Meinung
Leitartikel

Alarmstimmung bei der Hamburger Schulpolitik

Der Autor leitet das Ressort Landespolitik des Abendblatts

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Foto: HA / A.Laible

Schülerleistungsvergleiche sind für Bildungsqualität unerlässlich. Es wird nur übertrieben.

Schon wieder ein Schülerleistungstest, und schon wieder gibt das Ergebnis aus Hamburger Sicht Anlass zur Sorge. Der Test mit dem kindgerechten Namenskürzel Kermit (Kompetenzen ermitteln) bescheinigt 35 Prozent der Drittklässler 2015 unterdurchschnittliche Leistungen beim Leseverstehen im Fach Deutsch, beim Sprachgebrauch sind es sogar 43 Prozent. Bei den Achtklässlern, die auch Kermit durchlaufen haben, ist die Lage ähnlich.

Dabei hatte erst kurz vor den Sommerferien in Sachen Rechtschreibung Alarmstimmung geherrscht: Die Vergleichsarbeiten der zehnten Klassen im Fach Deutsch an den stets leistungsorientierten Gymnasien waren grottenschlecht ausgefallen. Die Durchschnittsnote betrug 3,7. „Schuld“ war wohl vor allem ein in der Tat ziemlich fordernder Rechtschreibtest.

Es ist dringend an der Zeit, in Sachen Leistungs- und Kompetenzmessung von Schülern innezuhalten. Selbstverständlich sind Vergleichstests – auch zwischen den Bundesländern und nicht zuletzt international – heute ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung von Bildungsqualität. Die Vergleichbarkeit schulischer Abschlüsse ist in einer globalisierten Welt mit immer mobileren Arbeitnehmern unerlässlich. Und: Vergleichbarkeit muss auch innerhalb einer Stadt wie Hamburg gegeben sein. Das Abitur in Blankenese muss gleich viel wert sein wie in Billstedt. Das ist eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Niemand kann also daher vernünftigerweise zurückwollen in die alten Zeiten, als Lehrer vergleichsweise frei und „ungetestet“ unterrichten konnten und allenfalls am Ende, bei den Abschlussprüfungen, abgerechnet wurde. Aber: Mit geradezu paukerhafter Gründlichkeit ist seit dem Pisa-Schock aus dem alten Schonraum Schule beinahe ein gläsernes Klassenzimmer gemacht worden. Pisa, Iglu, TIMSS, Kess, Lau, Vera oder eben Kermit mit ihren regelmäßigen Wiederholungen – wie immer die fantasievollen Namen lauten mögen: Längst sind Leistungstests inflationär geworden, Studien von Instituten wie der Bertelsmann-Stiftung noch nicht einmal eingerechnet.

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Anlage und Konzeption der einzelnen Leistungsüberprüfungen sind zum Teil recht unterschiedlich, was eine direkte Vergleichbarkeit der Ergebnisse der einzelnen Länder häufig ausschließt – wie jetzt auch bei Kermit.

Im Grunde ist es so: Hamburger Schüler haben im Deutschen gravierende Probleme vor allem mit der Rechtschreibung. Auch bei den Leistungen im Angstfach Mathematik hinken die Hamburger hinter ihren Altergenossen in anderen Bundesländern her. Dass etwas geschehen muss, ist völlig unabweisbar.

Es zählt zu den bemerkenswerten Ereignissen der Hamburger Schulpolitik, dass sich immerhin SPD, CDU und Grüne 2010 darauf verständigt haben, den jahrzehntelang leidenschaftlich geführten, aber fruchtlosen Streit über die Schulstruktur zu beenden. Eine vergleichbare Anstrengung zur Steigerung der Bildungsqualität wäre hoch wünschenswert. Letztere ist ohnehin dringend erforderlich: Das bundesweite „Zentralabitur“ steht vor der Tür.

Ein Anfang ist gemacht: Die von den drei Parteien verabredeten kleineren Klassen lassen den Pädagogen mehr Zeit für jeden einzelnen Schüler. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat zudem ein Maßnahmenbündel zur Verbesserung der Rechtschreibung aufgelegt und eine „Mathe-Offensive“ gestartet. Das wird noch nicht ausreichend sein, kann und muss daher noch verbessert werden.

Und, ja, die starke Zuwanderung von Flüchtlingskindern stellt die Schulen vor zusätzliche Herausforderungen. Aber erstgemeinte Bildungspolitik ist immer das Bohren dicker Bretter.