Meinung
Leitartikel

Neue Reform ist die letzte Chance der Fifa

Der Weltfußballverband will sich neu organisieren. Gelingt das, wäre das eine Revolution.

Der Umgang mit historischen Begriffen gebietet immer eine gewisse Demut, doch wenn das, was die Reformkommission des Weltfußballverbandes Fifa unter Vorsitz des Franzosen François Carrard vorgeschlagen hat, am Freitag wirklich die Zustimmung von zwei Dritteln der 207 wahlberechtigten Mitgliedsverbände findet, wäre das nichts anderes als eine sportpolitische Revolution.

Die Fifa will sich neu aufstellen. Schluss mit Korruption, Durchstechereien, schwarzen Kassen und anderen kriminellen Praktiken, die jahrzehntelang den Markenkern ausmachten und in den vergangenen Monaten staatsanwaltliche Ermittlungen in zahlreichen Ländern auslösten. Weg von mafiösen Strukturen hin zu einem transparenten Konstrukt, das innere und äußere Kontrollmechanismen auf allen Ebenen installiert. Gehälter sollen veröffentlicht, der Präsident entmachtet, das zwielichtige Exekutivkomitee zum Aufsichtsrat umfunktioniert, eine Frauenquote eingeführt und die Amtszeiten auf maximal zwölf Jahre begrenzt werden. Zudem sollen alle Kandidaten einen unabhängigen Integritätscheck durchlaufen. Wow!

Kommt diese Reform, dürfte es anschließend keine große Rolle mehr spielen, welcher der fünf mehr oder minder schlecht beleumundeten Herren Fifa-Präsident wird. Keiner des Quintetts steht mit seiner Biografie für einen glaubwürdigen Neuanfang, alle sind Nutznießer des alten, überholten Systems. Das macht aber nichts. Der Nachfolger des einst allmächtigen Joseph Blatter könnte höchstens noch Richtlinienkompetenzen ausüben, er wäre politisch zahnlos wie der Bundespräsident, zwar der Repräsentant des Weltfußballs, jedoch nicht mehr dessen Spielmacher. Die dann stark kontrollierte Macht würde auf die Arbeits- und Direktorenebene verlagert. Das nährt die Hoffnung, dass die Vergabe der Weltmeisterschaften künftig auch aus sachlichen Überlegungen getroffen wird und nicht mehr dem Verdacht ausgesetzt ist, gekauft worden zu sein.

Was die Reformkommission vorschlägt, ist angesichts der ruhmlosen Vergangenheit der Fifa alternativlos. Das dürften Funktionäre außerhalb Europas möglicherweise anders sehen. Sie haben es sich in den alten Strukturen bequem gemacht, von ihnen profitiert, einige sogar finanziell. Ihnen die Vorteile des Wandels zu vermitteln könnte schwerfallen. Scheitert die Reform, hat der Weltfußballverband seine Zukunft hinter sich. Abseits der Tribünen läuft längst die Suche nach Alternativen, die führenden Clubs der fünf europäischen Topligen in England, Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien warten nur auf den Moment, in dem sie sich von der Fifa lösen und ihre Interessen eigenständig organisieren können. Dass der Weltsport dermaßen in Bewegung kommen würde, hätte noch vor Kurzem niemand erwartet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter der Präsidentschaft des Deutschen Thomas Bach hatte mit seiner Reformagenda 2020 den Anfang gemacht, erste Standards von Transparenz und Glaubwürdigkeit gesetzt.

Doch es bleibt ein langer Weg, um das verspielte Vertrauen wiederzugewinnen. Zu viel ist passiert. Korruption beim IOC und der Fifa, hier wie dort Scheichs als dubiose Strippenzieher, als graue Eminenzen im Hintergrund. Die Weltverbände im Radsport (UCI) und der Leichtathletik (IAAF) duldeten Doping jahrzehntelang, und wohl nicht nur sie, IAAF-Präsident Lamine Diack ließ gegen entsprechende Gegenleistungen positive Urinproben ausschütten. Die Gier hatte – willkommen im Leben – über jeglichen Anstand, Respekt und Fairplay gesiegt, über all diese Werte, für die der Sport stehen will, mit denen er seine gesellschaftliche Sonderrolle rechtfertigt.

Dass ausgerechnet jetzt vom Fifa-Kongress in Zürich das Signal für eine Umkehr ausgehen könnte, das allein ist schon eine Sensation. Aber der Sport zieht ja bekanntlich seinen Reiz gerade aus diesen unerwarteten Ereignissen.