Werder zum Beispiel werde dagegen viel mehr Respekt gezollt. Nur: Wie lange spielen diese Clubs eigentlich schon immer und immer wieder gegen den Abstieg, wie oft waren sie mit Relegationsspielen beschäftigt? Und wie oft haben Köln und Werder in der jüngeren Vergangenheit 105 Millionen Euro Schulden und ein paar Zerquetschte verkünden müssen?

Und das wird dann doch schon mal in der Republik, der fußballerischen Republik jedenfalls, bemerkt, registriert und zur Kenntnis genommen. Und dann auch mal belächelt. Und mit etwas Häme garniert. Das jedoch würde sich wohl spätestens dann ändern, wenn wirklich mal ein HSV-Umbruch gelingen würde. Und wenn der HSV auch mal gegen einen schwächelnden und verunsicherten Gegner tatsächlich reinstößt – und gewinnt. Soll helfen. Wahrscheinlich sogar in Hamburg.

Dieter Matz schreibt ab sofort einmal monatlich eine Kolumne über die Geschehnisse beim HSV, die Sie im Internet unter www.abendblatt.de/matzab finden.