„ZDF Magazin Royale“

Jan Böhmermann: Nie wirklich hundsgemein investigativ

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Jan Böhmermann am Donnerstag auf dem Weg zum Deutschen Fernsehpreis im Kölner Tanzbrunnen – tags darauf ging der Satiriker wieder im ZDF auf Sendung.

Jan Böhmermann am Donnerstag auf dem Weg zum Deutschen Fernsehpreis im Kölner Tanzbrunnen – tags darauf ging der Satiriker wieder im ZDF auf Sendung.

Foto: Picture Alliance

Gelungen, aber dennoch nicht lustig: Die neue Folge der Show des Fernsehpreisträgers hatte ihren komischsten Moment am Anfang.

Na, das passte doch: In der „Süddeutschen Zeitung“ musste sich der frisch gekürte Gewinner des Deutschen Fernsehpreises Jan Böhmermann kürzlich vorwerfen lassen, „linken Reinheitsfantasien“ anzuhängen. Böhmermann hatte gegen Markus Lanz gestänkert, weil der in seine Sendung die Virologen Alexander Kekulé und Hendrik Streeck eingeladen hatte.

Fachleute also, die in der Corona-Politik nicht jedermanns Meinung vertreten, aber doch auch Experten sind. Aber halt nicht die Lieblingsexperten Böhmermanns. Der wurde dann selbst abgewatscht, auch im Abendblatt („Der von vielen für jeden Witz abgefeierte Satiriker ist in Wahrheit ein Jakobiner des 21. Jahrhunderts“). Wird ihm nicht viel ausgemacht haben.

Böhmermann und der heilige Zorn des Autofahrers

Rein will er es ja wirklich haben. Und zwar, wie er in der neuen, insgesamt gelungenen Folge des „ZDF Magazin Royale“ mehr als deutlich machte: Auto-rein. Deutschland, das Kfz-geile (zugelassene Kfz in Deutschland: mehr als 48 Millionen!) und deshalb menschenfeindliche, seltsam verstockte Verkehrs-Land von vorgestern: Naheliegendes Thema, pointiert umgesetzt. Natürlich mit einem Einstieg, wie er einem Satireprofi gebührt. Böhmermann kam mit der Karre ins Studio, und er spielte den heiligen Zorn des armen Autofahrers, der einfach keinen Parkplatz findet.

Leider konnte er in der Folge nie wirklich hundsgemein investigativ sein und irgendeinen Wahnwitz offenlegen, der eh nicht jedem klar denkenden Menschen klar ersichtlich wäre. Obwohl das schon der Knackpunkt ist: Wie kann das eigentlich sein, dass Autos gerade in der Großstadt immer und überall stören und größtenteils die Umwelt verpesten, aber allgegenwärtig sind – und niemand ernsthaft was daran ändert?

Böhmermanns Fazit gerät desillusionierend

Diesbezüglich ist natürlich auch die gegenwärtige Politik allerreinste Blödheit. Böhmermanns Redaktion pickte sich clever Fakten und Erkenntnisse heraus. In Deutschland werden 300.000 Quadratmeter Fläche asphaltiert. Jeden Tag. In Deutschland, einem der wenigen Länder ohne Tempolimit, könnten laut Berechnung des Umweltbundesamtes pro Jahr fast zwei Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart werden – mit einem Tempolimit. Seit den Sechzigerjahren sind Autos im Schnitt 30 Zentimeter breiter und 60 Zentimeter länger geworden. Und für den Bau von Straßen laufen hierzulande derzeit 142 Enteignungsverfahren.

Uff. Wenig Hoffnung also, wo auch Grüne (Winfried Kretschmann: „Die Automobilindustrie muss transformiert werden, aber wir dürfen sie nicht überfordern“) nicht wirklich in die Puschen kommen. Überhaupt, dieses Feld erweist sich erwartungsgemäß als Ort, an dem die Elfmeter nur versenkt werden müssen. Böhmermann („Ich lass mir meine Freiheit nicht von der Natur kaputt machen“) brandmarkte erwartungsgemäß den Inzest zwischen Politik und Autoindustrie. Sein vernichtendes Fazit geriet so desillusioniert, dass man den sich um dieses Fazit legende vollumfänglichen Spott und die beißende Ironie tatsächlich als einzig probates Mittel betrachten mag. Keiner traut sich ans Auto ran, genau, oder, wie Böhmermann auch sagt: „Deutschland braucht eine Verkehrspolitik gegen das Auto.“

Christian Lindner liefert den lustigsten Moment

Der lustigste Moment dieser gar nicht lustigen Sendung kam relativ am Anfang. Pures Bewegtbildgold hatten sie da ausgegraben: Mit gekräuseltem Brusthaar saß da Porsche-Fahrer Christian Lindner ausnahmsweise mal als Beifahrer (was für ein visuelles No-Go – obwohl, gelenkt hat der passionierte Nicht-Regierende ja tatsächlich eh noch nie, parlamentarisch gesehen) im fahrenden Auto und zitierte bildungshuberisch Montesquieu (Böhmermann: „Ja, mon dieu Montesquieu, holleri-do-dödel-di-de-dödeldö“), um freie Fahrt für freie Bürger zu fordern. Noch mal Böhmermann: „Das Auto ist das letzte liberale Bollwerk gegen den gesunden Menschenverstand.“

Also, wo bleibt sie, die Mobilitätswende? In Deutschland, dem Land, in dem auch das Fahrrad erfunden wurde? Und warum enden in genau diesem Land niemals Autostraßen, immer wieder aber Fahrradwege? Weil Böhmermann, der begnadete Liedchenträllerer, seine Botschaften so gerne in musikalischen Darbietungen verpackt, entließ er sein Publikum, das er mit diesem Thema unbedingt ausnahmslos geeint haben sollte (oder etwa nicht?), mit dem fröhlich verzweifelten Stück „Warum hört der Fahrradweg hier auf?“.

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